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Alsdorf
Löhrmanns Lieblingsschule

Alsdorf. In Alsdorf bei Aachen lernen Schüler selbstbestimmt nach individuellen Plänen. Ein Lösungsweg für die Debatte um G 8? Von Frank Vollmer

Die Zukunft der Schule im Allgemeinen und des Gymnasiums im Besonderen liegt nah am Streichelzoo. Direkt neben dem Tierpark, im Naherholungsgebiet. Die Schule der Zukunft ist das Gymnasium Alsdorf bei Aachen - zumindest wenn man NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann glaubt. Im Streit um das achtjährige Gymnasium (G 8) ist die Grünen-Politikerin immer wieder auf Alsdorf zurückgekommen, als Vorbild für ihren Traum einer eigenen Lernzeit für jedes Kind. Alsdorf ist so etwas wie Löhrmanns Lieblingsschule.

Was das konkret heißt, ließ sich Löhrmann gestern zum Beispiel von Lukas Matzerath (15) zeigen. Das Zauberwort heißt Dalton: In wöchentlich zehn bis zwölf "Dalton-Stunden", benannt nach der Pionierschule in den USA, lernen die Alsdorfer Schüler selbstbestimmt und jahrgangsübergreifend nach individuellem Lernplan. Zehntklässler Lukas etwa macht in dieser vierten Stunde Physik. In der ersten war Biologie dran. Dazwischen gibt es normalen Unterricht im Klassenverband. "Den Raum für die Dalton-Stunden und damit den Lehrer suchen wir uns selbst aus", erklärt Lukas. Warum er jetzt Physik mache, will Löhrmann wissen. Die Sachen habe er heute ohnehin dabei, sagt Lukas.

Der Rest seines Tischs übt Englisch, Spanisch, Mathe. Fragen sollen mit dem aufsichtführenden Lehrer oder anderen Schülern geklärt werden. Was erledigt ist, wird überprüft und protokolliert; der "Daltonplaner", eine Art individuelles Klassenbuch, soll Schwänzen und allzu einseitige Lehrpläne verhindern.

Glaubt man seinen Anhängern, ist Dalton der Generalschlüssel zu einer besseren Schule: mehr Lernfreude, mehr Eigenverantwortung, bessere Konzentration auf Problemfächer, weniger Sitzenbleiber, weniger Disziplinarstrafen, weil die Schüler sich ja ihren Lehrer aussuchen. Schulleiter Wilfried Bock spricht von einer "neuen Atmosphäre": "Unangenehme Arbeit wird halbwegs angenehm, wenn man sie selbst steuern kann." Für sein Konzept hat das Alsdorfer Gymnasium 2013 den Deutschen Schulpreis gewonnen.

Kritik gibt es auch: Dalton unterminiere den Klassenverband, erhöhe eher den Arbeitsaufwand der Schüler und tendiere dazu, stärkere Schüler zu bevorteilen. Als Löhrmann in der G 8-Debatte auf Alsdorf verwies, war auch zu hören, individuelle Lernzeiten öffneten die Tür zum Chaos an der Schule. Löhrmanns Vorstoß bedeute letztlich die Einführung der Einheitsschule, resümierte einigermaßen perplex der Verband Bildung und Erziehung.

An diesem Morgen wird allerdings deutlich, dass eine Flexibilisierung der Lernzeit - wer mehr Zeit für Mathe braucht, macht eben in den Dalton-Stunden mehr Mathe - mit der Frage "G 8 oder G 9?" wenig zu tun hat. "Dalton funktioniert unter beiden Systemen", sagt Schulleiter Bock. Und auch die Ministerin macht deutlich, dass es nicht um den Umsturz gehe: "Wir sehen hier ein funktionierendes G 8, das die Zeit der Schüler besser nutzt."

Also ein besseres G 8, keine totale Verflüssigung der Schullaufbahnen, wie viele Experten damals argwöhnten. Drei Wochen ist die Kehrtwende der Ministerin nun her, die zuvor stets auf den runden Tisch und dessen G 8-Reformbemühungen verwiesen hatte. Der Präzisierungsprozess läuft immer noch. Schnell hatte Löhrmann nachgeschoben, sie könne sich - neben besagter Flexibilisierung - auch langsame und schnelle Stränge an einer Schule vorstellen, also G 8 und G 9 parallel. Das machte ihr Konzept anschlussfähig an das "G 8 flexi" der SPD, die über ein "Orientierungsjahr" jedem Schüler die Möglichkeit des Abiturs nach neun Jahren eröffnen will.

Löhrmann sieht die Flexibilisierung als Optimierung, "die G 8 die Spitzen nimmt", aber eben innerhalb des bestehenden Systems. Sie wolle die G-Debatte überwinden, wiederholt die Ministerin in Alsdorf. Bei ihren erbitterten Gegnern, den Elterninitiativen etwa, dürfte sie damit kaum punkten - die wollen G 9 und sonst nichts. Für den aktuellen politischen Streit dürfte Dalton daher kaum der Königsweg sein und schon gar keine Lösung.

Dalton ist ein grundlegendes Reformkonzept. Ob es auch mehrheitsfähig ist? "Die Impulse werden mittelfristig wirken", sagt Löhrmann. Der in Alsdorf gegründeten Dalton-Vereinigung gehören derzeit 26 von mehr als 33.000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland an.

Quelle: RP
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