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Jahresrückblick 2009: Rockergewalt im Ruhrgebiet

VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 27.12.2009 - 10:19

Duisburg (RPO). Im Herbst hielten die Krawalle zwischen den verfeindeten Rockergruppen „Bandidos“ und „Hells Angels“ das Ruhrgebiet und das Rheinland wochenlang in Atem. Alles begann mit den tödlichen Schüssen auf ein „Bandido“-Mitglied am 8. Oktober in Duisburg.

Es ist kurz nach 20.30 Uhr am 8. Oktober dieses Jahres, als Eschli E.(32) das Lokal „The fat Mexican“ an der Charlottenstraße im Duisburger Rotlichtviertel verlässt. Auf der Straße vor dem Vereinssitz der Rockergruppe „Bandidos” stoppt ein Wagen, es folgt ein Wortgefecht zwischen dem Fahrer und dem 32-Jährigen, dann fallen Schüsse. Eine Kugel trifft den 32-jährigen „Bandido“ in den Kopf. Er kann sich noch einige Meter weit schleppen, dann bricht er tot zusammen. Der mutmaßliche Todesschütze braust davon. Der Tatort wird weiträumig abgesperrt.

Einen Tag später stellt sich der mutmaßliche Schütze der Polizei, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Bei dem Festgenommenen handelt es sich um einen 31-Jährigen Kampfsportprofi. Er wird dem Umfeld der mit den „Bandidos“ verfeindeten Rockergruppe „Hells Angels“ zugerechnet. Motiv soll eine Beziehungstat gewesen sein. Das Opfer soll mit der Ex-Freundin des Schützen zusammen gewesen sein. Die Polizei vermeidet es, von einer Fehde im Rockermilieu zu sprechen. Dennoch wird sofort ein in Köln geplantes Großtreffen der „Hells Angels“ von der Polizei abgesagt. Für Kenner der Szene steht fest: Der Rockerkrieg ist im Ruhrgebiet angekommen. Unterdessen haben die „Bandidos“ in Gedenken an ihr verstorbenes Mitglied unweit des Tatorts Kerzen, Blumen und Kränze niedergelegt.

Beerdigung in Gelsenkirchen

Zwei Wochen nach der Bluttat wird der 32-Jährige in Gelsenkirchen beerdigt. Die Polizei ist mit einem massiven Aufgebot dabei, sperrt Straßen ab. Der Einsatz kostet 600.000 Euro. Vor dem „Fat Mexican“ an der Duisburger Charlottenstraße treffen sich mehr als 500 Bandidos. Kaum einer von ihnen ist unter 1,90 Meter.Viele sind tätowiert, haben rasierte Schädel, sind muskelbepackt. „Bandidos“ aus ganz Deutschland und Europa sind gekommen, um ihrem toten Mitglied die letzte Ehre zu erweisen.

 In einem riesigen Konvoi, begleitet von der Polizei, fahren sie gemeinsam von Duisburg über die Autobahn zur Beerdigung nach Gelsenkirchen. Die Rocker tragen Trauer. Auf dem Friedhof ist es ruhig. Nur die aus den aufgestellten Lautsprecherboxen schallende Musik durchbricht gelegentlich die Stille. „In Memory of Bandido Eschli“ steht auf T-Shirts, die einige Rocker tragen. Ein großes Bild des Toten hängt über dem Eingang zur Trauerhalle. Insgesamt sind mehr als 1.500 Trauergäste gekommen. Es ist auch eine Machtdemonstration, eine Demonstration der Stärke und ein deutliches Zeichen an die Adresse der verfeindeten „Hells Angels“.

Die Nacht der Gewalt - Polizei wird überrannt

Zwei Wochen nach der Beisetzung eskaliert die Gewalt. Etwa 40 Mitglieder der Rockerbande Bandidos stürmen am Samstagabend des 31. Oktobers in Duisburg aus ihrem Vereinslokal „Fat Mexican“ auf die Straße, marschieren auf ein Bordell zu, dass von den verfeindeten „Hells Angels“ kontrolliert werden soll. Doch sie werden bereits erwartet. Eine fast doppelt so große Anzahl der „Hells Angels“ hat ihnen aufgelauert. Sofort gehen die „Hells Angels“ mit Schlagstöcken und Baseballschlägern auf die „Bandidos“ los. Die Polizei ist mit zwei Streifenwagen vor Ort, kann zunächst jedoch nur machtlos zuschauen: Innerhalb kürzester Zeit ist im Duisburger Rotlichtviertel eine Massenschlägerei im Gange. Als endlich Verstärkung der Polizei eintrifft, sind die Angreifer schon geflüchtet. Noch in der gleichen Nacht wird auf Vereinslokale beider Gruppen in Solingen und Essen geschossen. Verletzt wird niemand.

„Auf die Massenschlägerei waren wir nicht vorbereitet. Es gab keine Anzeichen darauf. Alles spielte sich binnen einer halben Stunde ab“, berichtet Manfred Fischer, Pressesprecher der Polizei Duisburg. „Die Beamten wurden überrannt.“ Mehr als hundert Einsatzkräfte riegeln das Rotlichtviertel ab und verhindern, dass es zu neuen Gewalttätigkeiten kommt. Nach Polizeiangaben hat sich kein Polizist bei dem Einsatz verletzt. Ob es auf Seiten der Rocker Verletzte gegeben hat, ist nicht bekannt.

Soko Rockerkriminalität

Die Polizei gründet am selben Tag noch in Münster die „Sonderkommission Rockerkriminalität“. Grund: Die Polizei Münster war maßgeblich an der Aufklärung eines Mordes an einem „Hells Angel“ beteiligt, der 2007 in Ibbenbüren von zwei „Bandidos“ erschossen worden war. In den Tagen und Wochen nach der „Nacht der Gewalt“ durchsucht die Polizei in Nordrhein-Westfalen alle Vereinslokale der beiden Rockergruppen nach Waffen. Fündig werden sie nur selten. Das „Fat Mexican“ in Duisburg wird tagelang von Beamten in schusssicherenWesten und mit Maschinenpistolen bewacht. Ende November/Anfang Dezember stellt die Sonderkommission ihre Arbeit wieder ein. Es kommt zu keinen weiteren Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Gruppen - bislang jedenfalls.


 
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