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Jahresrückblick: 2009, das war auch viel Twitter-Hysterie

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 29.12.2009 - 11:54

Düsseldorf (RPO). 2009 war das Twitter-Jahr. Die Zahl der Nutzer und ihrer flüchtigen Kurzbotschaften ist explodiert. Einige wenige der Mitteilungen ragten aus der Masse heraus, sorgten für helle Aufregung, lösten Empörung, Diskussionen oder zumindest Erstaunen aus. Wir schauen zurück auf die herausstechenden Frequenzen im großen Netz-Rauschen.

Twitter hat die Welt rasant beschleunigt. Das Jahr 2009 war wie kein zweites geprägt von diesen kleinen Mitteilungen und ihren bisweilen großen Folgen, ausgesandt in Echtzeit von einem einzelnen Nutzer hinaus in die Welt. Mehrfach war im Zusammenhang mit dem Microblogging-Dienst sogar von einer Revolution zu lesen.

Twitter-Urknall im Hudson

Ob man gleich so hoch greifen muss, bleibt abzuwarten. Aber Twitter hat in diesem Jahr vieles verändert. Los ging es am 15. Januar. Ein spektakuläres Ereignis und ein Zufall machten Twitter zum Weltstar. Der US-Manager Janis Krums war auf einer Fähre direkt am Ort des Geschehens, als der Airbus in New York auf dem Hudson River notlandete. Er hielt das Ereignis mit seinem iPhone fest und twitterte die Nachricht mitsamt Foto hinaus in die Welt. Binnen weniger Minuten ging die Geschichte durch das Netz. Rund um den Globus. Den klassischen Reportern blieb nur das Staunen.

Fortan war Twitter das große neue Ding. Die aufgeregte Stimmung erinnerte an die mitunter hysterisch anmutende Diskussion über die Anfänge des so genannten Bürgerjournalismus. Die Amateur-Fotos der Tsunami-Katastrophe in Südostasien im Jahr 2004, die Videos der Terroranschläge von London oder dem Hurrikan Katrina in New Orleans - all das hatte Redaktionen, Verlage und Medien-Experten in helle Aufregung versetzt. Dass Menschen mit einem Handy als Erste ein großes Ereignis publik machten, hat das Denken der Medien verändert. Verlage versuchten, Bürgerreporter einzubinden, Journalisten durchforsten seitdem das Internet gezielt als mögliche Quelle für Augenzeugen und Erlebnisberichte.

Ein Kanal mit Licht und Schatten

Twitter hat das Rad noch schneller gemacht. Studien zeigen: Oftmals sind Nachrichten über Twitter schon längst publik, bevor die klassischen Medien sie aufgreifen. „Echtzeit“ lautet das Stichwort. Die Neuigkeiten sind in Sekunden ins Netz eingespeist und noch während des Ereignisses öffentlich verfügbar. Dass ein Großteil der oftmals profanen Twitter-Inhalte die Öffentlichkeit nicht interessiert, spielt dabei keine Rolle. Wenn sich in der Umgebung des Twitterers etwas Bahnbrechendes ereignet, ändert sich auch der Nachrichtenwert seines Tweets in Sekundenschnelle.

An der Hudson Bay hatte dieses faszinierende Phänomen seine ideale Entsprechung gefunden. Ein anderer großer Twitter-Ausschlag im Jahr 2009 zeigte auf radikale Art und Weise die Schattenseiten auf. Der Amoklauf in Winnenden und das, was parallel auf Twitter geschah, verkörperte das Gegenstück zu der Retter-Geschichte aus New York und der jubelnden Anteilnahme der Internetgemeinde.

Das Amok-Verhaltensmuster

Unter dem Nutzernamen "tontaube" schrieb im März 2009 ein junges Mädchen als Erste einen Twitter-Eintrag aus Winnenden – und wurde von den Medien aus dem In- und Ausland überrannt. Ihr schnell vorgebrachter Einwand, sie sei doch gar nicht vor Ort, sondern am anderen Ende der Stadt, wurde ignoriert. „tontaube“ war an diesem Tag nur die Spitze des Eisbergs. Unter dem Suchbegriff Winnenden fand sich bei Twitter rasend schnell eine Flut von Beiträgen. Alles in allem eine Mischung aus Gaffertum, Sensationsgier, Zynismus und Medienkritik.

Winnenden wird zur Folie für weitere, vergleichbare Twitter-Hysterien. Den Brandanschlag von Ansbach vom September twitterte ein Unbeteiligter sensationsheischend als „Amoklauf“, um wenig später festzustellen, er sei kein Augenzeuge. Ein unbedarfter Nutzer twittert den Polizeifunk, als ein Mann im August in Schwalmtal drei Menschen erschoss und sich mit der Waffe in einem Haus verbarrikadierte. Beim Ausbruch der zwei Schwerverbrecher aus der JVA Aachen spekulieren Twitterer während der laufenden Großfahndung in Mülheim über SEK-Einsätze und Fluchtfahrzeuge.

Ist Twitter böse?

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Twitter – ein einziger Mitteilungssumpf aus aufgeschnappten Beobachtungen, Halb- und Unwahrheiten? Tatsächlich bleibt das, was beim Microblogging geschrieben wird, zunächst ungefiltert. Der Wahrheitsgehalt lässt sich schlecht überprüfen. Zu den beliebtesten Themen bei Twitter zählen nicht rein zufällig Spekulationen darüber, ob sich hinter einem berühmten Benutzernamen wirklich der Promi-Nutzer verbirgt oder nur jemand, der so tut als ob.

Was Kritiker aber gerne vergessen, ist die kritische Öffentlichkeit, die sich auch bei Twitter verlässlich zeigt. Nutzer, die sich auf Kosten anderer profilieren und fundamentale soziale Regeln missachten, stoßen schnell auf Missachtung. Zahlreiche Nutzer forderten den Twitter-Gaffer von Schwalmtal auf, seine Berichte zu stoppen, als er die polizeilichen Ermittlungen mit der Veröffentlichung des Polizeifunks gefährdete. "Jetzt sind schon die Twitterer mediengeil", lästerte ein wohltuend distanzierte Beobachter. Der so kritiserte Nutzer JO31DH löschte wenige Stunden später seinen Account. Soziale Kontrolle - sie funktioniert auch bei Twitter.

Den Verlockungen erlegen

Handicap bei der Sache: Ist die Nachricht einmal ins Netz gelangt, ist es zu spät für ein Zurück. Das musste nicht nur der Twitter-Gaffer von Schwalmtal erfahren, als er ein Verfahren am Hals hatte. Auch in der hehren Politik machten vorschnelle Twitterer ihre Erfahrungen mit vorschnell veröffentlichten Plauderein. Die Tweets der beiden Politiker Ulrich Kelber (SPD) und Julia Klöckner (CDU) sorgten im Mai sogar für einen gehobenen Eklat. Aus der Zählkommission heraus twitterten sie vorab das Wahlergebnis. Bundestagspräsident Norbert Lammert war düpiert. Als er offiziell das Ergebnis in der Bundesversammlung verkündete, wusste die Öffentlichkeit schon Bescheid.

Es scheint, als ob auch die beiden Twitter-Politiker der Versuchung nicht widerstehen konnten, ihr exklusives Wissen kundzutun. Ähnlich wird es womöglich auch denjenigen ergangen sein, die wenige Monate später vor Schließung der Wahllokale im Saarland Umfrageprognosen  zu verbreiten. In einem derart dynamischen Umfeld wie Twitter reicht ein einziger Dummer aus, um eine Menge Schaden anzurichten.

Es ist mehr als das

Dass Twitter aber mehr ist als ein Spielfeld von selbstgefälligen Profilneurotikern, zeigt ein anderes Phänomen aus dem Jahre 2009: Die Proteste im Iran machten deutlich, welche Kraft Twitter entfalten kann. Als im Juni das Regime in Teheran per Zensur das Land abriegelte, unterwanderte die Protestbewegung die staatlichen Repressalien via Internet. Über Twitter und andere Kanäle schilderten sie der Weltöffentlichkeit in Wort und Bild, was in den dramatischen Stunden auf den Straßen Teherans geschah. Allein die Masse der Mitteilungen und der politische Kontext machte ihre Twitter-Botschaften glaubwürdig.

Massenbewegungen bei Twitter gibt es immer wieder. Alle an dieser Stelle aufgeführten Großereignisse gehörten dazu. In den Schatten stellte sie aber die globale Twitterflut am 25. Juni. Es war der Tag, an dem Michael Jackson starb. Zeitweise schien das Netz kurz vor dem Zusammenbruch. Eine vergleichbare Flut an Tweets hatte es zuvor nur bei der Wahl Barack Obamas gegeben. Die Gründe liegen auf der Hand: Getwittert wurde nicht nur in den USA. Menschen aus der ganzen Welt verspürten das Bedürfnis, via Twitter dabei zu sein und auf diesem Wege Betroffenheit miteinander zu teilen. Nie wurde bisher so eindrucksvoll deutlich, wie das Internet die Welt umspannt.

Das war 2009. Ob es mit Twitter und seinem Wachstum so weitergeht, steht in den Sternen. Zukunftsprognosen für ein dynamisch-innovatives Medium sind immer Kaffeesatzleserei. Aber in der Historie der Mediengeschichte hat es einen festen Platz erobert: Das Echtzeit-Internet ist da. Vor wenigen Wochen hat Google bekannt gegeben, dass es von nun an auch Twitter-Feeds in seine Suche integrieren wird. Die Spanne vom Ereignis bis zum Treffer bei der Internetsuche wird damit gleich Null. Es dürfte schwer sein, das zu toppen.


 
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