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Liebes Büdchen, du bist immer für mich da

Am Samstag feiert das Ruhrgebiet den "Tag der Trinkhalle" mit Aktionen und Kultur. Der Kiosk ist Lebensretter, morgens um fünf und nachts um drei. Eine Liebeserklärung. Von Laura Ihme

Schlümpfe. Denk' ich ans Büdchen, denk' ich an Schlümpfe. Diese ultrasüßen, ultraklebrigen Gummidinger, bei denen sich Zucker mit purer Chemie verbindet. Wann immer ich ein Büdchen betrete, rieche ich sie, sehe ich sie. Schließlich hat mit ihnen alles angefangen.

Das war 1997, und ich war in der ersten Klasse. Meine beste Freundin und ich hatten von unseren Müttern ein Fünf-Mark-Stück bekommen. "Für Süß", wie wir damals sagten. "Süß" vom Büdchen. Also stiefelten wir los, zum Kiosk ums Eck und haben die größten Süß-Tüten aller Zeiten gekauft. 1997 konnte man sich mit einem Fünf-Mark-Stück schließlich noch eine halbe Süßwarenfabrik leisten. Was in die Tüte meiner Freundin kam: saure Schlangen, Center-Schock-Bonbons, Cola-Flaschen. Was in meine Tüte kam: Schlümpfe (ich hatte es nie so mit der Variation und habe mich lieber auf eine Sorte beschränkt). Die Süß-Tüten haben nur kurz überlebt. Wir haben alles gegessen. Innerhalb von Minuten. Danach war mir so schlecht wie noch nie in meinem Leben - und ich hatte mich in das Büdchen verliebt.

Das Büdchen ist Süßigkeiten-Paradies, Mini-Supermarkt, sozialer Treffpunkt und sogar eine Gaststätte - nämlich die mit dem niedrigschwelligsten Angebot, weil niemand einzutreten braucht, sondern sich sein Bier oder seinen Kaffee durchs Fenster reichen lassen kann. In einem Stadtviertel steht es oft für den kleinsten gemeinsamen Nenner der Gesellschaft: Jeder kann sich dort etwas leisten, wenn das günstigste Produkt drei Lakritzschuhe für fünf Cent sind. Und in einer Siedlung ist die Bude, die je nach Region auch Kiosk oder Trinkhalle heißt, stets ein kleines Zentrum - zum Treffen, Klatschen übers Wetter und Jammern über Fußball-Ergebnisse und Aufregen über Politik.

Der Kiosk hat es heutzutage auch schwer: Viele Supermärkte öffnen von sieben bis 24 Uhr, Tankstellen bieten längst mehr als nur Benzin und Wischwasser für die Scheibenspritzanlage. Der Kiosk ist aber nicht so anonym, der Besitzer wie ein guter Nachbar, bei dem man sich für den Urlaub abmeldet oder der einen nach längerer Abwesenheit fragt, ob man wieder gesund sei. Und er weiß manchmal sogar mehr über uns als andere Bekannte - zum Beispiel, was wir gerne essen, trinken, lesen. Ein guter Kioskbetreiber hat nämlich schon die Zigaretten in der Hand, wenn wir gerade erst "Guten Tag" gesagt haben, er kennt unsere favorisierte Biermarke und unsere Lieblingszeitung. Für Neu-Hinzugezogene ist der Kiosk mitunter deshalb der erste Anker im neuen Alltag.

Das Büdchen macht das Leben aber nicht nur lebenswert, es rettet es zuweilen auch. Um drei Uhr nachts zum Beispiel, wenn man noch ganz dringend ein Bier für den Weg nach Hause braucht. Oder Sonntagnachmittags, wenn einem die Milch ausgegangen ist, aber Mutter bald kommt und man sich ohne Milch im Kühlschrank wieder anhören müsste, alleine nicht lebensfähig zu sein. Wenn du morgens dort Brötchen kaufst. Wenn die Kippen alle sind. Wenn die Batterien von der Fernbedienung leer sind und du nicht auf Fußball umschalten kannst. Wenn du einen Kaffee brauchst, um es zur Arbeit zu schaffen. Wenn du ein Date hast und vorher noch Knoblauch gegessen hast und jetzt sofort das allerstärkste Kaugummi brauchst. Wenn du so richtig schlecht drauf bist und der Mann hinter dem Tresen dir einen Kinderriegel in die Hand drückt, ohne ihn abzurechnen und dir schweigend zunickt. Wenn du Liebeskummer hast und ganz dringend die "Bunte" lesen musst, um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn dein bester Freund Liebeskummer hat und du ein Sixpack kaufst, um ihm beizustehen. Wenn du Klopapier brauchst. Wenn du mal wieder Schlümpfe essen willst. Dann ist das Büdchen für dich da.

Ich lebe in Düsseldorf-Flingern. In meiner Nachbarschaft gibt es mindestens fünf Büdchen. Ich weiß gar nicht, wie sie alle heißen. Und wann sie aufhaben. Das ist ja das Großartige: Eins von ihnen hat immer auf und ist für mich da. Ich muss nur mein Kleingeld da lassen. Das Heimatgefühl gibt es schon für ein paar Euro - das hat sich seit 1997 nicht geändert, auch wenn die Süß-Tüten kleiner geworden sind.

Aber es ist ja auch nichts für die Ewigkeit, ich bin ja auch nicht mehr wie 1997, Schlümpfe bestimmen nicht mehr meine Sorgen, und ich muss auch nicht mehr meinen Ausweis zeigen, um einen Biermix zu bekommen. Stattdessen kaufe ich sonntagmittags Milch. Und die allermeiste Zeit ist das auch okay so. Und wenn es mal nicht okay ist, kaufe ich Schlümpfe. Deshalb liebe ich das Büdchen, und deshalb sollten wir alle das Büdchen lieben: Weil es unser Leben rettet, und weil wir dort in unserer sonst so chaotischen Welt kurz mal nur wir selbst sein können. König Kunde ohne Einkaufswagen. Das Büdchen ist Freiheit.

Quelle: RP
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