Die Predigten zum Ostersonntag: Lehmann warnt vor "Gier"
zuletzt aktualisiert: 23.04.2000 - 14:10Hamburg (dpa) - Millionen von Gläubigen haben an den Ostertagen die Gottesdienste der beiden großen christlichen Kirchen besucht, um das "Fest des Lebens" und der Auferstehen zu feiern. In ihren Predigten forderten die deutschen Bischöfe am Ostersonntag einen neuen Aufbruch zum Glauben. Ostern biete Hoffnung und die Möglichkeit, Zweifel am Glauben zu verlieren. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofkonferenz, Bischof Karl Lehmann, warnte im Mainzer Dom davor, das Verlangen nach Leben zu einer "unersättlichen Gier" werden zu lassen.
Der Limburger Bischof Franz Kamphaus wandte sich gegen die Unterordnung von Sonn- und Feiertagen unter die wirtschaftlichen Interessen. Er kritisierte die Entscheidung der hessischen Landesregierung, den Börsenhandel an den drei kirchlichen Feiertagen Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam freizugeben.
Der Evangelische Landesbischof in Bayern, Johannes Friedrich, sagte in München, das Leiden in der Welt sei kein Zeichen für die Abwesenheit Gottes. Die Osterbotschaft sei, dass die Auferstehung und das Leben gegenüber Leid, Tod und Unheil das letzte Wort behielten. "Gott will das Leben und nicht den Tod."
Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner sagte, die Gewohnheit mache immun für die unwahrscheinliche Botschaft der Osterwirklichkeit. Den Fall einer Rheinländerin, die nach einer Vergewaltigung nicht abgetrieben hatte, erwähnte er als außerordentliches Beispiel für den neuen Glauben.
Der pfälzische Kirchenpräsident Eberhard Cherdron warf der Genforschung vor, ein unwürdiges Bild vom Menschen zu zeichnen. Der Mensch erscheine als "Objekt, das hemmungslos manipuliert werden kann", und als Sache, die, "wenn sie nicht gut gelungen ist, einfach wieder beseitigt wird". Alles, was den Menschen menschlich mache - seine Schwäche und seine Vergänglichkeit - gelte als "behebbarer Mangel". Doch auch der perfekte Mensch bleibe ein verletzlicher Mensch, der nicht gedemütigt und erniedrigt werden dürfe, sagte Cherdron in Speyer.
Der Bischof von Speyer, Anton Schlembach, sagte, der christliche Osterglaube ermutige dazu, "uns unerschrocken einzusetzen gegen alles, was den Menschen erniedrigt, und für alles, was den Menschen aufrichtet, seine Würde und sein wahres Wohl fördert".
Der Essener Bischof Hubert Luthe beklagte, dass es immer weniger Menschen wagten, über "den Rand des irdischen Lebens hinaus zu blicken und hinaus zu hoffen". Als "das Fest des Lebens" und "die Geburtsstunde der Verkündigung" bezeichnete der Essener Weihbischof Franz Grave das Osterfest. Die Kirche sei berufen, diese österliche Lebensbotschaft wach zu halten gegen Lebensverachtung und Erniedrigung, Lieblosigkeit und Ausbeutung, gegen Maßlosigkeit im Lebensgenuss, sagte Grave.
Der Tübinger Theologe Bernd Jochen Hilberath, sagte im Südwestrundfunk, die Auferstehung sei nicht als Wiederbelebung eines Leichnams zu verstehen. Das Grab Jesu sei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht leer gewesen. Jesus sei nach Ostern "nicht so zu sehen gewesen, wie er vorher war".
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