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Köln
Lebenslänglich für Mordversuch an 18-Jährigem

Köln. In der "Villa Kunterbunt" missbrauchte der Angeklagte acht Jahre lang Jungen. Jetzt wurde er verurteilt. Von Christoph Driessen

Es muss eine alptraumhafte Szene gewesen sein in jener regnerischen Nacht zum 10. Dezember 2014 hoch über der Brucher Talsperre im Bergischen Land: Ein junger Mann lehnt über dem 20 Meter tiefen Abgrund. Ein Älterer steht hinter dem Sicherheitsgeländer und hält ihn an den Händen. Plötzlich lässt er los - und der Jüngere stürzt in die Tiefe. Er überlebte schwer verletzt. Das Landgericht Köln verurteilte den Mann, der in jener Nacht losließ, gestern zu lebenslanger Haft bei besonderer Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung.

Zweieinhalb Stunden lang schilderte die Vorsitzende Richterin Sabine Kretzschmar das "System", das der Angeklagte zur sexuellen Ausbeutung von Jungen aufgebaut hatte. Von außen sah alles ganz idyllisch aus: "Villa Kunterbunt" nannte er sein Mobilheim auf einem Campingplatz am See. Nur die Reichskriegsflagge, die darüber wehte, hätte stutzig machen können. Hinter der bunten Fassade missbrauchte und vergewaltigte er acht Jahre lang mehrere Jungen.

Seine Opfer kamen aus sozial schwachen, zerrütteten Familien, hatten Probleme in der Schule und ein geringes Selbstwertgefühl. Das nutzte er aus. Er machte ihnen Geschenke, angelte mit ihnen, spielte Fußball, half bei den Hausaufgaben und spendierte vor allem viel Alkohol. All das mit dem Ziel, sie wieder und wieder zu missbrauchen.

Die Jungen wagten es nicht, aus dem System auszubrechen, weil sie den Mann zugleich bewunderten und fürchteten. "Er hat gesprochen wie ein Diktator", sagte ein heute 25-Jähriger als Zeuge. Der Mann brüstete sich mit Kontakten zum Geheimdienst und prahlte damit, schon mal jemanden umgebracht zu haben. Wenn jemand gegen ihn aufbegehrte, wurde er gewalttätig. "Er kann sich höflich, charmant, zugewandt verhalten, andererseits mit extremer Härte vorgehen", sagte die Richterin. "Der Angeklagte ist so sehr von sich überzeugt, dass er sich fast magische Kräfte zuschreibt."

Im vergangenen Jahr schaffte es schließlich ausgerechnet sein Liebling, "Bärchen" genannt, sich von ihm zu lösen und Anzeige zu erstatten. Als der Mann davon erfuhr, kündigte er zwei anderen Jungen an, er werde "Bärchen" aus dem Weg räumen. Es sollte wie Selbstmord aussehen.

Eines Nachts wird der 18-Jährige wach - und obwohl er alle Türen abgeschlossen hat, steht neben ihm der gefürchtete Peiniger, bewaffnet mit Messer und Axt. Er zwingt ihn, Abschiedsbriefe zu schreiben und alle Anschuldigungen zurückzunehmen. Dann geht es zur Brucher Talsperre nahe Gummersbach.

Nach dem Sturz des Jungen hielt der Mann diesen für tot. Doch er irrte sich. Am nächsten Morgen fand eine Spaziergängerin den jungen Mann blutüberströmt, aber lebendig. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und eine Unterkühlung. Für das Gericht stand die besondere Gefährlichkeit des Täters außer Frage. Vor Gericht bewegte er sich während der Urteilsverkündung kaum.

(dpa)
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