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Rosenheim
Mutter sperrt geistig behinderte Tochter jahrelang ein

Rosenheim. Es ist nicht die beste Wohngegend in Rosenheim, doch die Häuser am nördlichen Stadtrand sind gepflegt, wurden erst vor wenigen Jahren modernisiert. Zwischen zwei Wohnblöcken liegt ein kleineres, zweistöckiges Acht-Parteien-Haus. In einer der beiden Dachgeschosswohnungen dort hat die Polizei gestern Vormittag eher zufällig eine schreckliche Entdeckung gemacht: Eine Mutter hat ihre geistig behinderte Tochter jahrelang in völlig verwahrlostem Zustand in einem kleinen Zimmer eingesperrt. Von Paul Winterer

Anscheinend konnte die Mutter nicht mehr die Miete für ihre kleine Wohnung zahlen. Als gestern um kurz vor 10 Uhr der Gerichtsvollzieher an der Haustür läutet und eine behördlich angeordnete Zwangsräumung vollziehen will, springt die 54-Jährige vom Treppenhaus im zweiten Stock in die Tiefe. Polizeisprecher Stefan Sonntag vermutet, dass sich die Frau in einer für sie ausweglosen Situation befand und umbringen wollte. Schwer verletzt wird sie in ein Krankenhaus gebracht. "Sie ist in einem kritischen Zustand, aber nicht in Lebensgefahr", sagt Sonntag. Vernehmungsfähig sei sie vorerst nicht.

Als Polizisten die Wohnung betreten, finden sie völlig verwahrloste Räume vor. Ein Zimmer ist abgesperrt. Sie brechen die Tür auf und finden die junge Frau "in psychischem Ausnahmezustand", wie Sonntag es nennt. "Sie war auf den ersten Blick verwahrlost und nicht auf dem geistigen Stand einer 26-Jährigen. Auch das Zimmer war in einem sehr unhygienischen Zustand." Womöglich durfte die junge Frau nicht einmal auf die Toilette gehen. Sie wird schließlich in eine Nervenklinik gebracht.

"Wie konnte ich das wissen", sagt die Nachbarin der 54-Jährigen, die in der Mansardenwohnung nebenan lebt. "Sie wollte sich ja nicht helfen lassen." Vor allem nachts habe die Tochter öfter geschrien und gegen die Wände der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung getreten, "aber keiner hat geöffnet, wenn ich geläutet habe". Seit die heute 26-Jährige vor etwa fünf Jahren eine Schule für geistig Behinderte verlassen habe, sei sie Tag und Nacht in der Wohnung gewesen, schildert die Nachbarin sichtlich erschüttert. "Nur einmal im letzten Jahr durfte sie kurz raus. Wenn man sie gesehen hat, hätte man nicht geglaubt, dass etwas nicht in Ordnung ist."

Neben der 54-Jährigen und deren Tochter lebt in der Wohnung ein weiterer Sohn. Der etwa 15-Jährige besucht ein Gymnasium, wie die Nachbarin sagt. Angeblich war ein Umzug in eine größere Wohnung geplant, "damit er ein eigenes Zimmer zum Hausaufgabenmachen hat". Der Vater der 26-Jährigen soll bereits gestorben sein, sagt die Nachbarin, der Jugendliche habe einen anderen Vater.

Murat Hylai (33), der in einem anderen Haus der Siedlung wohnt, empört sich, als er von dem Familiendrama erfährt. "Dass so etwas heute noch passiert, ist unmenschlich und geht gar nicht." Die 67-jährige Waltraud Gelner, ebenfalls aus der Nachbarschaft, ergänzt: "Es ist erschreckend, dass man so etwas nicht weiß. Es macht mir Angst."

Die Polizei steht erst am Anfang ihrer Ermittlungen. Sie will nicht sagen, ob womöglich ein behördliches Versagen vorliegt. Die 26-Jährige wird der Polizei bei der Aufklärung des Falles kaum helfen können, wie Sonntag meint: "Eine Kommunikation mir ihr ist sehr, sehr schwierig."

(dpa)
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