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Neue TV-Show im WDR
Jetzt geht's um die Wursts

Witten. "Familie Wurst - Mit Herz und Haaren" heißt eine neue Doku-Soap des WDR. Darin geht es unter anderem um die Zwillinge Manfred und Werner, die Versicherungen verkaufen, aber aussehen wie Heavy-Metal-Sänger. Ein Ortsbesuch. Von Jörg Isringhaus

Der erste Blick fällt natürlich auf die Haare. Lang sind sie, so richtig Heavy-Metal-lang, glatt, blond (gefärbt) mit leichtem Graustich und gepflegt. Vielleicht modisch nicht ganz im Trend, dafür ein Hingucker. Nichts gegen zu sagen. Aber auf dem Kopf von zwei 61-jährigen, schnauzbärtigen Versicherungsvertretern? Eineiigen Zwillingen noch dazu? "Wenn man unsere Berufe erraten sollte, wäre Versicherungsvertreter die letzte Wahl", sagt Michael Wurst, dessen Mähne auch wild ist – gemessen an den Schöpfen von Vater Manfred und Onkel Werner aber deutlich ausbaufähig.

Die Frisuren haben übrigens eine Geschichte, dazu später mehr. Doch geht es bei den Wursts beileibe nicht nur um Haare. Die sind zwar Erkennungszeichen, aber nicht das, was sie ausmacht. Deshalb heißt die Doku-Soap, die bald im WDR zu sehen ist, auch "Familie Wurst - Mit Herz und Haaren".

Die Wursts sind bekannt aus Sat.1-Doku 

Tatsächlich wirken die Brüder extrem geerdet, von Allüren wegen des TV-Drehs keine Spur. Wer sich im Pott zu wichtig nimmt, der wird schnell wieder eingenordet, wird heruntergeholt vom hohen Ross. Wichtig nehmen sich die Brüder nicht, aber ernst genommen werden, das wollen sie schon. Im Job, und eben so, wie sie sind. Das echte Leben abbilden: Das war Bedingung für die Dreharbeiten. Beispiel? "Wir sind Raucher", haben sie vorab dem WDR erklärt, "und rauchen eben. Wenn ihr das nicht im Bild wollt, müsst ihr warten, bis wir aufgeraucht haben." Manfred grinst und zündet sich im Wittener Büro eine Zigarette an. Der Kaffee kommt aus der Thermoskanne und wird in Plastikbechern mit Henkel serviert. Hauptsache lecker.

Die Wursts sind in Bochum stadtbekannt, nicht nur wegen der Frisuren. 2003 lief schon einmal eine Doku-Soap über die Familie auf Sat.1, da war deren Alltag aber etwas, wie sie selber sagen, dramatisiert. Michael ist Stadionsprecher beim Zweitligisten VfL Bochum, mittlerweile im zehnten Jahr. Bei der Sat.1-Castingshow "Star Search" wurde er 2003 Dritter, veröffentlichte später eine Single und gründete eine eigene Band. Dazu moderiert der 41-Jährige Veranstaltungen und schreibt Lieder, unter anderem für Sängerin Ireen Sheer. Außerdem engagiert er sich als Spielertrainer beim FC Frohlinde. Auch Manfred und Werner lieben die Musik, treten mit ihrer Coverband "The Tweens" bis zu viermal die Woche auf. Gespielt wird, was zum Publikum passt, von Beatles bis Bon Jovi. Ansonsten gilt die Devise: "Wer probt, ist feige."

"Klar knallt das auch mal ganz ordentlich"

Langeweile, Freizeit, beides kennen die Wursts nicht so gut. Sie sehen sich trotzdem jeden Tag, wohnen sie doch allesamt unter einem Dach, in einem umgebauten Bauernhof. Acht Wohnungen bietet das Gebäude, davon fünf mit Wursts belegt. "Klar knallt das auch mal ganz ordentlich", sagt Werner. Meistens aber verstehe sich die Großfamilie gut und helfe sich gegenseitig. "Der Nachteil: Man kann nichts verheimlichen", sagt Michael. Und fügt hinzu: "Früher mehr, heute weniger." Wie auch, verkaufen doch er und sein Cousin Dustin (31) wie Manfred und Werner Versicherungen. Nicht als Konkurrenten, sondern als zweites Team. "Wir haben das Fundament gelegt", sagt Manfred. Die 4000 Kunden, die er und sein Bruder betreuen, sind so etwas wie ihr Vermächtnis.

Vertrauen lautet das Zauberwort der Wursts, es ist die Basis für ihr Geschäft. Tatsächlich strahlen sie Ruhe aus, Souveränität. "Kunden, die sich bei unserem Anblick hier falsch fühlen, brauchen wir nicht", sagt Werner. Sich anzupassen, irgendwelchen Konventionen zu genügen, kommt nicht in Frage. Manfred: "Wir sind so, wie wir sind." Tatsächlich kämen die meisten Kunden wieder. Weil die Wursts nur das verkaufen, was sie für sinnvoll erachten. Sagen sie. Wohlwissend, wie fragil das Gut Vertrauen ist.

Angst vor einem Popularitätsschub durch die Doku-Soap, wie ihn zum Beispiel auch die Kölner Familie Fussbroich erfahren hat, treibt die Wursts nicht um. "Wir bieten optisch ja ohnehin einiges an Angriffsfläche", sagt Michael, "und werden auf der Straße sowieso angeglotzt." Und damit zur Geschichte hinter den Haaren. Manfred und Werner waren als junge Männer vier Jahre bei der Polizei, wollten Ausbilder werden. Als das nicht wie gewünscht lief und man die Zwillinge noch trennen wollte, da schmissen sie die Ausbildung hin. "Am selben Tag haben wir uns beide entschieden, nie mehr Schlips und nie mehr kurze Haare zu tragen", sagen sie. 1977 war das. Die Rebellion hält bis heute an. Und treibt kuriose Blüten. Immer wieder würden Menschen an der Haarpracht ziehen, weil sie eine Perücke vermuten. "Au, das tut weh, sage ich dann", erzählt Werner. Manfred grinst schelmisch. "Und ich sage nur: Nicht anfassen!"

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