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Jahresrückblick 2009: Horst Hrubesch: "Papa Hotte" und der Feuerkopf

VON ROLAND LEROI - zuletzt aktualisiert: 23.12.2009 - 18:16

Düsseldorf (RPO). Nicht viele hatten es Horst Hrubesch zugetraut, dass er im Herbst seiner Karriere richtig durchstarten würde. Noch vor zwei Jahren galt der Juniorencoach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als Auslaufmodell. Doch an der Seite von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer baute Hrubesch Deutschlands "goldene Fußball-Generation", die 2009 mit spektakulären Auftritten in der heute schon legendären "Nacht von Malmö" den U21-EM-Titel gewann.

Die Legende vom Kopfball-Ungeheuer, das er einst gewesen war, mag Horst Hrubesch nicht mehr hören. "Ich habe 136 Bundesliga-Tore erzielt, davon 90 mit dem Fuß. Glauben Sie denn, dass ich dabei immer einen Kopfstand gemacht habe", sagt der Fußball-Trainer, der sich und seine Arbeit nicht in eine Schublade zwängen lassen will.

Legende vom Kopfball-Ungeheuer

Für den Erfolg sei es eben wichtig, mehr als nur ein Talent zu haben. Und wer hoch hinaus will, muss auch auf dem Boden stark sein. "Fußball muss Spaß machen, ist aber zu einem hohen Prozentanteil Arbeit", lautet Hrubeschs Maxime.

Wenn die ganz großen Momente geschafft sind, zieht er sich am liebsten aber in einen abgelegenen Winkel zurück und steckt sich eine Zigarette an. Meist pumpt sich der Trainer den Glimmstengel von DFB-Zeugwart Michael Schmidt und genießt den Erfolg in Ruhe und in vollen Zügen. "Eigentlich habe ich das Rauchen ja längst aufgegeben, aber nach so einem Spiel muss das einfach mal sein", sagte Hrubesch, dem anzusehen war, dass er in jeder Sekunde des Finales der U21-Europameisterschaft mitgefiebert hatte.

Magie in der Nacht von Malmö

Am Ende stand am 29. Juni 2009 im schwedischen Malmö ein prächtig heraus gespielter 4:0 (1:0)-Triumph der DFB-Junioren gegen den Erzrivalen England und der erste EM-Titel überhaupt, den ein U21-Team des DFB gewinnen konnte. Wer dabei war, gewann den Eindruck, dass in Schweden Magie in der Luft lag. Selten hatte eine deutsche Nachwuchsmannschaft einen derart perfekten Fußball gespielt, wie in der Nacht von Malmö.

Hrubesch hatte das beim Turnier der künftigen Fußballstars in Schweden möglich gemacht. Im Halbfinale wurde Italien (1:0) bezwungen, in der Gruppe ging es gegen Spanien (0:0), Finnland (2:0) und England (1:1). Gerne wird eine Mannschaft, die in dieser Altersklasse begeistert, als "goldene Generation" bezeichnet und mit Erwartungen an eine glorreiche Zukunft ausgestattet.

Bei vielen der Talente, die sich in den fünf EM-Partien bis zum Finale in Malmö beständig steigerten und schließlich eine spiel- und kampfstarke Einheit bildeten, können sich diese Hoffnungen tatsächlich erfüllen. Schließlich wurde zudem ein historisches "Triple" perfekt gemacht.

Löw schöpft sich den Rahm ab

Auch die deutschen U17- und U19-Teams holten zuvor ihren EM-Titel und beenden eine jahrzehntelange Stagnation im deutschen Nachwuchsbereich. Auch der U19-Titel wurde 2008 mit Trainer "Hotte" Hrubesch eingefahren. Längst hat sich Bundestrainer Joachim Löw den Rahm abgeschöpft.

Die von Hrubesch geförderten Jungprofis Mesut Özil, Andreas Beck, Sami Khedira, Jerome Boateng, Marko Marin und Keeper Manuel Neuer feierten bereits ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft. Sie alle machen sich Hoffnungen auf die WM 2012 in Südafrika und können schon bei der EM 2012 Leistungsträger sein. Auch Verteidiger Benedikt Höwedes steht in der Pipeline.

"Die sind so wie wir"

"Die sind so wie wir", meinte Hrubesch, der einen Vergleich zu seiner aktiven Zeit zog und seine Spieler damit mehr adelte, als sie es wohl selbst erahnen.

"Sie träumen nicht, sondern haben klare Vorstellungen und wissen, dass es nur über harte Arbeit gehen kann. Sie sind bereit, Dreck zu fressen", sagte Hrubesch. 1980 wurde er Europameister mit Typen wie Toni Schumacher, Manfred Kaltz oder Bernard Dietz. Solche Kerle, die so genannte "deutsche Tugenden" verkörpern und bereit waren, für den Erfolg Qualen zu leiden.

Hrubesch hat sich viel von damals gemerkt und mit modernen Trainingsinhalten kombiniert. Galt der heute 59-Jährige während der EM als stur, was Variationen beim System und Personal anging, überraschte er die Engländer im Finale mit einer 4-1-4-1-Aufstellung, die er nur einmal im Training geprobt hatte.

Mehr noch: In die Startformation stellte er in Mats Hummels den zuvor lange verletzten Dortmunder, dessen erste große Herausforderung nach einem halben Jahr ohne Spielpraxis direkt das EM-Finale war. Die Maßnahme ging auf. Hummels, der die englische Offensive mit konsequenter Zweikampfführung nicht zur Entfaltung kommen ließ, war neben Özil der beste Mann auf dem Feld.

"Funkeln in den Augen"

Das musste er auch sein. "Wir hatten alle das Funkeln in den Augen. Jeder, der sich nicht ins Spiel gebissen hätte, hätte vom Team einen Arschtritt gekommen", erzählte Hummels später. "Hrubesch hat uns wie ein Vater und Freund behandelt. Er schnauzt uns an, um uns danach wieder aus dem Dreck zu ziehen", erklärte Torwart Neuer das gute Verhältnis zu "Papa Hotte".

Mit etwas Neid bekannte auch Löw, ein Hrubesch-Fan zu sein: "Es ist phantastisch, was er aus dem deutschen Nachwuchs gemacht hat. Das ist das Werk von Hrubesch."

Beim DFB schwören sie jetzt auf den kantigen Westfalen, um den es viele Jahre still gewesen war. Zwar gewann Hrubesch als Fußballprofi mit dem Hamburger SV einst Titel am Fließband und war beim Gewinn der Europameisterschaft 1980 Doppeltorschütze im Finale gegen Belgien, doch in Erinnerung blieben vielmehr seine ungelenken Sprüche.

"Paroli laufen lassen"

"Das müssen wir alles noch mal Paroli laufen lassen", hatte er mal gesagt. Mit der Aussage "Kaltz Flanke, ich Kopf, Tor", erklärte Hrubesch das gute Zusammenspiel mit seinem Flankengeber Manfred Kaltz, das auch seinen Mythos, ein "Kopfball-Ungeheuer" zu sein, begründete.

Schwerfällige Trainerkarriere

Sehr schwerfällig begann hiernach seine Trainer-Laufbahn. Bei Vereinen wie RW Essen, Hansa Rostock oder Dynamo Dresden blieb Hrubesch erfolglos, ehe er vor neun Jahren auf dem vermeintlichen Abstellgleis beim DFB anheuerte. Nicht viele hatten ihm zugetraut, dass ausgerechnet er die lange Durststrecke ohne internationalen Titel für die deutschen Nachwuchs-Fußballer beenden würde.

"Als Spieler war ich ein Spätzünder, als Trainer bin ich es auch", sagte Hrubesch, der 1978 erst im Alter von 27 Jahren von RW Essen zum HSV wechselte. Im DFB-Trainerstab galt er lange als Auslaufmodell, als erst der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann und anschließend der heutige Sportdirektor Matthias Sammer Reformen am Fließband umsetzten.

Während Trainer-Kollegen wie Ulli Stielike, Michael Skibbe, Erich Rutemöller oder Dieter Eilts tatsächlich gehen mussten, konnte Hrubesch überzeugen, hielt sich und verlängerte sogar seinen Vertrag bis 2012. "Er ist ein kompetenter Ausbilder und echtes Vorbild", meint Sammer heute.

Sammers Meinung ist ein Maßstab

Die Meinung des Sportdirektors ist ein Maßstab. Als „Feuerkopf zeigte er früher auf dem Platz stets unbedingten Willen und hat nunmehr die Nachwuchsarbeit maßgeblich nach vorne getrieben. Als es darum ging, den U21-Trainerposten übergangsweise zu besetzen, bis Rainer Adrion ab Juli diesen Job antrat, fiel die Wahl nicht ohne Grund auf Hrubesch.

Trotz großer Personalprobleme – über 20 Spielern wurde die Abstellung verweigert – führte er anschließend die deutsche U20 im September/Oktober bei der WM in Ägypten bis ins Viertelfinale und schied dort nur unglücklich aus. 2010 warten schon die nächsten Aufgaben auf ihn.

Die Belastung scheut er nicht. "Viele Menschen haben vielleicht die Vorstellung, dass ein DFB-Trainer sehr viel Freizeit hat. Das Gegenteil ist aber der Fall", meint Hrubesch. Er genießt daher die spärlichen Momente, die ihm für seine Hobbys bleiben.

Buch über Edelhaflinger

Auf seinem 2500 Quadratmeter großen Anwesen im niedersächsischen Uelzen widmet er sich der Pferdezucht und plant, ein Buch über Edelhaflinger zu schreiben, weil das hervorragende Pferde seien. Es wäre nicht sein erstes Autorenwerk. Legendär ist mittlerweile das von ihm vor 30 Jahren verfasste Buch "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten", dessen 30.000er-Auflage schnell vergriffen war.

"Ich lebe meine Träume", sagt er und meint das im sportlichen wie im privaten Bereich. Die Spieler mögen ihn und seine authentische Arbeitsweise, die Spaß und Disziplin kombiniert. Schließlich kann er ihnen nicht nur das Geheimnis erfolgreicher Kopfbälle vermitteln.

"Sie nannten mich Maradona"

"Ich bin kein Ungeheuer, am Ende meiner aktiven Laufbahn haben sie mich Maradona genannt", erzählte Hrubesch mit einem deftigen Schmunzeln in den Gesichtszügen, um dann in Ruhe eine zu rauchen. Viele sagen, dass es ein Segen sei, dass die Trainerkarriere von "Papa Hotte" noch lange nicht vorbei ist.

Quelle: rl

 
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