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Jahresrückblick 2009: Der Tod des Robert Enke

VON CHRISTIAN KURTH - zuletzt aktualisiert: 27.12.2009 - 15:51

Düsseldorf (RPO). Es war schon dunkel an jenem Dienstagabend, als in den Kneipen Deutschlands plötzlich getuschelt wurde. Und dann wurde es lauter. "Robert Enke ist tot", sagte einer. Und keiner wollte ihm glauben. Doch der Satz wiederholte sich in anderen Ecken.

Am 10. November ergriff Fassungslosigkeit das Land, deren Menschen Radios und Fernseher einschalteten oder im Internet nach den jüngsten Ereignissen zum Tod des Fußball-Nationaltorhüters suchten. Er hat sich vor einen Zug geworfen. Er hatte Depressionen. Keiner hatte etwas geahnt, nur seine engsten Vertrauten.

Er hinterlässt seine Frau und eine neun Monate alte Tochter.

Zigtausende strömten am gleichen Abend zur Unfallstelle und zum Stadion seines Bundesliga-Vereins, Hannover 96. Im Ausland wurden spontan Schweigeminuten abgehalten. Beileidsbekundungen en masse erreichten Deutschland.

Wie konnte das passieren? Ein junger, sympathischer Mann, der nur scheinbar hatte, wovon viele träumen, ein unbeschwertes Leben. Wir blicken auf die Ereignisse nach dem Tod des 32-Jährigen zurück.

Dienstag, 10. November: Die Polizei Hannover gab am späten Abend erste Details der Todesumstände Enkes bekannt. "Er wurde gegen 18.25 Uhr bei Neustadt am Rübenberge von einem Regionalexpress überrollt, der zwischen Hamburg und Bremen unterwegs war. Der Zug war mit etwa 160 km/h unterwegs. Der Zugführer hatte eine Person bemerkt und den Verdacht, diese erfasst zu haben." Enke wohnte nur drei Kilometer von der Unglücksstelle entfernt.

Info

Robert Enke im Stenogramm

Geboren: 24. August 1977 in Jena, gestorben am 10. November 2009 in Neustadt am Rübenberge
Verheiratet mit Teresa, eine adoptierte Tochter
Verein: Hannover 96
Frühere Vereine: SV Jenapharm Jena, Carl Zeiss Jena, Borussia Mönchengladbach, Benfica Lissabon, FC Barcelona, Fenerbahce Istanbul, CD Teneriffa
Erstes Länderspiel: 28. März 2007 in Duisburg gegen Dänemark (0:1)
Länderspiele: 8 (0)
Bundesligaspiele: 196 (0)
1. Liga Portugal: 77 (0)
Primera Division: 1 (0)
1. Liga Türkei: 1 (0)
Größte Erfolge: Dritter Platz 2000 in der portugiesischen Liga mit Benfica Lissabon

Donnerstag, 12. November: Christoph Daum war seit 2003 über die schweren Depressionen des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke informiert. "Ja. Er war gerade zwei Wochen bei uns, da kam er in mein Büro und vertraute sich mir an. Ich habe ihm gesagt: Robert, ich helfe Dir, wo ich kann, weil ich absolut von Dir überzeugt bin. Ich habe ihm einen Experten aus Köln empfohlen", sagte Enkes ehemaliger Trainer dem "Express". Der Fußballer war seit 2003 bei dem Kölner Psychiater Valentin Markser in Behandlung.

Freitag, 13. November: In den Herzen der Fußball-Fans wird Enke ewig einen Platz einnehmen. Und das auch bei den Teamchefs von RP ONLINE. Aus diesem Grund wird Enke bis zum Saisonende nicht aus dem Managerspiel gelöscht – Es wird darum gebeten, ihn in den Teams am kommenden Spieltag sogar aufzustellen. Die Idee kommt aus der großen Teamchef-Gemeinde selbst. Noch am Abend des Freitods von Robert Enke, der sich am frühen Abend des 10. November vor einen Zug in der Nähe von Hannover warf, schrieb ein User namens "stepone": "Auch wenn es nur eine kleine Geste ist, sollten alle RPO-Teamchef-Spieler ihn für übernächsten Samstag ins Tor stellen. Ich hab ihn gerade schon eingewechselt."

Freitag, 13. November: Die Bürde der Hinterbliebenen: So groß die Verzweiflung auch gewesen sein mag, die ihn in die Selbsttötung trieb – seinen Angehörigen hinterlässt Robert Enke eine schwere Last. "Zum einen reißt ein Selbstmörder eine Lücke in eine Familie", sagt Norbert Josef Hartkamp, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Stiftungsklinikum Mittelrhein in Boppard. "Auf der anderen Seite bürdet er ihr das Gefühl auf, selbst versagt oder nicht genug getan zu haben."

Sonntag, 15. November: Abschied. 35.000 im Stadion, weitere tausend Fans vor den Toren der Arena in Hannover: Fußball-Deutschland nahm auf einer bewegenden Trauerfeier Abschied von Robert Enke, der sich vier Tage zuvor selbst getötet hatte. Die Beerdigung findet im engsten Familienkreis statt. Zehn Spieler von Hannover 96 trugen den schlichten Sarg mit den sterblichen Überresten Robert Enkes durch den Spielertunnel aus dem Stadion. Dazu erklang "The Rose" von LeAnn Rimes. Teresa Enke hatte sich das Lied ausgesucht. Die komplette Mannschaft von Hannover 96 stand Spalier, einige Spieler weinten ebenso wie die 35.000 Fans im Stadion. Sie applaudierten minutenlang, um dem Torhüter die letzte Ehre zu erweisen.Anschließend sang Alina Schmidt, eine Schülerin aus Hannover, "You'll never walk alone". Auf der Videoleinwand wurden währenddessen Bilder aus der Karriere des Robert Enke gezeigt. Jeder Zuschauer, der einen Schal hatte, hielt diesen nach oben. Zuvor sang die 17-Jährige zu Beginn der Trauerfeier für den Fußball-Torhüter "96, alte Liebe", das Vereinslied. Sie wurde begleitet von zwei Gitarrenspielern. Die ersten Zeilen der Hymne: "Niemals allein, wir gehen Hand in Hand. Manchmal geht es nicht so wie man will, aber unsere Liebe steht deswegen noch nicht still." Das Streich-Quartett der Musikhochschule Hannover spielte weitere Lieder. Fußball ist nicht alles.

Dienstag, 17. November: Der frühere Fußball-Profi Michael Sternkopf hat eine Woche nach dem Selbstmord von Torhüter Robert Enke erklärt, in seiner Zeit beim deutschen Rekordmeister Bayern München auch unter Depressionen gelitten zu haben. Sternkopf, der inzwischen als Marketingleiter beim Drittligisten Kickers Offenbach arbeitet, hat die persönliche Lebenskrise nach eigener Aussage nur mit Hilfe von Psychopharmaka überstanden. "Nach 13, 14 Monaten Bayern war das für mich auch eine Phase, wo ich absolut in ein Loch gefallen bin, auch eineinhalb Jahre Psychopharmaka genommen habe", sagte Sternkopf in der Sendung "Heimspiel" des hr-Fernsehens.

Mittwoch, 18. November: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) plant die Gründung einer Robert-Enke-Stiftung. In Zusammenarbeit mit einer bereits existierenden Institution, die sich mit Forschung und Therapie im Bereich von Depressionserkrankungen beschäftigt, und in Absprache mit Enkes Ehefrau Teresa soll mit Hilfe der Stiftung in der Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein geschaffen werden. DFB-Präsident Theo Zwanziger erklärte in der Sport Bild, dass es nicht unklug sei, die Initiative mit dem Namen einer bekannten Person zu verbinden.

Donnerstag, 19. November: Zweimal presste Lukas Podolski seine Lippen fest zusammen, zweimal streckte der Kölner den rechten Zeigefinger gen Himmel. "Jeder weiß, dass ich Katholik bin, deshalb habe ich nach meinen Toren auch nach oben geschaut und diese Geste gemacht. Ich bin mir sicher, dass Robert uns zugeschaut und uns die Daumen gedrückt hat. Meine Tore habe ich für ihn geschossen", sagte der zweifache Torschütze der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim 2:2 (1:0) gegen die Elfenbeinküste und erklärte, warum er auf einen übertriebenen Torjubel verzichtet hatte.

Samstag, 20. November: Es ist eine schwierige Rolle, die Florian Fromlowitz antreten muss: Der junge Torwart ist die neue Nummer eins bei Hannover 96. Zu Robert Enke hatte er ein enges Verhältnis: "Er war wie mein Lehrer." Es ist die traurigste Art, in ein Team zu kommen, an den Stammplatz zwischen den Pfosten. Nach dem Tod von Robert Enke hütet nun Florian Fromlowitz das Tor von Hannover 96. Glücklich machen kann ihn der Aufstieg zur neuen Nummer eins nicht. Er ist Nachfolger eines Kollegen, der sportlich unumstritten war, Publikumsliebling und als Kapitän eine überragende Position in der Mannschaft hatte. "Robert war für mich wie ein Lehrer. Ich habe keinen Konkurrenten, sondern einen Freund verloren. Er hat mir auch ohne viele Worte immer geholfen", sagte Florian Fromlowitz. Enke werde "immer in meinem Herzen sein, und ich weiß, dass er von oben zuschauen wird".

Samstag, 21. November: Als die ersten 90 Bundesliga-Minuten ohne Robert Enke vorbei waren, flossen noch einmal Tränen. Arnold Bruggink versagte vor laufender Kamera die Stimme, die Augen wurden feucht. "Es war sehr schwer", brachte der Mittelfeldspieler von Hannover 96 heraus, ehe er den Kampf gegen die Tränen verlor. Elf Tage nach dem Selbstmord ihres Torwarts und Kapitäns gelang den Niedersachsen beim 0:2 (0:0) bei Schalke 04 zwar der erste Schritt zurück in den Bundesliga-Alltag, doch die Trauer ist noch längst nicht bewältigt.

Mittwoch, 25. November: In Gedenken an seinen Torhüter Robert Enke trägt Bundesligist Hannover 96 bis zum Saisonende die Rückennummer des Keepers auf dem Trikot. Wie schon am vergangenen Wochenende im Spiel bei Schalke 04 wird auch künftig im Brustbereich der Hemden eine kleine, schwarzumrandete "1" prangen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) stimmte einem entsprechenden Antrag der Niedersachsen und dem besonderen Wunsch der Mannschaft zu.

Freitag, 27. November: Nach dem Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke hat sich dessen Ehefrau Teresa für die öffentliche Anteilnahme bedankt. "In den schweren Stunden des Abschieds durfte ich noch einmal erfahren, wie viel ehrende Zuneigung, Achtung und Respekt Robert entgegengebracht wurde", schreibt die 33-Jährige im Stadionheft des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 zum Heimspiel gegen Bayern München.

Montag, 7. Dezember: Die Abrechnung mit Stuttgarts Fans: Markus Babbel ist ein authentischer Typ. Was der ehemalige Trainer des VfB in den vergangenen Jahren gesagt hat, hatte meistens Hand und Fuß. Und so ist auch die Aussage nach seiner Entlassung nicht einfach so dahergeplappert. "Die ganze Fußball-Branche hat aus der Tragödie um Robert Enke gar nichts gelernt", sagt er.

Mittwoch, 9. Dezember: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der Ligaverband und Bundesligist Hannover 96 wollen die Lehren aus dem Selbstmord von Robert Enke ziehen. Sie haben eine Stiftung gegründet.


 
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