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Dortmund
Kirche kritisiert Scheidungsmesse

Dortmund. Als "befremdlich" bezeichnet das Erzbistum Paderborn die heute in Dortmund stattfindende erste deutsche Messe für trennungswillige Paare. Die Veranstalter sprechen von einer Enttabuisierung des Themas Scheidung. Von Simon Janssen

Eine gescheiterte Ehe als Event - mit diesem Konzept sollen trennungswillige Paare heute in die Dortmunder Westfalenhallen gelockt werden. Erwartet werden sie bei der ersten deutschen Scheidungsmesse unter anderem von Anwälten, Vaterschaftstestanbietern, Eheberatern und Astrologen. Auch Kreditunternehmen sowie Steuerberater, Zahnärzte und Gesichtschirurgen haben Infostände gebucht, um ihre Dienstleistungen anzubieten. "Es ist wie eine Hochzeitsmesse - nur umgekehrt", erklärt Co-Organisator Christopher Prüfer. Im Fokus der Messe solle vielmehr der Start in ein neues Leben statt die Trennung stehen - so werde es im Anschluss an die Messe eine "Scheidungsparty" geben, auf der sich die Besucher austauschen können.

Das Erzbistum Paderborn findet deutliche Worte für das Konzept der Scheidungsmesse, die ursprünglich bereits im vergangenen Jahr hätte stattfinden sollen, aus organisatorischen Gründen jedoch verschoben wurde. "Es ist befremdlich, dass bei dieser Veranstaltung das Scheitern zum Event wird. Es wird ein gewisser Wertewandel deutlich, wenn das positive Lebenszeugnis der Ehe plötzlich umgekehrt wird", sagt Michael Bodin von der Katholischen Pressestelle in Dortmund. Das Scheitern der Ehe werde bei der Messe zudem gar nicht als Scheitern gesehen, sondern lediglich als Chance auf einen Neustart verkauft. Dadurch könne die stabile Lebenspartnerschaft entwertet werden.

Kritik, die der Düsseldorfer Rechtsanwalt Martin Lauppe-Assmann, unter anderem Experte auf dem Gebiet des Scheidungsrechts, nicht nachvollziehen kann: "Es gibt für Scheidungen einen Markt - und das ist auch in Ordnung so. Ich halte die Messe für moralisch vertretbar." Eine Meinung, die Jens Becker, Mitorganisator der Messe, teilt. "Wir sagen den Menschen nicht, dass sie sich trennen sollen. Wir bieten lediglich eine Reihe von Möglichkeiten an, Menschen in der Scheidungssituation zu helfen", erklärt der Jurist. Dadurch solle das schwierige Thema Scheidung enttabuisiert werden.

Dass unter allen Teilnehmern der Messe auch eine Scheidung verlost wird, hält Christopher Prüfer nicht für verwerflich: "Wenn auf einer Hochzeitsmesse Brautkleider verlost werden, dann dürfen wir auch auf der Scheidungsmesse eine komplette Scheidung verlosen", sagt der Geschäftsführer von Scheidung.de, der hinzufügt: "Wer das Brautkleid gewinnt, wollte sowieso heiraten. Wer die Scheidung gewinnt, wird sich bestimmt nicht deswegen entscheiden, jetzt die Scheidung einzuleiten."

Michael Lahme kritisiert die Verlosung auf der Dortmunder Messe scharf. "Das ist wirklich unfassbar, da bin ich sprachlos", sagt der Düsseldorfer Paartherapeut. "In der heutigen Zeit, in der vieles einfach weggeworfen wird, sollte doch zumindest die Ehe einen höheren Stellenwert haben", sagt Lahme. Laut dem Paartherapeuten würde es sich durchaus lohnen, gemeinsam für den Erhalt einer Beziehung zu kämpfen.

Viel wichtiger als gleich den Scheidungsanwalt zu kontaktieren sei es, die Probleme in einer Partnerschaft rechtzeitig zu erkennen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Zwar könne es im Rahmen einer Trennung dem Partner gegenüber zu Hassgefühlen kommen, doch das hieße nicht, dass man nicht auch im Guten auseinandergehen könne - es gibt also durchaus eine Alternative zu Rachegefühlen und Torten mit geköpften Ehepartnern, die heute auf der Scheidungsmesse unter anderem angeboten werden.

Zwar geht durchschnittlich jede dritte Ehe in die Brüche, doch seit 2008 ist die Zahl der geschiedenen Ehen in Nordrhein-Westfalen beständig gesunken. Im Jahr 2013 wurden in NRW 40 450 Ehen geschieden, das waren 6,8 Prozent weniger als im Jahr 2012. Wie das Statistisches Landesamt mitteilt, war das die niedrigste Scheidungszahl seit 20 Jahren.

Aber: Weniger Eheschließungen bedeuten auch weniger Scheidungen, denn auch die Zahl der Hochzeiten geht deutlich zurück. Gaben sich 2012 noch 81 759 Paare in Nordrhein-Westfalen das Ja-Wort, waren es ein Jahr später nur noch 79 895 Paare.

Quelle: RP
 
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