Jahresrückblick 2011: Bei der Bundeswehr wurde alles anders
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 25.12.2011 - 20:29Düsseldorf (RPO). Das Ende der Wehrpflicht, herbe Einschnitte bei der Ausrüstung, Einsätze im Libanon, vor Somalia, auf dem Balkan, im Sudan, in Georgien, in Usbekistan, in Uganda und im Kongo – die Bundeswehr hat Jahr mit vielen Veränderungen und Herausforderungen hinter sich. Unser Experte Helmut Michelis zieht Bilanz.
„Waffen und Windeln“ - unter dieser Überschrift ist Oberfeldwebel Annika Konitzer (28) zum Jahresende der Star auf der offiziellen Bundeswehr-Homepage geworden.
Denn die Sanitätssoldatin darf ihre zweijährige Tochter mit zum Dienst in die Ahlener Westfalen-Kaserne nehmen. Mal werde Lea von einem Kameraden im Kinderwagen um die Kaserne gefahren, „mal spielt die Kleine auf dem Hindernisparcours“, heißt es.
Diese untypische Soldatenstory ist exemplarisch für den neuen Weg, den die Bundeswehr jetzt einschlägt: Nach 55 Jahren wurde im Juli 2011 die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt; eine Berufsarmee muss verstärkt um qualifizierten Nachwuchs kämpfen. Dazu gehören auch attraktive Angebote für junge Mütter.
Das Jahr 2011 war ein Schicksalsjahr für die Bundeswehr, verursacht durch einen beispiellosen Milliarden-Spardruck. Dem fiel auch die Wehrpflicht zum Opfer. Letztmals mussten im März Wehrpflichtige die gefürchtete allgemeine Grundausbildung absolvieren.
Das Aufklärungsbataillon 6 im schleswig-holsteinischen Eutin hatte deshalb seine Rekruten mit einer ungewöhnlichen Einlage überrascht: Die letzten Kilometer der harten Abschlussübung wurden nicht wie üblich im Fußmarsch, sondern in zwei Transportflugzeugen der Luftwaffe zurückgelegt.
Freiflug für die letzten Wehrpflichtigen
Als die zweimotorige „Transall“ des Lufttransportgeschwaders 63 auf dem Flugplatz Jagel zum Start rollte, nickten die ersten Soldaten - die Gesichter von den Strapazen der letzten Tage gezeichnet - auf ihren olivgrünen Segeltuchsitzen total erschöpft ein.
Den Ausbildern um Oberleutnant Dirk Putscher (26) war die Überraschung trotzdem gelungen: Wohl erstmals und zugleich letztmals in der Geschichte der Bundeswehr durften Wehrpflichtige ihre Grundausbildung mit einem Flug abschließen. „Das war super“, waren sich die Soldaten nach der Landung einig.
Die 93 Rekruten der 5. Kompanie des Aufklärungsbataillons 6 gehörten zu den letzten von mehr als acht Millionen junger Männer, die über die zwangsweise Einberufung Dienst in der Bundeswehr leisten mussten.
Im April 1957 waren die ersten Wehrpflichtigen in die Kasernen eingerückt, im Juni 2011 zogen die letzten ihre Uniformen aus – die Bundeswehr, über viele Jahrzehnte durch ihre Wehrpflichtigen und Reservisten mit geprägt, wurde damit zur reinen Berufsarmee. Schrittweise war zuletzt bereits die Wehrdienstdauer von zwölf über neun auf nur sechs Monate gesunken.
Reichswehr war den Politikern Warnung
18 Stunden lang hatte der Bundestag am 6. und 7. Juli 1956 um die Einführung der Wehrpflicht gerungen – zu frisch waren die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die unheilvolle Rolle der Wehrmacht. Die Wiederbewaffnung Deutschlands war bereits beschlossen.
Doch erst durch die allgemeine Wehrpflicht glaubte man den geplanten Umfang der Bundeswehr von 500.000 Mann erreichen zu können. Auch Misstrauen gegenüber Soldaten spielte eine Rolle: Man hoffte, eine Wehrpflichtarmee einfacher in die junge Demokratie zu integrieren. Durch den ständigen Personalaustausch könne sich kein „Staat im Staate“ bilden. Die Reichswehr vor 1933 war den Politikern Warnung: Viele Soldaten standen der Weimarer Republik bestenfalls reserviert gegenüber.
Unerwartet folgten im April 1957 die weitaus meisten Wehrpflichtigen ihrem Einberufungsbescheid; Verweigerung wurde erst später zum Massenphänomen. Die ersten Soldaten wurden in Uniform in der Öffentlichkeit häufig angepöbelt.
Dabei hatte fast jede westdeutsche Familie eine Verbindung zur Bundeswehr – bis hin zu den Hunderttausenden Müttern junger Wehrpflichtiger, die jedes Wochenende die verdreckten Feldanzüge ihrer Söhne waschen mussten.
Ex-Mister-Universum als Obergefreiter
Ob der Hollywood-Schauspieler und Ex-Mister-Universum Ralf Moeller als Obergefreiter der Pipeline-Pioniere oder Airbus-Chef Thomas Enders (Spitzname: „Major Tom“) als Offizier der Fallschirmjäger – ganze Männer-Generationen hat die Wehrpflicht geprägt und war oft der erste Kontakt von Schülern, Lehrlingen oder Studenten zur Institution Staat.
Auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière (Oberleutnant der Reserve) sowie seine Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (Stabsunteroffizier d.R.) und Franz-Josef Jung (Obergefreiter d.R.) leisteten Grundwehrdienst. Dieser wurde durch die Pflicht zu regelmäßigen Wehrübungen ergänzt: Über 800.000 Alarm-Reservisten, die Helm und Uniform im olivgrünen Seesack daheim hatten, verfügte die Bundeswehr noch Ende der 80er Jahre.
Bei der Abschaffung der Wehrpflicht 2011 taten sich die Politiker deutlich leichter als ihre Kollegen bei der Einführung 1956: Eine auf Auslandseinsätze konzentrierte Bundeswehr, von keinem fremden Staat bedroht, brauche keine Zwangsrekrutierten mehr, hieß es.
Außerdem spare die Abschaffung der Wehrpflicht und damit auch der Kreiswehrersatzämter und der Grundausbildungsorganisation viele Millionen Euro. Aus der Öffentlichkeit gab es an dieser Entscheidung keine nennenswerte Kritik. Ob Euro-Krise oder Atomausstieg – die an ihren Streitkräften „freundlich desinteressierten Bürger“ (der damalige Bundespräsident Horst Köhler 2005 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Bundeswehr) befassten sich 2011 mit gänzlich anderen Themen.
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