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"Kinderwünsche e.V."
Bundesliga-Vereine gehen gegen Spendensammler vor

Dortmund. Borussia Dortmund und Schalke 04 prüfen rechtliche Schritte gegen den Verein "Kinderwünsche", dessen Mitarbeiter vor Stadien Spenden sammeln. Denn sowohl die Verwaltung der Gelder als auch deren Verwendung werfen Fragen auf. Von Clemens Boisserée

Das gute Gewissen steht Patrick J. ins Gesicht geschrieben. "20 Euro, kommt ja bei den Richtigen an", ist sich der Kölner sicher und steckt den Geldschein in die Spendendose. Die Sammlerin bedankt sich. "Dortmunder Fans schenken Kindern ein Lächeln", steht auf ihrem gelben Polo-Shirt, und so zieht sie weiter, zum nächsten Tisch im "Biergarten Rote Erde". Hier, im Schatten von Deutschlands größtem Fußballstadion, versammeln sich vor jedem Spiel der heimischen Borussia Hunderte, um sich bei Bratwurst und Bier einzustimmen. Und vor jedem Spiel sind auch die Spendensammler unterwegs. Wer fragt, für wen gesammelt wird, bekommt als Antwort: "Für krebskranke Kinder." Dahinter stehe der Verein "Kinderwünsche e.V.".

Dem Verein werfen Kritiker vor, auf Großveranstaltungen gesammeltes Geld intransparent zu verwalten. Unserer Redaktion vorliegende Kontenberichte werfen außerdem Fragen auf, ob die gesammelten Spenden auch wirklich weitergegeben werden - denn bei den Begünstigen kommen nur geringe Beträge an.

"Kinderwünsche e.V." ist laut Internet-Auftritt eine Organisation mit Sitz in Gelsenkirchen, vom städtischen Finanzamt als gemeinnützig anerkannt und laut Satzung seit dem Jahr 2011 bemüht um die "Förderung, Hilfe und Unterstützung in sozial schwachen Familien, kranker Kinder, Schulen und Kindergärten unabhängig des Alters, Geschlechts, Rasse oder Nationalität und ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung". Hehre Ziele, denen auf der Internetseite wenige Hintergrundinformationen folgen. Projekte und sogenannte Partner sind nur knapp und fehlerhaft beschrieben, Tätigkeits- und Rechenschaftsberichte sucht man vergeblich.

"Die Veröffentlichung dieser Berichte ist zwar nicht verpflichtend, wird von seriösen Vereinen aber in der Regel dennoch so gehandhabt", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Sein Institut prüft seit Jahrzehnten die Seriosität von Spenden-Organisationen und sagt zum konkreten Fall: "Wir raten angesichts des öffentlichen Auftritts zu großer Zurückhaltung."

Dass gemeinnützige Vereine wie "Kinderwünsche e.V." von unabhängigen Stellen wie dem DZI Spendensiegel gegen Prüfung erhalten können, wissen nur wenige. Nicht nur in Dortmund, auch auf anderen öffentlichen Veranstaltungen wird nur selten nach solchen Zertifikaten gefragt. Fünf Ehrenamtliche arbeiten laut eigener Aussage für "Kinderwünsche e.V.", außerdem weisen die Amtsgerichte Essen und Gelsenkirchen "temporär Mitarbeiter zu, die Sozialstunden ableisten müssen", heißt es. Diese gehen für den Verein auf Spendenjagd und rücken dabei den guten Zweck in den Vordergrund.

Auf dem Essener Weihnachtsmarkt beispielsweise nannten sie im Dezember 2014 konkret die Kinder-Onkologie der Uniklinik als Spendenziel. Bei der Stiftung Universitätsmedizin nachgefragt, stellt Geschäftsführer Jorit Ness klar: "Der Verein ist uns bekannt, Förderer machten uns auf die Weihnachtsmarkt-Sammlung aufmerksam. Wir haben im Februar 2015 dann plötzlich eine nicht angekündigte Spende in Höhe von 125 Euro erhalten und anschließend die Methoden des Spenders überprüft. Daraufhin haben wir das Geld zurücküberwiesen." Diese Rücküberweisung wird auch in Kontobewegungen des Vereins ersichtlich, die unserer Redaktion vorliegen. Das Sammeln von Bargeld auf offener Straße sei nicht im Interesse der Stiftung. "Solche Aktionen wirken unseriös, insbesondere, wenn unbekannte Vereine diese durchführen. Geldflüsse von Bargeld lassen sich schwieriger nachvollziehen", sagt Ness.

Womit der Stiftungschef die Problematik einer Gesetzesänderung des Landes aus dem Jahr 1997 beschreibt. Denn seither können überall im öffentlichen Raum Bargeld-Spenden ohne Genehmigung gesammelt werden. Wie viel von dem gesammelten Geld letztlich wirklich auf Spendenkonten eingezahlt wird, muss nicht unabhängig geprüft werden. Um einer von 96.957 gemeinnützigen Vereinen in NRW zu werden, müssen die eingezahlten Mittel jedoch "zeitnah für die satzungsmäßigen Zwecke verausgabt werden", heißt es vom NRW-Finanzministerium. "Kinderwünsche e.V." gab den Kontobewegungen nach zwischen 2011 und 2015 Spenden in Höhe von knapp 17.500 Euro weiter.

In diesen Belegen sind für denselben Zeitraum Bargeld-Einzahlungen in Höhe von etwas über 8000 Euro verzeichnet. Ergänzt werden die Einnahmen des Vereins um Dauer-Überweisungen sowie Einzelspenden per Banktransaktion in Höhe von über 17.000 Euro. Wenn diese Zahlen stimmen, ist das Ergebnis der Sammelaktionen auf der Straße also überschaubar. Und das, obwohl der Verein und seine Spendeneintreiber nicht nur im Umfeld des Essener Weihnachtsmarkts oder bei Heimspielen von Borussia Dortmund, sondern auch auf der Cranger Kirmes oder bei dem zweiten großen Ruhrgebiets-Club Schalke 04 aktiv ist - und das regelmäßig.

"Der Verein ist uns bekannt", sagt eine Sprecherin des Gelsenkirchener Fußball-Vereins. Gesammelt werde auch hier für Kinder-Krankenhäuser, Kindergärten oder Schulen - unter anderem für die Vestische Kinderklinik in Datteln. Zwei Spenden über 100 und 125 Euro erreichten das Krankenhaus. Bis mindestens zum 1. September 2017 wurde es auf der "Kinderwünsche"-Website öffentlich als Partner genannt, inzwischen ist der Verweis auf die Vestische Kinderklinik gelöscht. Ein Screenshot der ursprünglichen Version liegt unserer Redaktion vor.  

"Dass der Verein unseren Namen für seine Zwecke benutzt, schadet unserer Klinik und unserem guten Ruf", teilt das Haus auf Anfrage mit und will rechtliche Schritte prüfen. Kritisiert wird auch hier die Methode, mit Spendendosen auf der Straße zu sammeln, und die fehlende Transparenz über Einnahmen und Ausgaben.

"Wir haben die Sammler des Vereins seit Oktober 2016 intensiv unter die Lupe genommen", sagt Torsten Schild, Vorsitzender der BVB-Fanabteilung, in der über 17.000 Dortmund-Fans organisiert sind. In Protokollen, die unserer Redaktion vorliegen, erfassten BVB-Fans die Aktivitäten bei den Heimspielen. Zu beobachten waren demnach spendenfreudige Fans - auf mehrere Hundert Euro pro Spieltag schätzen die Beobachter die Einnahmen - und nur geringe Bargeldeingänge auf dem Spendenkonto des Vereins. "Aus diesem Grunde haben der BVB und die BVB-Fanabteilung in dieser Woche eine Anwaltskanzlei beauftragt, die gesammelten Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft zu übergeben, um die strafrechtliche Relevanz zu überprüfen", sagt Schild.

Auch der FC Schalke will dem Treiben nicht länger zuschauen: "Wir haben aktuell alle Spendensammler-Aktivitäten auf unserem Gelände untersagt und im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens von allen Sammlern Spendengenehmigungen, Spendennachweise, Tätigkeits- und Jahresberichte etc. angefordert", teilt der Verein mit. "Vom Verein Kinderwünsche e.V. liegen uns derzeit keine vollständigen Unterlagen vor", sagt eine Sprecherin auf Anfrage.

Und der Verein selbst? Der schweigt zu alledem. Eine schriftliche und telefonische Anfrage lässt der Vorstand unbeantwortet. "Wir reden aktuell nicht mit der Presse", teilte Kassenwärtin Cornelia Keisel mit. Die ist übrigens auch Vorsitzende des "Pfoten Verband e.V." und agierte als Geschäftsführerin der "Power Play GmbH". Deren Ziel: Marketing und Kundengewinnung.

 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels entstand der Eindruck, die Vestische Kinderklinik werde auf der Vereinshomepage noch immer als Kooperationspartner angeführt. Diese Passage haben wir präzisiert. Außerdem hieß es, Cornelia Keisel sei Vorsitzende beim "Deutsche Tierhilfe Verband e.V". Das trifft nicht zu. Wir haben die Passage entfernt. 

Quelle: RP
 
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