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Aussage von Beate Zschäpe im NSU-Prozess
Opfer-Angehöriger: "Ich glaube ihr kein Wort"

Beate Zschäpe – der Tag ihrer Aussage vor Gericht
Beate Zschäpe – der Tag ihrer Aussage vor Gericht FOTO: dpa, tha htf
München. Zweieinhalb Jahre lang hat die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, geschwiegen. Jetzt hat sie ihre erste Erklärung angegeben - und mit konstruiert wirkenden Angaben zu den Vorwürfen bei den Angehörigen der NSU-Opfer vor allem eines provoziert: Wut.

53 Seiten umfasste der Text, den Zschäpes junger Verteidiger Mathias Grasel am Mittwochmorgen im Oberlandesgericht in München vortrug. Am Ende der Verlesung bestätigte Zschäpe mit einem Nicken, dass die in der Ich-Form gehaltene Stellungnahme ihre eigene Erklärung ist. Diese hat einen Kernsatz: "Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt."

Nichts gesehen und nichts gehört haben will die 40-Jährige im Vorfeld von den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und fünfzehn Überfällen, die dem NSU angelastet werden. Sie will nicht mal zum Nationalsozialistischen Untergrund gehört haben.

Das Neonazi-Trio und seine Helfer FOTO: dapd, BKA/Ostthueringer Zeitung

Gesagt haben will sie aber etwas: Immer wenn ihr die beiden anderen mutmaßlichen NSU-Mitglieder Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt nach einiger Zeit einen Mord gestanden, habe sie mit "Fassungslosigkeit" oder "Entsetzen" reagiert, erklärte Zschäpe. Dass sie sich trotzdem nicht den Behörden gestellt hat, begründete sie außer mit der Sorge vor einer eigenen Haftstrafe mit Verlustängsten. "Ich hatte Angst davor, dass sich beide umbringen würden und ich allen voran Uwe Böhnhardt verlieren würde."

Zschäpe mag sich gedacht haben, dass sie mit dieser Darstellung einer emotional von zwei mordenden Rechtsextremisten abhängigen, ansonsten aber unschuldigen Frau den bisherigen Eindruck von ihr im Prozess korrigiert. Doch bei den Angehörigen hat sie das Gegenteil erreicht.

Chronologie: Was nach dem NSU-Desaster geschah FOTO: dpa, fpt fdt

"Glaube ihr kein Wort"

"Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Meine von vornherein geringen Hoffnungen, dass mit dieser Erklärung endlich die genauen Umstände des Mordes an meinem Vater aufgeklärt werden, sind enttäuscht", erklärte Gamze Kubasik am Rande des Prozesses. Damit gab die Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubasik wieder, was auch andere Angehörige sagen. Zschäpes angeblich aufrichtige Entschuldigung nahm Kubasik nicht an.

Während Bundesanwalt Herbert Diemer zurückhaltend sagte, dass er die Erklärung in die gesamte Beweisaufnahme einordnen will, traf Nebenklageanwalt Yavuz Narin im Bayerischen Rundfunk eine vernichtende Bewertung: "Damit hat Frau Zschäpe ihr eigenes Urteil unterschrieben, das war einfach nur dumm", sagte der Rechtsanwalt der Angehörigen des NSU-Mordopfers Theodoros Boulgarides.

Hintergrund: Das ist Beate Zschäpe FOTO: dapd, -

Auch der Sohn des NSU-Mordopfers Enver Simsek kritisiert die Aussage der mutmaßlichen Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe im NSU-Prozess scharf. "Diese Erklärung war so erbärmlich, einfach nur lächerlich", sagte Abdulkerim Simsek am Rande des Prozesses. "Ich bin total enttäuscht. (...) Das ist in meinen Augen keinerlei Aufklärung und hat nichts gebracht."

"Nehmen Zschäpes Entschuldigung nicht an"

Zschäpes Entschuldigung nehme er nicht an: "Am Ende noch sich zu entschuldigen bringt gar nichts." Zschäpe habe sich mit ihrer Erklärung nur herausreden und entlasten wollen, sagte Simsek: "Sie ist immer noch eiskalt."

Opferanwalt Mehmet Daimagüler warf der Angeklagten vor, sie habe ein "Lügenkonstrukt" vorgelegt. Der Nebenklage-Anwalt Peer Stolle wertete die Aussage als Schuldeingeständnis. "Das, was sie sagt, ist so konstruiert und lebensfremd, dass jedem klar geworden ist, dass sie die Unwahrheit sagt und was zu verschleiern hat."

Der NSU-Prozess wird nach der Aussage Zschäpes für einige Tage ausgesetzt und erst am kommenden Dienstag fortgesetzt.

Hier lesen Sie die Kernpunkte von Zschäpes Aussage.

Hier gibt es Bilder vom Tag ihrer Aussage vor Gericht.

Mehr zum NSU-Prozess lesen Sie hier.

(lsa/AFP/dpa)
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