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Jahresrückblick 2011: "Nowinski" gibt es nicht mehr

VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 20:28

Düsseldorf (RPO). Im Moment des größten Triumphes seiner Karriere wurde Dirk Nowitzki alles zu viel. Vier Sekunden vor Ende des sechsten NBA-Finalspiels gegen die Miami Heat kletterte der Star der Dallas Mavericks beim Stand von 105:95 über die Bande und verschwand alleine im Kabinentrakt. Nowitzki war nach 13 Jahren endlich am Ziel seiner Träume und wusste nicht wohin mit seinem Glück.

Weg, einfach nur weg. Während sich seine Mitspieler auf dem Platz um den Hals fielen, Besitzer Mark Cuban vor Freude die ganze Welt umarmen wollte, sah die Welt an den TV-Bildschirmen Nowitzki langsam in die Kabine schleichen. Der 2,13 Meter große Superstar fuhr sich durch die Haare und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Nowitzki sah überhaupt nicht glücklich aus. Eher müde und abgeschlafft. All die Anspannung der vergangenen Wochen und Monate waren soeben von den Schultern des blonden Hünen gefallen. Zwei Schritte später griff Nowitzkis rechte Hand in sein durchnässtes Trikot und zog dieses über das verschwitze Gesicht, dann verschwand er immer noch sprachlos in der Kabine.

Seit er 1998 den Sprung in die beste Basketball-Liga der Welt wagte und aus dem beschaulichen Würzburg zu den Mavericks wechselte, träumte er von diesem Moment. Nun stand er gemeinsam mit ein paar Underdogs auf dem Basketball-Olymp. Er hätte es sich einfacher machen können, hätte sich im Laufe seiner Karriere einem größeren Klub anschließen können. In Dallas ist er seit 2000 treffsicherster Korbjäger des Klubs, er ist der unumstrittene Führungsspieler der Texaner, das Gesicht der Mavericks. Ein Team, das noch nie den begehrten Meisterschaftsring ergatterte. Genau wie Nowitzki und die anderen NBA-Veteranen der Mavericks 2011 – bis zum 12. Juni diesen Jahres.

"Nowinski" ist Geschichte

Nowitzki war mit den Mavericks ein paar Mal nah dran. 2006 hatte das "German Wunderkind" die Texaner bereits in ein NBA-Finale geführt, damals hatte Miami mit 4:2 die Oberhand behalten. In der folgenden Saison wurden die Mavericks Meister der regulären Saison und schieden in der ersten Play-off-Runde sang- und klanglos aus. "Nowinski", titelten die US-Medien. Nowitzki sei zu weich, so der Vorwurf. Er könne kein Team zum Titel führen und deshalb sei er kein ganz Großer. Dieses Urteil mussten die Experten nun revidieren.

In den Play-offs besiegten die Mavericks zunächst die Portland Trail Blazers 4:2, Nowitzki erzielte in jedem der sechs mindestens 20 Punkte und überragte im entscheidenden Auswärtsspiel mit 33 Punkten und elf Rebounds. Der erste Schritt zum Titel war getan, doch noch hatten nur die kühnsten Optimisten Nowitzki und Co. auf dem Zettel. Das änderte sich schlagartig mit dem Viertelfinale gegen die Los Angeles Lakers. 4:0 gewannen die Mavericks gegen das erfolgreichste NBA-Team der jüngeren Vergangenheit um Superstar Kobe Bryant. Nach dem "Sweep" über den Titelverteidiger keimten in Dallas erste zarte Titelträume. Im Conference-Finale wartete Oklahoma Thunder mit NBA-Topscorer Kevin Durant. Das Duell der Superstars – und damit auch das Duell der Teams – entschied ein herausragender Nowitzki zu seinen Gunsten.

Dann das Finale. Wieder gegen Miami. Das Team, dass Nowitzki schon einmal den Titel vor der Nase wegschnappte. Eine Mannschaft, die eigentlich nur aus drei Superstars bestand: LeBron James und Chris Bosh waren vor der Saison nach South Beach gewechselt, um gemeinsam mit Dwyane Wade den Titel zu holen. Der Amerikaner sagt: Große Spieler entscheiden große Spiele. Doch könnte Nowitzki größer sein als die vielleicht besten drei Basketball-Profis der Welt? Spektakel, Glamour und große Sprüche trafen auf Teamgeist – und eben Nowitzki.

Finger, Fieber und Finale

Die Finalserie hatte noch einmal eine ganz spezielle Dramaturgie für den deutschen Protagonisten parat, das Schicksal schien sich wieder gegen ihn und seine Mavericks aufzulehnen. Das erste Spiel ging an Miami und Nowitzki riss sich eine Sehne im Mittelfinger der linken Hand. Doch auch diese Verletzung konnte ihn bei seiner Mission nicht stoppen, im zweiten Spiel drehte der angeschlagene Nowitzki im Alleingang die Partie, erzielte die letzten neun Punkte inklusive des finalen Korblegers. Spiel drei verloren Nowitzki und Co. trotz einer erneuten Gala-Vorstellung des Würzburgers, der mit einem Sprungwurf in der Schlusssekunde den Ausgleich verpasste. Gepeinigt von Fieber ging Nowitzki geschwächt in die vierte Partie. Vor dem Spiel von Miamis Superstars verhöhnt, traf er schlecht und sorgte Sekunden vor Schluss trotzdem für das 2:2 in der Serie. Eine echte Heldengeschichte!

Das entscheidende sechste Spiel ist wieder nicht Nowitzkis Spiel, doch sein Team trägt den Superstar, bis dieser im letzten Viertel zeigt, warum er nach dem Sieg zum "MVP" der Finalserie gewählt wird. Basketball-Fans in Deutschland freuen sich mit Nowitzki und feiern ihren Helden am frühen Morgen. Nowitzki hat es seinen Kritikern endgültig gezeigt. 13 Jahre harte Arbeit, Rückschläge, schöne Erinnerungen, all das zieht in diesem Moment an seinem inneren Auge vorbei. Ein Moment, der viel zu kurz ist, wie er später sagt, ein Moment, der unbeschreiblich ist. Belohnt wird er am Jahresende noch mit dem Titel "Sportler des Jahres", eine weitere individuelle Auszeichnung für den Teamsportler Nowitzki, der 2011 das größte Jahr seiner eindrucksvollen Karriere hingelegt hat.

Quelle: can/csi/sgo

 
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