Fußball-Jahres-Bilanz 2008: Top-Trainer und Rohrkrepierer
VON ROLAND LEROI - zuletzt aktualisiert: 27.12.2008 - 14:35Düsseldorf (RPO). Wenn in wenigen Tagen das letzte Kalenderblatt von 2008 abgerissen wird, dann gibt es einige Fußball-Trainer, die das alte Jahr ganz schnell abhaken möchten und auf einen erfolgreichen Neustart in 2009 hoffen. Etliche Übungsleiter werden die zurückliegenden Monate gar regelrecht verfluchen, andere wiederum noch lange in Erinnerungen schwelgen.
Einer, von dem selbst viele Fußball-Experten nicht gedacht hätten, dass er in der Lage sei, einen Mega-Coup zu landen, ist Horst Hrubesch. Als Vereinstrainer gelangen dem Ex-Nationalspieler bei Vereinen wie RW Essen überhaupt keine Erfolge, auch als DFB-Nachwuchs-Coach scheiterte er mit seinen Teams regelmäßig sehr frühzeitig in diversen Qualifikationsphasen.
Im Juni führte er aber die deutsche U-19-Nationalmannschaft zum Triumph bei der EM in Tschechien und beendete eine Durststrecke von 16 DFB-Jahren ohne Nachwuchs-Titel. "Es war ein Titel für die Ewigkeit", sagte Hrubesch hinterher strahlend. Das ist eine mehr als stramme Leistung, zumal "Hotte" aus Hamm-Pelkum auch bei der U 21 prompt positive Akzente setzte. Den Titel "Trainer des Jahres 2008" hat sich Hrubesch damit mehr als verdient.
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Neben Berti Vogts ist Hrubesch damit der einzige deutsche Fußballer, der als Trainer und Spieler Europameister wurde. Das hat Joachim Löw nicht mal zum Teil geschafft, dennoch ist die Bilanz des Klinsmann-Nachfolgers beachtlich. Trotz einiger Komplikationen führte er die Nationalmannschaft bei der EURO 2008 auf den zweiten Platz. Wer das nicht würdigt, hat zu hohe Ansprüche und zu wenig Respekt vor den Gegnern.
Denn mit Spanien holte sich eine Nation den EM-Titel, die lange darben musste und im vergangenen Juni einfach überzeugend spielte. Trainer Luis Aragones gelang es, eine kompakte Mannschaft zu formen, die dazu noch schönen Fußball spielt.
Die Kombination aus schönem und erfolgreichen Fußball gab es 2008 vergleichweise häufig zu beobachten. Als Vorzeige-Modell gilt 1899 Hoffenheim, wo Ralf Rangnick den Fußball zwar nicht erfunden hat - auch wenn er das bisweilen zu glauben scheint -, dafür sein Konzept aber prima umsetzt. Mit dem nötigen Kleingeld und ebenso viel Fachwissen ist Hoffenheim zum zunächst ebenbürtigen Konkurrenten für den FC Bayern gewachsen.
Unverständlich bleibt es in diesem Zusammenhang nur, dass Rangnick diese Erfolge, die so viele erfreuen, offenbar nicht richtig zu genießen weiß. Nur sehr selten lacht der Coach oder lässt sich gar von den Emotionen seiner Mannschaft mitreißen. Es ist Rangnick anzumerken, wie sehr er bei seinen vorherigen Stationen, wo ihn niemand verstanden haben muss, gelitten hat. Mit verbissenem Gemüt kann er nun auf seine Weise Rache üben und allen zeigen, dass er in Wirklichkeit eben doch ein Fußball-Professor ist. Ob das sympathisch rüber kommt, darf an dieser Stelle kein Maßstab sein.
Verbissen reagieren Trainer auch, wenn sie mit ihren Latein am Ende zu sein scheinen und abgelöst werden. Mehrere Übungsleiter erwiesen sich am Ende nur als Enttäuschungen mit eingeschränkter Halbwertzeit. Armin Veh etwa, der Stuttgart noch 2007 zum Meistertitel führte, dem zuletzt bis zu seiner Entlassung im November aber kaum noch etwas gelang.
Oder Jos Luhukay, der nur vier Monate nach seinem gefeierten Bundesliga-Aufstieg mit Borussia Mönchengladbach schon wieder gehen musste und einen Scherbenhaufen hinterließ. Wer den guten Niederländer wohl falsch beraten hat? In Leverkusen traf es im Sommer Michael Skibbe, dessen Nachfolger Bruno Labbadia in die Sparte "Top-Trainer des Jahres" gehört.
Bei Borussia Dortmund war ab Mai kein Platz mehr für Thomas Doll, zuvor musste bereits der oft überschätzte Mirko Slomka bei Schalke gehen. In Gelsenkirchen liegen die Gründe für die wieder mal zerplatzten Titel-Träume allerdings tiefer. Mit Fred Rutten ist momentan auch Slomkas Nachfolger auf dem Weg dahin, ein Rohrkrepierer zu werden.
Im Endeffekt stimmen die Ansprüche der Schalker nicht mit dem realistisch Machbaren überein. Meister-Titel? Träumt weiter! Gehen mussten ebenso mit Thomas von Heesen (Nürnberg), Frank Pagelsdorf (Rostock) und Rudi Bommer (Duisburg) auch alle drei Bundesliga-Abstiegstrainer - aber erst, nachdem sie auch in der 2. Liga noch etwas weiter erfolglos werkeln durften.
Anspruch und Wirklichkeit klaffen auch in Hannover bei Dieter Hecking weit auseinander, während beim 1. FC Köln nach gefühlten Epochen der Enttäuschung mal alle gesteckten Ziele erreicht wurden. Das ist fürwahr eine Meisterleistung, die wohl nur dem früheren Duisburger Christoph Daum gelingen konnte.
Viel mehr als zuvor erwartet hat Michael Frontzeck geschafft. Dem Klassenverbleib mit Arminia Bielefeld ließ der ehemalige Gladbacher auch in dieser Saison weitere Siege folgen.
Zwar wird Bielefeld auf Strecke weiter im Abstiegskampf stecken, doch dass die Ostwestfalen angesichts ihrer geringen finanziellen Möglichkeiten überhaupt erstklassig spielen dürfen, ist keineswegs selbstverständlich. Im Endeffekt sind es aber unspektakulär auftretende Trainer wie Frontzeck in Bielefeld oder Friedhelm Funkel in Frankfurt, die derlei "Wunderdinge" möglich machen.
Am Nachwuchs solcher Typen fehlt es glücklicherweise nicht. In Ahlen ist die Erfolgsbilanz von Christian Wück, der die Wersestädter überraschend zurück in den Profifußball führte, durchaus bemerkenswert. Betont sachlich tritt Wück auf und muss sich mit Abstiegssorgen erst gar nicht herumquälen.
In Oberhausen gelang dem Duo Hans-Günter Bruns/Jürgen Luginger mit dem Durchmarsch von der Oberliga in die 2. Liga eine noch beachtlichere Entwicklung. Bruns, Wück und Frontzeck gehören mit Sicherheit zu den Trainern, die später sehr gerne auf 2008 zurückblicken. Auch wenn sie das heute nicht zugeben würden.
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