Epizentrum dicht unter der Erdoberfläche: Möglicherweise bis zu 4800 Tote bei Erdbeben in Afghanistan
zuletzt aktualisiert: 26.03.2002 - 18:15Kabul (rpo). Zwei schwere Erdbeben in Nordafghanistan haben die Bevölkerung in eine Katastrophe mit unabsehbaren Ausmaßen gerissen.
Es sei mit 4800 Opfern zu rechnen, teilte die Sprecherin des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Maßnahmen (Ocha), Elisabeth Byrs, am Dienstag in Genf mit. Nach unterschiedlichen Quellen war zunächst von 100, später von mindestens 1800 Todesopfern die Rede. Die Regierung rechnete mit 4000 Verletzten und 20 000 Obdachlosen. Helfer befürchteten, dass sich die Zahl der Opfer stündlich erhöhen könnte. Die Region war von zwei Beben der Stärke 6,0 und 5,0 auf der Richterskala heimgesucht worden.
"Momentan haben wir noch überhaupt keinen Überblick, wie viele Tote es gibt", sagte UN-Sprecher Yusuf Hassan am Dienstag der dpa in Kabul. Offiziell liege die Zahl der Todesopfer noch bei 1800 - aus einem entlegenen Dorf habe er aber gehört, alle 800 Einwohner seien entweder tot, verletzt oder gälten als vermisst - diese Angaben seien noch nicht in den offiziellen Zahlen enthalten. Hassan sprach von einer "großen Katastrophe". Erst vor drei Wochen hatte es in der Region ein Erdbeben der Stärke 7,2 gegeben, bei dem 70 Menschen ums Leben kamen.
Die Altstadt von Nahrin in der Provinz Baghlan lag nach der Katastrophe in Schutt und Asche. "Unsere Mitarbeiter dort sagen uns, dass 90 Prozent der 3850 Häuser zerstört wurden", sagte Ehsan Zahine von der französischen Hilfsorganisation ACTED in Kabul. Am Dienstag lief die Hilfe für die Überlebenden und Obdachlosen an. Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen brachten erste Konvois auf den Weg, unter anderem mit Decken und Zelten.
Die 250 Kilometer lange Fahrt von Kabul nach Nahrin im Norden dauert jedoch einen Tag, und die abgelegenen Dörfer in den Bergen des Hindukusch sind nur schwer zu erreichen. Aus der Umgebung Nahrins kämen zahlreiche Verletzte auf der Suche nach Hilfe, sagte Zahine.
Die Bundesregierung bot Afghanistan sofortige Hilfe an. In Kabul trat ein Krisenstab zusammen, um die Hilfe zu koordinieren. Beteiligt sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin die Deutsche Botschaft in Kabul, die Vereinten Nationen (UN), das in Afghanistan befindliche Bundeswehr-Kontingent und das Technische Hilfswerk.
Außenminister Joschka Fischer sprach seinem afghanischen Amtskollegen Abdullah Abdullah das Beileid der Bundesregierung aus. Bundespräsident Johannes Rau versicherte Übergangsregierungschef Hamid Karsai, "dass Deutschland Ihnen bei der Bewältigung der Katastrophe zur Seite stehen wird".
An den Hilfsmaßnahmen wird sich auch die in Kabul stationierte Internationale Schutztruppe (ISAF) beteiligen. Ihr gehören auch deutsche Soldaten an. Wie das Verteidigungsministerium in Berlin mitteilte, wird sich die ISAF vor allem mit Pionieren und Sanitätern in die Hilfsmaßnahmen einschalten. Bei dem Beben, das auch in Kabul zu spüren war, wurden keine Soldaten verletzt.
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schickte erste Notausrüstungen, darunter 500 Zelte, in das Erdbebengebiet. Die Internationale Föderation der Rot-Kreuz und Rot-Halbmondgesellschaften IFRC entsandte Notärzte in die Region.
Die Europäische Union ließ 500 Zelte und 1000 Decken in die Krisenregion bringen. Es sei eine weitere Lieferung von 1500 Zelten und 1500 Notlagern vorgesehen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. Auch Russland bot Afghanistan Hilfe an.
Karsai schickte Gesundheitsminister Suhaila Siddik in die Region und verschob eine geplante Reise in die Türkei. Während Karsai von 1800 Toten sprach, sagte Zahine, mindestens 1200 Menschen seien ums Leben gekommen und mehr als 1500 Menschen verletzt worden.
Die Region war am Montag um 19.26 Uhr Ortszeit (15.56 MEZ) von einem Beben der Stärke 6,0 erschüttert worden. In der Nacht zum Dienstag folgte um 2.15 Uhr Ortszeit ein Beben der Stärke 5,0 auf der Richterskala.
Nach Angaben der US-Erdbeben-Informationsstelle in Denver lagen die Epizentren in nur 33 Kilometern Tiefe nahe beieinander. Das Beben vor drei Wochen war weniger zerstörerisch, weil es fast 200 Kilometer tief lag. Vor vier Jahren waren bei zwei Erdbeben in den Nachbarprovinzen Tachar und Badachschan 10 000 Menschen getötet worden.
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