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Abschied
"Cindy aus Marzahn" hängt den Jogginganzug an den Nagel

Die irre Karriere von Cindy aus Marzahn
Die irre Karriere von Cindy aus Marzahn FOTO: RTL / Bodo Schackow
Hamburg. Schluss mit pinkfarbenen Jogginghosen und Forderungen nach Mindestlohn nach Körpergewicht: Komikerin Ilka Bessin tritt nicht mehr in ihrer Paraderolle "Cindy aus Marzahn" auf.

Im Internetshop von "Cindy aus Marzahn" läuft seit Tagen der Räumungsverkauf. "Ab sofort 70 Prozent auf alles, außer Babynahrung", schreibt die populärste weibliche deutsche Kunstfigur der vergangenen Jahre mit einem Smiley versehen. Wer sich nach dem Warum des Ausverkaufs fragte, bekommt jetzt im "Spiegel" die Antwort: Cindy beendete klammheimlich ihre Karriere.

Mit dem Ende ihrer Tournee Anfang Juni habe sie bereits ihren letzten Auftritt in ihrer Paraderolle der schwergewichtigen Langzeitarbeitslosen gehabt, sagte die hinter Cindy stehende Komikerin Ilka Bessin dem Hamburger Magazin. Sie wolle nun gemeinsam mit einer Schneiderin Kleidung für Übergewichtige entwerfen. Ob sie irgendwann unter ihrem eigenen Namen auf die Bühne zurückkehren werde, wisse sie noch nicht.

"Man darf so eine Figur nicht totspielen"

"Man darf so eine Figur nicht totspielen," sagt Bessin. "Wenn man sich elf Jahre lang Abend für Abend eine Perücke aufsetzt und einen pinkfarbenen Jogginganzug anzieht, muss man aufpassen, dass die Leute nicht irgendwann sagen: Boah, ich kann den Scheiß nicht mehr sehen."

Ihr pinkes Outfit kombiniert mit dem schrill geschminkten Gesicht und einem völlig schmerzfreien Sprücheklopfen über das eigene Aussehen ließen die ehemalige Langzeitarbeitslose zu einer Traumkarriere starten, die sie 2014 bis an den Broadway in New York brachte. Vorgezeichnet war diese Karriere nicht. Ohne die Wirren und sozialen Härten der Wiedervereinigung im Zusammenspiel mit der Suche des Privatfernsehens nach immer schrilleren Figuren wäre sie wohl auch nicht möglich gewesen.

Bessin kommt nicht aus Berlin-Marzahn, sie wuchs in Luckenwalde bei Berlin auf. In der DDR kochte sie in einem Wälzlagerwerk für 750 Arbeiter. Den Job verlor sie nach der Wende und geriet bald in den Strudel der hohen Arbeitslosigkeit. Bessin kellnerte, war Schiffsanimateurin und lebte Anfang der 2000er Jahre vier Jahre lang arbeitslos von Hartz IV.

Was sie mit Sprüchen wie "Ich hab keine Arbeit, ich sehe einfach zu gut aus" später in ihren Programmen mit Kalauern verarbeitete, war eine schlimme Zeit. "Man hat ja keinen Lebenssinn", sagte sie einmal dem Branchendienst "Teleschau". "Ich habe während der Zeit auch über 30 Kilo zugenommen."

Die Wende brachte ein Anruf beim "Quatsch Comedy Club" auf ProSieben, wo sie eigentlich nur als Showkellnerin arbeiten wollte. Doch am Apparat war ein Verantwortlicher der Talentschmiede der Show und schlug ihr vor, sich doch einmal dafür zu bewerben.

Gleich ihr erster Auftritt im Jahr 2004 wurde zum Durchbruch. "Ich bekomme Hartz VIII", stellte sie sich und ihre erfundene Familie mit Tochter dem Publikum vor - "zweimal Hartz IV und Kindergeld".

Brachialhumor als Erfolgsrezept

Derbe Sprüche rund um Arbeitslosenklischees, ihr Übergewicht und Beziehungsprobleme waren der rote Faden ihres Erfolgs. "Wenn ich morgens um 14 Uhr wach werde läuft nur Scheiße im Fernsehen." Oder ihre Alzheimerbulimie: "Ich glaube nicht, dass Sie wissen, wie scheiße das ist, wenn man den ganzen Tag frisst und abends vergisst zu kotzen."

Vier Jahre spielte sie im "Quatsch Comedy Club", RTL gab ihr die eigene Show "Cindy aus Marzahn und die jungen Wilden", von 2012 bis 2013 war sie Co-Moderatorin von Markus Lanz bei "Wetten, dass..?".

Doch noch vor dem Aus der Show endete die Zusammenarbeit. Bei Sat.1 fand sie zwar einen neuen Hafen, doch die Erfolge kehrten nicht mehr wie gewohnt zurück. Insofern war das Aus womöglich schlicht fällig. Auch wenn Bessin mit Cindy ihre "beste Freundin" zurück in die Arbeitslosigkeit schickt.

(felt/AFP)
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