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Dortmund
Kubanisches Ballett erobert NRW

Dortmund. Erotik, Tanz, Ekstase: Kubanische Startänzer sind ab heute im "Ballet Revolución" in Dortmund zu sehen. Von Oliver Burwig

Choreograf Roclan Gonzalez Chavez will ehrlich sein: Eigentlich gehe es beim zeitgenössischen Tanz hauptsächlich darum, sich sexy zu bewegen, das "Spiel mit dem Körper". Eng schmiegen sich die Tänzerinnen unter seiner Anleitung an die von ihnen abgewandten Partner. Die tun überrascht, als sich von hinten plötzlich Hände an ihr Becken legen, ehe die Tanzpaare sich in wilden Bewegungen wieder voneinander trennen. Schon bei den Proben im Studio des kubanischen Fernsehballetts wird klar: Vom zehentrippelnden "Schwanensee" ist "Ballet Revolución" weit entfernt - ohne dabei die klassische Ausbildung seiner Profi-Balletttänzer zu verleugnen.

Chavez ist in Havanna ein Star. In fast jedem Musikvideo kubanischer Bands ist er zu sehen - falls nicht, war er wahrscheinlich an der Produktion beteiligt. Auf der Straße schütteln ihm Fremde die Hand. Als Choreograf des nationalen TV-Balletts und international erfolgreicher Tanzgruppen ("Cabaret Tropicana") sieht die von ihm mitgestalteten Shows als Vertreter kubanischer Kultur. Dass er mit "Ballet Revolución" bereits zum vierten Mal auch deutsche Bühnen erreicht, ist aber kurioserweise einem Australier zu verdanken: Mark Brady, der auf seiner Heimatinsel durch "Gaelforce Dance" bekannt wurde, einer Tanzshow im Stil von "Lord Of The Dance". Für das "Ballet Revolución" schöpft er seit 2011 aus dem Talentepool der staatlichen Schulen Kubas. "Hier findet man nicht nur großartige Tänzer, sondern auch überragende Athleten", sagt Brady.

Mit der "Escuela Nacional Cubana de Ballet" befindet sich die größte Ballettschule der Welt in Havanna. Viele der Tänzer und Tänzerinnen des "Ballet Revolución" haben sie besucht, andere studierten zeitgenössischen Tanz an der nicht weniger renommierten "Escuelas Nacionales de Arte". Wer auf welche der vor mehr als 40 Jahren gegründeten Schulen ging, ist den Tänzern in der Show anzusehen: Heidy Batista García zeigt beim "Grand jeté", dem "großen Sprung" mit gestreckten Beinen, die Kunst des klassischen Balletts, während "Leo" (Leandro Miguel Tamayo) in den fließenden Posen des zeitgenössischen Tanzes zu Hause ist. Ballettstunden nehmen muss er allerdings auch. "Das ist das beste Training, das es gibt", sagt der 23-Jährige, der sich neben Ausdauertraining und Proben täglich auch eine Stunde in der klassischen Tanzkunst übt.

Der 33-jährige "Meneses" (Yuniet Meneses Solís) fährt zu jeder Probe des "Ballet Revolución" per Anhalter aus einem äußeren Viertel Havannas zum Studio in der Innenstadt. Ein Auto hat er - wie fast alle Kubaner - nicht. Was ihn seit seiner Kindheit antreibt, ist die Leidenschaft für das Tanzen. Und das ist für ihn mittlerweile nicht nur ein Beruf, sondern Ausdruck seiner kubanischen Identität: "Kubaner tanzen in jedem Moment. Wir tanzen mit unseren Augen, wenn wir sehen, wir tanzen mit unseren Füßen, wenn wir gehen. Das sind wir, es ist ein Teil von uns: die Musik und der Tanz."

Das liegt nicht nur an den beiden "Escuelas", sondern auch der tanzbaren Musik des Landes, seiner Folklore und seiner afro-kubanischen Kultur. Die "Ballet"-Show enthält Elemente des Rumba - der seinen Ursprung auf der Insel hat -, augenzwinkernde Conga-Lines und kleine Details, die die Volksreligion Kubas, die "Santería", zitieren. Das Stampfen, Klatschen, Stolzieren der Gruppe, die in die Luft gereckte Faust der jungen Solotänzerin, symbolisieren die "Kraft der Götter" , erklärt Choreograf Chavez. Vieles in der Show zeige afrikanische Einflüsse, die die Kultur in Kuba maßgeblich prägten.

Trotz aller klassischen Elemente will das "Ballet" vor allem eins sein: modern. Die siebenköpfige Live-Band - unter ihnen Musiker aus dem kulturellen Umfeld des "Buena Vista Social Club" - spielt Pop- und Dance-Songs von Beyoncé, David Guetta und Hozier ("Take Me To Church") und stattet Klassiker wie "Roxanne" (The Police) mit lateinamerikanischer Rhythmik aus. Ob diese tropische Mischung aus alter und neuer Musik, sinnlich-wildem und technisch-anspruchsvollem Tanz auch im winterkühlen Ruhrgebiet eine "Revolución" auslösen kann, wissen nur die Zuschauer.

Quelle: RP
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