Buhrufe für die Spaßfraktion: Michelle fährt zum Grand Prix
zuletzt aktualisiert: 03.03.2001 - 20:10Hannover (dpa). Sängerin Michelle hat der deutschen Grand-Prix- Welt ein bisschen Frieden gebracht. Mit ihrer Herz-Schmerz-Ballade "Wer Liebe lebt" sicherte sich die 29-Jährige bei der Vorauswahl in Hannover am Freitagabend mit 36,6 Prozent der Telefonstimmen den ersten Platz. Die Etablierten behielten beim Sängerkrieg in der Preussag Arena die Oberhand: Auf Platz zwei landete Joy Fleming mit ihren beiden Schweizer Mitstreiterinnen Lesley und Brigitte, den dritten Platz belegte Ralph Siegels Kandidatin Lou & Band.
Für die Trash-Stars Zlatko und Rudolph Moshammer hieß es am Freitagabend hingegen: Null Punkte. "Der deutsche Schlager hat seine Würde wieder!" jubelte die "Bild"-Zeitung. Nun geht Michelle mit einem Lied wie aus der "Hitparade" am 12. Mai beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen für Deutschland an den Start.
Der Sangeswettstreit bescherte der ARD Traumquoten. Bis zu 14 Millionen Zuschauer schalteten sich in der Spitze in die knapp zweistündige Übertragung ein. Im Schnitt sahen 9,1 Millionen Menschen (Marktanteil: 27,4 Prozent) das Lieder-Potpourri, wie der Norddeutsche Rundfunk am Samstag mitteilte. Beim Vorentscheid 2000, bei dem mit Stefan Raab noch ein Spaßmacher triumphierte, waren nur 7,87 Millionen Zuschauer dabei.
Dass es diesmal eher um stimmliche Qualitäten als um den Fun- Faktor gehen würde, ahnte Moderator Axel Bulthaupt schon zu Beginn des Musikspektakels: "Richtige Sänger beim Grand Prix - wer hätte das gedacht?" Um 20.39 Uhr schlug dann die große Stunde für die Schlagersängerin aus dem Schwarzwald. Im tief dekolletierten Abendkleid sang sie kraftvoll ihre Ballade, Schlagerfreunden ging das Herz auf. Zuletzt hatte die 29-Jährige, die zwei kleine Töchter hat, vor allem mit ihrer Trennung von Sänger Matthias Reim ("Verdammt, ich lieb dich") Schlagzeilen gemacht.
Dies schien am Freitag vergessen. Michelle triumphierte ("Ich liebe euch, Dankeschöööön") und konnte sich vor dem Presserummel kaum retten. Auf der After-Show-Party hatte die zierliche, 1,56 Meter große Blondine dann gleich zwei mächtige Leibwächter zur Seite. Immer wieder sagte sie dieselben Sätze in die Mikrofone: Ja, sie stehe für Deutschland und nein, sie werde ihr Lied in Kopenhagen nicht auf Englisch singen. Auch Ralph Siegel, Altvater des Grand Prix ("Ein bisschen Frieden"), zeigte sich ganz gerührt und gratulierte Sängerin Michelle herzlich mit zwei Küsschen.
Für die "Spaßfraktion" gab es in Hannover wenig zu lachen. "Das war schon fast ein bisschen gemein", meinte Popgröße Dieter Bohlen. Der selbst ernannte Münchner Modezar Rudolph Moshammer, der im roten Kostüm wie eine Kreuzung aus Zirkusdirektor und König Ludwig aussah, erntete mit "Teilt Freud und Leid" etliche Buhrufe. Dauerbegleitung Hündchen Daisy kam nicht auf die Bühne, sondern drückte dem wie immer aufwendig frisierten Moshammer im Publikum die Pfoten.
"Big Brother" Zlatko erging es kaum besser - obwohl er noch getönt hatte, er sei sich "99,9 Prozent" sicher, zu gewinnen. Dass der mazedonisch-stämmige Schwabe von Gesangsunterricht nichts hält ("Bin ein Naturtalent"), war bei seiner Ballermann-kompatiblen Hymne "Einer für alle" ziemlich deutlich zu hören. Immerhin: Der weiße Anzug saß. Nach seiner Niederlage spendete ihm die angereiste Endemol-Fraktion, darunter "Big Brother"-Kumpel Jürgen, Trost.
Die von Kritikern erwarteten Peinlichkeiten hielten sich indes in Grenzen. DJ Balloon, der seine Obelix-Figur passend zu seinem Song in ein schwarzes "Techno Rocker"-Kostüm gezwängt hatte, verzichtete auf den angekündigten Puma im Käfig - dafür gossen sich seine Tänzerinnen einen Eimer Wasser übers hautenge T-Shirt. Im Showprogramm wurden Modern Talking, Blümchen-Nachfolgerin Millane sowie Rosenstolz und Marc Almond gefeiert. Für Grand-Prix-Star Guildo Horn war mit Michelles Sieg die Welt wieder in Ordnung: "Da war Herz drin. Das ist gute Musik. Ich habe eine richtige Gänsehaut bekommen."
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