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Ein Jahr nach dem Germanwings-Absturz
Der traurigste Tag im Dorf Le Vernet

Le Vernet. Das Drama des Germanwings-Unglücks prägt die Menschen im Dorf Le Vernet. Sie begleiten Angehörige, die an die Absturzstelle wandern und mit Steinen als Erinnerung zurückkommen. Von Christine Longin

Die Sonderausgabe der Zeitung "La Provence" über den 24. März 2015 liegt noch in ihrem Bungalow. Nina Théaudin hat mehrere Exemplare davon, um den Tag nicht zu vergessen, der auch ihr Leben verändert hat. Die Deutsche, die seit 13 Jahren in dem Alpendorf Prads-Haute-Bléone wohnt, war nicht zu Hause, als Co-Pilot Andreas Lubitz den Airbus mit 149 Menschen an Bord gegen das Massiv Trois Evêchés flog. Makellos weiß ist ein Jahr später die schneebedeckte Bergkette vom Campingplatz Mandala aus zu sehen, den Théaudin mit ihrem Mann betreibt. Dort geht der Weg vorbei, der zum Col de Mariaud führt - jenem Berg, der den Blick auf die Absturzstelle in rund 1500 Metern Höhe freigibt.

Im Oktober ging Théaudin diesen Weg mit einer Familie aus Haltern am See, deren Tochter dort ums Leben gekommen war. Eine kleine Trauergruppe, die Ninas Mann Yvan, ein Bergführer, bis zum Gebirgsgrat gegenüber vom Unglücksort begleitete. Die Minuten der Trauer, die sie da erlebte, kann Théaudin nicht in Worte fassen. "Ich habe eine Tochter im selben Alter."

Auch andere Angehörige der Opfer haben sie kontaktiert. Beispielsweise ein Spanier, der seinen Vater verlor und nun mit seiner Mutter und den Geschwistern anreisen will. "Einige, die zu uns kommen, sind direkt oder indirekt betroffen." So habe sie für diesen Sommer auffällig viele Buchungen von deutschen Familien mit Jugendlichen - "dabei gibt es hier nicht einmal WLAN". Zu erkennen geben sich die Trauernden in der Regel nicht. "Ich erfahre das dann erst hinterher." Das ist ihr auch lieber so, denn auf dem Camping-Gelände könnte sonst schnell die Neugier die Oberhand gewinnen.

Den ersten Kontakt hatte die gebürtige Bayerin kurz nach dem Unglück, als die ersten Familien ins Nachbardorf Le Vernet kamen. "Ich bin hochgefahren, weil ich dachte, dass ich beim Übersetzen helfen kann, aber das war zweitrangig", erinnert sie sich. "Es ging darum, dazusein und mitzufühlen." Außerdem habe es ihnen gut getan, dass jemand auf Deutsch erklärt, wo genau hinter der Zackenlinie der Berge ihre Angehörigen starben. Beeindruckt seien alle von dem Bergidyll gewesen, "diesem Nebeneinander von Schönheit und Tod".

"Die Schönheit der Berge ist ein Trost", sagt auch Max Tranchard. Er ist Bergführer in Le Vernet auf der anderen Seite des Unglücksmassivs und begleitete in den vergangenen Monaten eine australische und eine spanische Familie zur Absturzstelle. Die Australier hatten nicht einmal eine Bergsteigerausrüstung dabei. "Wir mussten ihnen sogar Schuhe leihen", erinnert sich der 64-Jährige. Doch für die Angehörigen sei es wichtig gewesen, bis ganz nach oben zu gehen, wo das Flugzeug zerschellte. Dort sammelten sie Steine, die sie sorgfältig auswählten und mitnahmen. "Ich musste das Eis aufschlagen, damit sie danach suchen konnten."

Beim Einkaufen habe er am Vormittag des 24. März 2015 die ersten Anrufe erhalten, schildert Tranchard den Tag der Tragödie. Schon eine Stunde später kam die Anfrage, ob er die Polizei begleiten könne, um zu sehen, was am Berg passiert sei. Seine Gruppe war die erste, die zu Fuß dort eintraf. "Wir haben nur kleinste Bruchstücke gesehen."

Nur wenige Stunden, nachdem bekanntgegeben wurde, dass das Flugzeug mit Absicht gegen den Berg gelenkt worden war, trafen die Angehörigen in Bussen in Le Vernet ein. "Es war viel Wut in ihnen, als sie ankamen", erinnert sich Bürgermeister Bernard Bartolini. Der Absturzort liegt auf dem Gebiet seiner Gemeinde Prads-Haute-Bléone. Der 195-Einwohner-Ort ist nur über eine schmale, kurvenreiche Straße zu erreichen. "In Vernet, auf der anderen Seite des Berges, ist der Zugang einfacher, vor allem für Busse."

In einer Feriensiedlung am Ortseingang von Le Vernet wurde deshalb schon am Tag nach dem Absturz ein grauer Stein zum Gedenken an die Opfer errichtet. Neben der Stele hat die Germanwings-Mutter Lufthansa ihr Büro bezogen. Dort, wo früher die Dorfschule mit einer Handvoll Schüler untergebracht war, sitzen nun Mitarbeiter der Fluggesellschaft, um sich um anreisende Angehörige und Verwaltungsdinge zu kümmern. Für die Familien hat die Lufthansa neben ihrem Büro einen Andachtsraum eingerichtet.

Anfangs waren es auch viele Neugierige, die das 120-Einwohnern-Dorf aufsuchten. "In der ersten Zeit kamen 150 Autos am Tag", sagt Tranchard. Von einem Sensationstourismus will Bartolini jedoch nicht reden. "Die Leute haben Mitleid. Sie legen Blumen nieder und fahren dann auch gleich wieder."

Nicht so die Angehörigen, von denen einige schon mehrmals da waren. "Wir haben unsere Herzen und unsere Häuser für sie geöffnet", sagt Bartolini, der Kontakt hält zu den Familien. "Wir sind die Verbindungsglieder zu den Toten." Deshalb begleitet er die anreisenden Angehörigen zu einer Erinnerungsstätte, die seine Gemeinde rund fünf Kilometer vom Dorf entfernt errichten ließ. 149 Metallstäbe ragen da in die Luft wie die langen braunen Borsten eines Besens. "Wir betrachten den Co-Piloten nicht als Opfer", sagt der Bürgermeister zu der Entscheidung, Lubitz als 150. Toten vom Gedenken auszuschließen. "Für mich hat er eine unverzeihliche Tat begangen."

Wenn heute die Angehörigen am Jahrestag nach Le Vernet kommen, werden viele auf den Berg wollen, an dem das Leben ihrer Lieben brutal endete. Allradfahrzeuge habe die Lufthansa dafür angemietet, sagt Tranchard. Auf dem letzten Wegstück will er die Familien zu Fuß begleiten. "Das wird ein trauriger Tag werden." Nina Théaudin wird auch alle wiedersehen, die sie durch das Drama kennengelernt hat: die Familie aus Haltern, andere Angehörige und Mitarbeiter der Lufthansa. "Es besteht eine Herzensverbindung zu Menschen, die wir sonst nie getroffen hätten. Das ist der andere Aspekt des Unglücks."

Quelle: RP
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