Jahresrückblick 2009: Apple: Kultmarke am seidenen Faden
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 19.12.2009 - 12:03Düsseldorf (RPO). Apple ist kein herkömmliches Unternehmen, für das 2009 kein herkömmliches Jahr war. Die Computerschmiede aus dem Silicon Valley hat überwiegend keine Kunden, sondern Fans. Apple feierte 2009 neue Rekorde, musste aber auch schmerzlich feststellen, wie verwundbar es durch die Abhängigkeit zu Übervater Steve Jobs geworden ist. Außerdem brachte das Jahr einen neuen Gegner für Apple, der das Unternehmen mit einer grundsätzlich anderen Strategie herausfordert.
Das Jahr begann für Apple mit einem Schock: Im Januar teilte der Firmengründer offiziell mit, er wollte von bis Juni eine Auszeit nehmen – aus gesundheitlichen Gründen. Die Börse reagiert sofort auf diese beiden Reizworte: Noch am selben Tag schließt die Apple-Aktie zehn Prozent niedriger. Eine knapp gefasste E-Mail von Steve Jobs an seine Mitarbeiter vernichtet so an einem einzigen Tag rund 7,2 Milliarden Dollar Börsenwert.
Apples Aktienkurs erholte sich, genau wie der Chef. Seit November hat Apple gemessen am Börsenwert sogar Google überholt. Abgemagert, durch seine Krankheit gezeichnet – aber mit gewohntem Elan – kehrte er wie angekündigt im Juni zurück. Die mitgebrachten Produktverbesserungen waren kein Paukenschlag, sondern Feinarbeit: Neben neuen iPod nanos mit Videofunktion gab es nur kleine Produktupdates – Modellpflege, keine Revolution. Mit mehr Begeisterung wurde das jüngste Update von Apple-Produkten von der Fan-Gemeinde aufgenommen: Der Computerbauer spendierte seinen hochpreisigeren iMacs 27-Zoll-Bildschirme und dem High-End-Modell sogar ein Vier-Kern-Prozessor-Design.
Erfolgreicher ohne Innovationen
Echte Innovation waren von dem kalifornischen Konzern allerdings schon länger keine mehr zu sehen. Das Unternehmen, das als erster einen PC mit grafischer Bedienoberfläche auf den Markt brachte, zeigt sich schon seit Jahren nicht mehr so innovativ wie früher, wie die beiden Innovationsforscher Thierry Rayna (Imperial College, London) und Ludmila Striukova (University College London) in einer Studie vom Mai dieses Jahrs zeigen.
Während Apple in den 1980er und 1990er Jahren zwar hochinnovativ aber meist wenig profitabel war, kommen von dem Unternehmen inzwischen kaum noch echte Produktneuheiten, stellten die Forscher fest. Stattdessen wurden Produkte, die von anderen erfunden wurden – wie beispielsweise Mp3-Player – nur noch abgewandelt und verkauften sich vor allem durch schickes Design. Diese Strategie sei auch deutlich profitabler, als echter Innovationsführer zu sein, so die Wissenschaftler. Auch das sehr erfolgreiche iPhone war bei weitem nicht das erste Smartphone auf dem Markt.
Neue Konkurrenz durch Google
2009 war auch das Jahr, in dem die Karten unter den Computer-Riesen neu gemischt wurden: Größter Konkurrent Apples ist zunehmend nicht mehr der alte Feind Microsoft oder gar das noch ältere Feindbild IBM, das Apple in den 1980er Jahren noch als allmächtigen Gegner aus einer owell’schen Welt betrachtete. Mit Microsoft wurde längst eine Art Burgfrieden geschlossen: Seit auch Apple auf Prozessoren aus dem Hause Intel setzt, läuft Windows auch auf den Apfel-Rechnern als Zweit-Betriebssystem neben Mac OS X – dank der Apple-Software „Boot Camp“ sogar ganz offiziell. Microsofts kommerziell wichtigste Software Office läuft ohnehin schon lange auf den Macs.
Stattdessen kristallisierte sich 2009 zunehmend der Web-Riese Google als Herausforderer heraus. Mit dem Handy-Betriebssystem Android startete Google einen Frontalangriff auf Apple, auch auf dem Gebiet der Browser und bald auch auf dem Betriebssystem-Markt, sind Apple und Google direkte Konkurrenten – auch wenn Google dort bisher nur die Sparte der für Apple wenig interessante Netbook-Sparte in Angriff nimmt. Google-Chef Eric Schmidt, der auch bei Apple im Aufsichtsrat saß, hat den Apple-Aufsichtsrat im Oktober 2009 konsequenterweise verlassen. Begründung: Mögliche Interessenkonflikte.
"Playmobil"- gegen "Lego"-Modell
Apple und Google verfolgen dabei grundsätzlich andere Strategien: Das Produktangebot von Apple und Google lässt sich vielleicht mit Playmobil (Apple) und Lego (Google) vergleichen: Apple bietet seinen Kunden ein komplett fertiges Produkt. Alle Teile sind aufeinander abgestimmt, was jedoch auch die Freiheit einschränkt. Wer einen iPod kauft, muss iTunes nutzen. Googles Produkte dagegen gleicht eher einem Lego-Spielzeug: Die Teile lassen sich neu zusammensetzen und dem Nutzer somit alle Freiheiten.
Beim iPhone kontrolliert Apple, welche Programme (Apps) über den eigene App Store erhältlich sind – und kassiert dabei übrigens kräftig mit. Offene patentfreie Formate wie Ogg Vorbis werden von Apple-Produkten wie dem iPod oder iTunes nicht unterstützt. So war es beispielsweise auch Apple, die als Mitglied des für Web-Standards verantwortliche W3-Konsortiums verhinderte, dass der freie Videocodec Thoera zu einem HTML-Standard wird.
Kritiker bemängeln die fehlende Freiheit, Apple-Benutzer loben dagegen häufig das von der Hard- bis zur Software komplett abgestimmte Komplettpaket. Eine Studie der dänischen Firma Strand Consult will bei Apple-Benutzern sogar Parallelen zum Stockholm-Syndrom gefunden haben, bei dem sich Geiseln mit ihren Geiselnehmern identifizieren. Google dagegen setzt auf Offenheit: Das Handy-Betriebssystem Android ist genau wie das Chrome-Betriebssystem für Netbooks ein Open-Source-System auf Linux-Basis, an dem Entwickler auf der ganzen Welt aufgerufen sind, mitzuarbeiten. Google kontrolliert – anders als Apple beim iPhone – auch nicht, welche Programme darauf ausgeführt werden dürfen und unterstützt offene Formate.
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