Statistik: Immer mehr Eltern sind überfordert
zuletzt aktualisiert: 16.10.2006 - 12:13Wiesbaden (rpo). Die grausamen Kindestötungen - wie im Fall des kleinen Kevin aus Bremen - sind nur die Spitze des Eisberges: Die Erziehung wird für immer mehr Eltern zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe. Im vergangenen Jahr bekamen 54 Prozent mehr Mütter und Väter Hilfe von Sozialpädagogen als noch im Jahr 2000.
Insgesamt nahmen Ende vergangenen Jahres 30.000 Familien diese Hilfe in Anspruch, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Überdurchschnittlich stark war nach Angaben der Wiesbadener Statistiker der Anstieg der Hilfe suchenden Familien mit einem minderjährigen Kind. Erhielten im Jahr 2000 insgesamt 5.400 Ein-Kind-Familien diese Unterstützung, stieg deren Zahl 2005 um rund 78 Prozent auf dann 9.600.
Auch die Zahl von Kindern und Jugendlichen in betreuten Tagesgruppen nahm nach vorläufigen Zahlen im selben Zeitraum zu. Ende 2005 wurden 13.600 Kinder und Jugendliche so pädagogisch unterstützt. Das waren drei Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Dagegen sank in diesem Zeitraum die Zahl der außerhalb der Familie untergebrachten jungen Menschen. Ende 2005 waren 83.400 Kinder, Jugendliche und junge Volljährige nach vorläufigen Zahlen im Heim, bei einer Pflegefamilie oder in einer betreuten Wohnform untergebracht. Das waren acht Prozent weniger als 2000 mit 91.000.
Die sozialpädagogische Familienhilfe unterstützt Eltern bei Erziehungsaufgaben, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen sowie in Krisen- und Konfliktsituationen. Sie wird den Angaben zufolge über eine längere Zeit erbracht. Die Helfer besuchen die Familien regelmäßig und suchen gemeinsam nach Lösungen.
Neuer Fall von mutmaßlicher Kindstötung in Zwickau
Die Familienhilfe soll unter anderem verhindern, was in Deutschland zur Zeit fast täglich neu für Entsetzen sorgt: Die Misshandlung oder gar Tötung von Kindern durch ihre Eltern. Die meisten Einsätze der Sozialpädagogen sind weit weniger dramatisch - doch auch am Montag wurde wieder ein erschreckender Fall bekannt.
In Zwickau starb ein vierjähriger Junge mit schweren Verletzungen und deutlichen Anzeichen von Unterernährung im Krankenhaus .Die Mutter und ihr Lebensgefährte haben inzwischen Teilgeständnisse abgelegt. Beide hätten ausgesagt, dass der 45-Jährige das Kind misshandelt und die 28-Jährige dies mitbekommen, aber nicht eingegriffen habe, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Zwickau, Frank Hoffmann, am Montag auf ddp-Anfrage. Gegen das Paar war am Sonntag wegen Verdachts des Kindesmissbrauchs und des Totschlags Haftbefehl erlassen worden.
Der Mann hatte am Freitag die Rettungsleitstelle alarmiert, weil das vierjährige Kind angeblich die Treppe hinabgestürzt sei und sich dabei schwer verletzt habe. Der Notarzt habe den Jungen zwar noch reanimieren können, er starb aber wenig später in einer Klinik.
Die Polizei schaltete sich ein, da die Verletzungen des Vierjährigen nicht zu dem behaupteten Sturz passten. Laut Staatsanwaltschaft gab es "Anhaltspunkte für mutmaßlich schwere körperliche Misshandlungen". Die Obduktion habe ergeben, dass der Junge an einer Gehirnblutung gestorben sei, zudem sei sein Ernährungszustand "ausgeprägt mangelhaft" gewesen. Am gesamten Kindskörper seien zahlreiche Hämatome gefunden worden.
Die beiden ein und sechs Jahre alten Geschwister des Jungen wurden inzwischen in einem Kinderheim untergebracht. Am Wochenende durchsuchten die Ermittler das Siedlungshaus der Familie.
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