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Finanzkrise: Wie ein Buschfeuer zum Flächenbrand wurde

VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 18.12.2008 - 16:43

Essen (RPO). Kaum ein Thema hat die Deutschen 2008 so beschäftigt wie die Finanzkrise. Was mit unbezahlten Immobilienkrediten in den USA anfing, hat inzwischen die gesamte Weltwirtschaft infiziert. Banken standen reihenweise vor dem Bankrott, die Aussichten für die kommenden zwei Jahre sind düster. Schuld sind die Nieten in Nadelstreifen, die im Casino Global alles auf eine Farbe setzten.

Alles begann 2007. Erstmals kursierten Meldungen über US-amerikanische Häuslebauer, die ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Doch die Vereinigten Staaten sind weit weg - und wenn ein paar Immobilienbesitzer jenseits des großen Teiches ihre Hypotheken nicht abstottern können, wen interessiert das in Deutschland? In der globalisierten (Finanz-) Welt wird jedoch keine Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Aus ein paar US-Bürgern, deren Traum vom Eigenheim mit der Zwangsversteigerung endete, wurden über zwei Millionen. Und aus den Verlusten wurden Milliarden. Anders als in Deutschland vergaben die amerikanischen Banken auch schlecht gesicherte Kredite. Eigenkapital? Nicht nötig. Festes Einkommen? Ebenfalls nicht. Bonitätsprüfung? What's that?  

Billiges Geld für alle

In den USA waren nämlich alle Gutverdiener weitestgehend mit Hypotheken versorgt, die neue Nische hieß Subprime. Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten konnten, bekamen Kredite. Dann ging es mit der Wirtschaft aufwärts, die Zinsen stiegen und mit ihnen auch die monatlichen Raten - feste Zinsbindung ist in den USA eher Ausnahme denn die Regel. Mancher Kreditnehmer musste am Ende über die Hälfte des Einkommens Monat für Monat an die Bank überweisen.

2007 brach das System zusammen, doch das Buschfeuer schien ein Buschfeuer zu bleiben. Doch die Krise feierte im Spätsommer 2008 ein Comeback – sie trug allerdings nicht mehr den Namen Subprime-, sondern Bankenkrise. Das turbokapitalistische Worst-Case-Szenario trat ein: An dem Geschäft mit den Krediten wollten viele mitverdienen. Schließlich lockten vergleichsweise hohe Renditen, bei einem vermeintlich überschaubaren Risiko, wie von den Ratingagenturen bestätigt wurde.

Doch das Mantra des Kapitalmarkts lautet: Höhere Rendite gibt es nur bei höherem Risiko. Die Banken mit den US-Darlehensnehmern hatten die Kredite bzw. die Risiken eines Zahlungsausfalls weiterverkauft. Der Käufer wiederum zerstückelte die Forderungen nochmals und deren Käufer verpackte die Papiere nochmals anders. Am Ende wusste niemand mehr, was im welchen Paket steckte, die Börse aß ihre Kinder. Gleichzeitig gingen die Immobilienpreise in den USA in den Sinkflug, die Forderungen waren also immer schlechter besichert.

Lehman Brothers: Der große Knall

Im Spätsommer kam der große Knall. Der Gau des Kapitalmarkts zwang alles Akteure, nach und nach ihre Karten auf den Tisch zu legen. Höhepunkt war der 15. September, als die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden musste. Das Traditionshaus, eigentlich "solid as a rock" ("fest wie ein Fels"), sorgte für eine Kettenreaktion.

In Deutschland wunderte man sich, wer alles im „Casino Global“ („Der Spiegel“) mitgezockt hatte. Während sich die Deutsche Bank einigermaßen aus der Affäre ziehen konnte, kamen zahlreiche staatliche Landesbanken, die eigentlich Kredite für den Mittelstand zur Verfügung stellen sollen, in Bedrängnis. Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate stand kurz vor dem Aus. In den USA, eigentlich einem Hort des Marktliberalismus, wurden Hypothekenbanken verstaatlicht.

Von da an gab es kein Zurück: Die Politik sah sich zu einem drastischen Eingreifen gezwungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück garantierten eilig für sämtliche Sparguthaben in Deutschland, ein Schutzschirm für die Banken wurde aufgespannt.

Gau für das Finanzsystem

Doch die Geister, die die Finanzjongleure von der Wall Street bis zur Sachsen LB gerufen hatten, wollten nicht mehr verschwinden. Das System geriet aus den Fugen, denn der Interbankenhandel, also das Verleihen von Geld zwischen den Banken, kam zum Erliegen – keiner vertraute mehr seinem Gegenüber. Deutsche Anleger schichteten hastig ihr Vermögen um, physisches Gold wurde knapp, ein Run auf sichere Staatsanleihen begann, die Börsen brachen weltweit ein. Mit Island und Ungarn standen zwei Staaten vor dem Bankrott.

Und nun? Was als Buschfeuer begann, ist inzwischen in der Realwirtschaft angekommen. Autohersteller, Stahlkonzerne, der Maschinenbau, die chemische Industrie - alle klagen über Auftragsrückgänge, drosseln die Produktion und entlassen ihre Leiharbeiter. In den Medien überschlagen sich Horrormeldungen über die derzeitige Rezession, die Arbeitslosenzahl soll deutlich steigen. Wann der Flächenbrand hingegen gelöscht ist, steht in den Sternen.


 
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