Der große Jahresrückblick: Das Jahr des Jupp Heynckes
VON STEFAN KLÜTTERMANN - zuletzt aktualisiert: 18.12.2010 - 09:20Leverkusen (RP). Wenn es nach seiner Frau geht (und vermutlich auch nach seinem Hund Cando) ist dieser Jahresrückblick der letzte, in dem Josef "Jupp" Heynckes die Hauptrolle als Fußballtrainer spielt. Frau Heynckes hätte nichts dagegen, wenn ihr dann 66-jähriger Gatte im Sommer 2011 endlich ins Rentnerdasein übersiedeln würde. Heynckes selbst überlegt noch, die Droge Bundesliga setzt man nicht so leicht ab.
Und 2010 hat gezeigt, dass der "alte Mann" es immer noch kann. Es war ein Jahr, in dem sich der gebürtige Mönchengladbacher nach über 30 Jahren im Trainergeschäft noch einmal neu erfunden hat. Auf der Bank von Bayer Leverkusen.
Statistik sei was für die Medien, sie interessiere ihn nicht, beteuert Heynckes immer wieder. "Verhindern" konnte er also nicht, dass er und sein Team in der ersten Jahreshälfte landauf, landab für den gerade aufgestellten neuen Startrekord in der Fußball-Bundesliga gesorgt hatten: 24 Spiele war Bayer 04 vom Start weg ungeschlagen geblieben.
Erst das 2:3 in Nürnberg am 7. März holte Leverkusen in die Sphäre der schlagbaren Teams zurück. Viermal verlor die Werkself bis Saisonende noch und verspielte auf der Ziellinie doch noch Platz drei gegen Werder Bremen, ein Team, vor dem man Mitte der Rückrunde einmal 16 Zähler Vorsprung gehabt hatte.
Doch Heynckes wurde nicht müde, die Rückkehr ins internationale Geschäft nach zwei Jahren Leverkusener Abstinenz als Erfolg zu verbuchen. Auch wenn es "nur" die Europa League war. Wehmütige Blicke zurück und ein immer wieder durchschimmerndes Nachtrauern ob verloren gegangener Champions-League-Millionen überließ er seinem Chef Wolfgang Holzhäuser und der Emotionalität eines Rudi Völler.
Auch die Fans waren in der Endabrechnung der Saison 2009/2010 weit davon entfernt, Heynckes in irgendeiner Form das Abrutschen von der Tabellenspitze übelzunehmen. Ganz im Gegenteil: Dass er auf seine alten Tage noch so etwas wie Kultstatus erreichen würde, hätte Heynckes wohl selbst nicht gedacht.
Und doch genießt er selbige Heldenverehrung bei den Fans von Bayer 04, findet er seinen Vornamen in jedem Spiel von den Treuesten vertont in tiefem Bass und stakkatoartigen Sprechchören, die sich mit jedem Mal beschleunigen und manchmal einhergehen mit dem Tempo, dass die Profis der Werkself in schöner Regelmäßigkeit auf den Rasen bringen.
Er nehme das nicht wahr, hat er einmal auf die Frage eines Journalisten geantwortet, weil er während des Spiels so fokussiert sei. Aber wahrscheinlich ist es so wie mit der Statistik: Es gibt eine offizielle und eine inoffizielle Version.
In einer Zeit, in der sich die Qualität eines Trainers nur noch über seine Jugend zu definieren scheint, die Klopps, Tuchels und Stanislawskis dieser Bundesliga-Welt das Gewusst-Wie scheinbar für sich gepachtet haben, liefert seit seinem Amtsantritt vor allen Dingen eins ab: ehrliche Arbeit. Und ein Gesamtkonzept, das auf Erfahrung fußt, die seine jungen Kollegen bei aller derzeitigen Gloria eben noch sammeln müssen.
Die Playstation-Fachsimpelei seiner Spieler mag für den gebürtigen Mönchengladbacher Kauderwelsch bleiben, aber wie er die unterschiedlichen Charaktere in einem Kader anpacken muss, beherrscht er in Perfektion. Er redet viel mit jedem einzelnen, das loben alle bei Bayer. Er fördert die jungen wie Stefan Reinartz, Daniel Schwaab oder Lars Bender, weil es Typen nach seinem Geschmack sind: clever im Kopf wie auf dem Rasen, ehrgeizig und dabei bescheiden.
Er hat zu Simon Rolfes mittlerweile ein fast väterliches Verhältnis aufgebaut und ihn auch während seiner monatelangen Verletzung als Kapitän bestätigt. Und die Südamerika-Fraktion um Arturo Vidal und Renato Augusto fühlt sich schließlich ebenfalls von „Don Jupp“ verstanden, weil er ihre Sprache fließend spricht.
Wenn Heynckes Fragen zu Taktik, System und Leistung beantworten soll, kann er mühelos minutenlang reden. Dann ist er in seinem Element. Wenn die Abteilung Klatsch und Tratsch dagegen wissen will, ob angedeutete Fremdgeh-Vorwürfe gegen Bayers neuen alten Superstar Michael Ballack dessen Leistung auf dem Platz beeinflussten, fühlt er sich irgendwie im falschen Film. Heynckes’ Leben spielt in der Sportschau, nicht bei Exclusiv.
Apropo: Die Sache mit der Rückkehr von Michael Ballack hatten sie sich bei Bayer sicherlich ganz anders vorgestellt – im Verein wie im Konzern, der die Millionen bereitstellte. Schon als der 33-Jährige nach verpasster WM im Dunstkreis der BayArena eifrig an seinem Comeback arbeitete, redeten irgendwie alle im Umfeld nur davon, ob der Capitano der Nation denn auch Capitano der Nation bleibe und was Ex-Kollege Christian Lell denn eigentlich mit besagte Vorwürfen aus dem Privatleben bezwecke.
Nur über Ballacks Rolle bei Bayer 04 wurde irgendwie kaum gesprochen. Heynckes sagt, einen solchen Hype um einen einzigen Spieler habe er in seiner gesamten Laufbahn so noch nicht erlebt.
In dieser Phase im Sommer wirkte Heynckes dünnhäutig. Verständlicherweise. Weil Ballack sich im Bezug auf Medien-Statements sehr bedeckt hielt, fiel Heynckes oft die Rolle des indirekten Zitate-Transporteurs zu. Doch darauf hatte der 65-Jährige keine Lust. Er wollte und will lieber über sein Team reden.
Nach Ballacks erneuter Verletzung vertagte sich dieses Thema bis ins Jahr 2011. Bayer spielte ohne seinen Superstar weiter - und musste auch wochenlang auf Verletzte wie Sami Hyypiä, Renato Augusto oder Stefan Kießling verzichten.
Dafür kehrte in Simon Rolfes im September der Kapitän zurück, die "Seele des Vereins" (Rudi Völler) und derjenige, der für Außenstehende wie ein Ziehson Heynckes' wirkt. Die beiden haben ein besonderes Verhältnis, weil Heynckes den Blondschopf als Mensch wie als Fußballer schätzt und Rolfes sich der vorbehaltlosen Rückendeckung während der langen Pause sicher sein konnte.
Doch Heynckes ist keiner, der Harmonie um jeden Preis will. Im Sommer drohte er indirekt mit Rücktritt, sollten Bayers Bosse ihm keinen qualitativ wie quantitativ besseren Kader ermöglichen. Im November konterte er Holzhäusers Forderung nach einem Platz unter den Top 3 mit der Aussage, er halte nichts von langfristigen Zielsetzungen.
Und als Patrick Helmes unlängst seinen Frust über Spiele auf der Bank mit einer verbalen Kritik an seinem Trainer garnierte, gab ihm dieser Tage später wohl formulierte verbale Einläufe mit auf den Weg.
Ende 2010 kann sich Heynckes' Bilanz mit Bayer wahrlich sehen lassen. Mehr noch: Die Bilanz ist überragend. In der Bundesliga derzeit der einzige Verfolger von Spitzenreiter Dortmund, im Europapokal vorzeitig für die K.o.-Runde qualifiziert. Nur im DFB-Pokal sind sie in seiner Heimat Mönchengladbach ausgeschieden. Aber das haben die Fans Team und Trainer längst verziehen.
Bis Juni 2011 läuft sein Vertrag noch. Ob es danach weitergeht? Der Verein will es. Und er? Er will sich bald entscheiden. Seine Frau hat ihre Meinung bereits kundgetan.
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