Gefühls-"Experten" geben Tipps: Kongress der Liebeskranken in Berlin
zuletzt aktualisiert: 18.02.2001 - 10:23Berlin (dpa). Wo Liebe ist, gibt es manchmal auch Leid: Tausende kamen am Wochenende zum ersten "Kongress der Liebeskranken" in das Berliner Theater "Volksbühne". Unter den Besuchern waren auch der Schauspieler Mario Adorf, die Moderatorin Lilo Wanders und die Vizepräsidentin des Bundestags, Antje Vollmer - auch sie kennen wohl das Phänomen des Liebeskummers.
Idee und Konzept der "Lovepangs" stammen von den österreichischen Künstlerinnen Carmen Brucic (30) und Jeanette Müller (29). Sie haben die liebeskranke Gesellschaft ausgerufen und die Liebesqualen zum öffentlichen Thema erklärt.
Auf der Bühne bereichert der Theaterprovokateur Christoph Schlingensief gemeinsam mit Autor und Filmemacher Alexander Kluge die neue Bewegung der Liebeskranken mit einer Collage der heftigsten Arien der Operngeschichte. Nirgendwo sei die Fieberkurve der Liebesqualen besser beschrieben, meint Kluge. Von der rasenden Mordlust der Medea bis zum melancholisch-sanften Gefühl an der Schwelle zum Vergessen. "Wir wollen lernen, warum manche Leute in der Oper weinen können, und wir nicht", ruft Schlingensief in eine bezaubernde Szene des Gefangenenchors aus Guiseppe Verdis "Nabucco".
Im Foyer der Volksbühne gibt es eine Melange aus Kongress, Produktmesse und angewandter Lebenshilfe. An der Rezeption können die Besucher Gespräche mit einem der 120 Experten für Liebeskrankheit anbahnen. An Tischen sitzen der Experte und der Herzschmerzkranke einander gegenüber wie in einer Therapiesitzung.
"Oh ja, Liebeskummer habe ich reichlich durchgemacht", tröstet der Intendant der Berliner Philharmoniker, Elmar Weingarten, einen unglücklich Verliebten. "Ich höre Beethoven. Nichts gegen Schubert. Aber für Zorn, Raserei, den Aufruhr gegen das vermeintliche Schicksal - dafür brauchst Du Beethoven!" Klassische Musik in voller Lautstärke und dazu richtig Rotz und Wasser heulen - der trauernde Gast sieht nach der Sitzung aus, als würde er über die Verflossene hinwegkommen.
Mit wachsendem Zutrauen stürzt sich das überwiegend jugendliche Publikum, das zunächst nur ein Kunstspektakel erwartet hatte, in die Beratungsgespräche. Eine Regisseurin entwirft Rachestrategien, ein Biochemiker enthüllt den Hormoncocktail im Kopf und der Leiter des Goethe-Instituts im isländischen Reykjavik versichert: "Es sind die Elfen, die dir helfen."
Dicht umlagert ist "Wa(h)re Liebe"-Moderatorin Lilo Wanders, die zum "Weinen mit Wanders" eingeladen hatte. Trennungsschmerz sei keine Schande, sondern eine existenzielle Erfahrung, meint sie. Was sollen all die Stereotypen des Glücklichseins, wenn im Herzen Leere ist?
Das "Lovepangs"-Spektakel dient auch der Einführung neuer Produkte, die auf die einzelnen Phasen der Krankheit abgestimmt sind, sagt die Erfinderin einer "Trostschokolade" ganz ungeniert. Allerhand Tees, Suppen und Biersorten sollen reinigen, entgiften und das "Feuer aus der Tiefe der Seele" mobilisieren. "Überflüssig", kommentiert Mario Adorf milde. "Der Schmerz vergeht schon mit der Zeit."
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