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Köln
Kölner Raser leugnen Verabredung zum Rennen

Köln: Kölner Raser leugnen Verabredung zum Rennen
Einer der beiden Angeklagten neben seinem Anwalt im Sitzungssaal. FOTO: dpa, obe gfh
Köln. Vor dem Landgericht Köln hat der Prozess gegen zwei junge Männer begonnen. Ihnen wird vorgeworfen, einen Unfall verursacht zu haben, bei dem eine 19-Jährige ums Leben kam. Seitdem geht die Polizei verstärkt gegen die Raserszene in der Domstadt vor. Von Sebastian Fuhrmann

Ein junger Mann mit wütender Miene tritt vor die Anklagebank. Dort haben gerade die beiden Beschuldigten mit ihren Verteidigern Platz genommen. "Kommt von den beiden wenigstens gleich mal ein Sorry?", raunzt er einen der Verteidiger an. Der Anwalt wiegelt ab. Einer der Angeklagten hält sich ein Blatt Papier vor sein Gesicht. Weil er zittert, wackelt es hin und her.

Vor dem Landgericht Köln hat gestern der Prozess gegen zwei 22 und 23 Jahre alte Männer begonnen, die sich im vergangenen April ein illegales Autorennen geliefert haben sollen. Eine 19-jährige Radfahrerin war ums Leben gekommen, weil einer der beiden Männer in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, ins Schleudern geriet und die Studentin erfasste. Die junge Frau wurde in ein Gebüsch geschleudert und erlitt schwerste Kopfverletzungen, obwohl sie einen Helm trug. Die beiden türkischstämmigen Männer müssen sich wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs verantworten. Sie sollen mindestens mit einer Geschwindigkeit von mindestens 96 km/h unterwegs gewesen sein, wo Tempo 50 erlaubt ist.

Die beiden Angeklagten äußerten sich vor Gericht nicht, stattdessen verlasen die Verteidiger schriftliche Erklärungen ihrer Mandanten. Beide beteuerten, es habe keine Verabredung zu einem Rennen gegeben. "Ich denke jeden Tag an den Unfall. Es tut mir unendlich leid, dass durch mein Verhalten ein Mensch gestorben ist", hieß es in der Erklärung des 23-Jährigen, dessen BMW die Studentin erfasst hatte. Er gestand, den Unfall verursacht zu haben und viel zu schnell gefahren zu sein. Als sein Anwalt die Worte vorliest, weint der Mann. Später gibt er an, seit fünf Monaten in Therapie zu sein, um den Unfall zu verarbeiten. Der Mitangeklagte lässt verlauten, er trage keine strafrechtliche Verantwortung, fühle sich aber mitschuldig.

Den Prozess beobachtete gestern auch Rainer Fuchs, Leiter der Ermittlungsgruppe "Rennen" bei der Polizei Köln. Im Mai 2015 wurde die Sondergruppe gegründet, um gegen illegale Rennen vorzugehen. "Es gibt eine Szene", sagt Fuchs. "Zwar keine organisierten Strukturen, aber Treffpunkte, von wo aus die Rennen starten." Einer ist der Tanzbrunnen in Köln-Deutz - ganz in der Nähe rammte der 23-jährige Angeklagte die Studentin. "Wir haben 25 bis 30 Personen beobachtet, die sich dort immer wieder treffen. Wir müssen rausfinden, wann sich die Szene wo bewegt, damit wir gegen sie vorgehen können."

Mitglieder der illegalen Rennszene sind nach Erfahrungen der Polizei in der Regel zwischen 18 und 25 Jahre alt. Sie fahren getreu dem Klischee getunte Wagen, legen Achsen tiefer und dunkeln Lichter ab. An beliebten Rennstrecken verabreden sie sich oft spontan, zum Beispiel durch Handzeichen - so wirbt die Szene auch neue Mitglieder an. "Es kann sein, dass junge Menschen, die vorher nicht in Erscheinung getreten sind, so hineinrutschen", sagt Fuchs. Wie viele Mitglieder ihr angehören, sei nicht genau zu beziffern. Fuchs verweist aber auf die Ermittlungserfolge: Seit der Gründung der Ermittlungsgruppe hat die Polizei in Köln und Leverkusen 70 Rennen angezeigt und 460 Fahrverbote ausgesprochen. 150 aufgemotzte Autos wurden sichergestellt. "Durch die vielen Kontrollen erreichen wir etwas, verhindern werden wir diese Rennen aber nie", sagt Fuchs.

Um ein Zeichen zu setzten, fordern Fachleute ein hartes Urteil. "Es bringt den Eltern ihre Tochter nicht zurück, aber es könnte dazu beitragen, die Situation zu verbessern", sagt der Anwalt der Eltern der Getöteten. Sie treten im Prozess als Nebenkläger auf. "Und das alles wegen meiner Reifen. Es tut mir leid, dass du wegen mir da reingeraten bist", soll der 23-Jährige nach dem Unfall zum 22-jährigen Mitangeklagten gesagt haben. Am Tag des Unfalls fuhr der 22-Jährige einen geliehenen Mercedes. Normalerweise fahre er einen Ford Fiesta, gab er an.

Eine weitere Notiz des ersten Verhandlungstages: Beide Angeklagte waren schon vor dem Unfall als Temposünder in Erscheinung getreten. Der 23-jährige Unfallfahrer musste seinen Führerschein zeitweise abgeben, nachdem er in seiner Probezeit mit 37 km/h zu viel geblitzt wurde, der 22-Jährige war 2013 sogar 58 km/h zu schnell. In der Flensburger Verkehrssünderkartei war er mit acht Punkten vorbelastet.

Quelle: RP
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