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Aussage im NSU-Prozess
Beate Zschäpe lässt sich erstmals freiwillig fotografieren

NSU-Prozess: Beate Zschäpe will aussagen - Opfer wünschen sich Reue
Wird Beate Zschäpe endlich ihr Schweigen brechen? FOTO: dpa
München . Kommt endlich Licht in die Morde der rechtsextremistischen Terrorgruppe NSU? Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe will ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen brechen. Als sie den Gerichtssaal betritt, wirkt sie gelöst.

Ihr Anwalt Mathias Grasel liest ihre Aussage verlesen. Er hatte eine umfassende Erklärung angekündigt: Zschäpes Aussage soll Angaben zu allen Anklagepunkten enthalten, die die Bundesanwaltschaft dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) vorwirft, also auch zu den zehn Morden.

Zschäpe muss sich vor dem Oberlandesgericht als Mittäterin an sämtlichen Verbrechen verantworten, die dem NSU angelastet werden. Seit Prozessbeginn im Mai 2013 hat sie beharrlich geschwiegen.

Grasel hat angekündigt, dass Zschäpe auch Fragen beantworten will - aber nur des Gerichts, und nur schriftlich und erst später. Konkret hat er den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl um einen schriftlichen Fragenkatalog gebeten. Den will er mit Zschäpe durcharbeiten und dann antworten. Ob das Gericht damit einverstanden ist, ist noch offen.

Die angekündigte Aussage sorgt für einen großen Zuschauerandrang im Gericht. Bereits Stunden vor Beginn der Verhandlung warteten die ersten Besucher am Mittwochmorgen vor dem Eingang des Oberlandesgerichts. Es bildete sich eine Schlange von rund 150 Wartenden. Im Sitzungssaal 101 des Oberlandesgerichts ist allerdings nur Platz für rund 50 Zuschauer und 50 Journalisten.

Mit einigen Minuten Verspätung hatte Zschäpe den Gerichtssaal betreten – mit einem Lächeln. Auch wandte sie sich – anders als in vorangegangenen Verhandlungen – nicht von den Kameras ab, sondern setzte sich direkt zwischen ihre beiden neuen Verteidiger. Sie wirkt gelöst. Direkt nach Verhandlungsbeginn startete ihr Anwalt mit dem Verlesen der Aussage.

Opferangehörige erwarten nur wenig

Angehörige von NSU-Mordopfern und deren Anwälte dämpften die Erwartungen. Der Anwalt der Münchner Familie Boulgarides, Yavuz Narin, sagte, das von Zschäpe und ihren Anwälten geplante Prozedere spreche "nicht unbedingt für die Glaubhaftigkeit irgendwelcher Aussagen". "Wir hätten es besser gefunden, wenn sie auch selber redet und dazu beiträgt, dass die ganze Wahrheit über den NSU herauskommt." Vater Theodoros Boulgarides war 2005 in München erschossen worden, mutmaßlich von Zschäpes Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die beiden sind tot, Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios.

Auch Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik, sagte mit Blick auf Zschäpes Aussage, sie habe keine große Hoffnung - "weil ich einfach glaube, dass da nicht die Wahrheit gesagt wird". "Natürlich ist mein Wunsch eine hundertprozentige Aufklärung. Aber ich weiß, das wird niemals geschehen", sagte sie.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer, Barbara John, sagte der "Berliner Zeitung": "Was ich mir wünsche und was die Familien sich wünschen, ist ein Reuebekenntnis und eine Klärung der immer wieder bohrenden Frage: Warum musste gerade mein Angehöriger sterben?" Das wäre eine "Art Befreiung", so John.

Die Erklärung Zschäpes war eigentlich schon vor vier Wochen geplant gewesen. Ein Befangenheitsantrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben machte den Zeitplan aber zunichte, mehrere Prozesstage fielen aus.
Anschließend verzögerte sich die Aussage, weil ein Anwalt Zschäpes im Urlaub war: Hermann Borchert, ein Kanzleikollege von Grasel. Ihn hätte Zschäpe nun auch gerne als Pflichtverteidiger an ihrer Seite - bisher ist er Wahlverteidiger. Das hat sie beim Gericht beantragt.

Warum redet Zschäpe jetzt?

Bisher schwieg Zschäpe wohl, weil sie sich erhofften, die Bundesanwaltschaft werde die Vorwürfe gegen sie nicht überzeugend beweisen können. Jetzt wollen sie reden, weil sie befürchten, das Gericht könnte nach zweieinhalb Jahren Prozess doch von ihrer Schuld überzeugt sein. Demnach hieße ihr Maximalziel jetzt nicht mehr Freispruch, sondern nur noch mildernde Umstände. 

Das ist besonders deutlich aus dem Zschäpe-Lager zu hören. Die Schweigestrategie sei darauf angelegt gewesen, eine Verurteilung unmöglich zu machen, heißt es. Zschäpe habe schließlich nicht selber geschossen, und der Vorsatz für eine Mittäterschaft sei schwer zu beweisen. Zwei ihrer drei ursprünglichen Anwälte, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl, haben außerdem Erfahrung mit einer derartigen Rechtskonstruktion: Für einen anderen Mandanten hatten sie vor dem Bundesgerichtshof so einen Freispruch erreicht. 

Mit zunehmender Prozessdauer häuften sich aber die Anzeichen, dass Zschäpe lieber reden würde und ihr die Strategie ihrer Anwälte immer weniger behagte. Das sagte sie auch einem psychiatrischen Gutachter. Vergangenen Sommer zerstritt sie sich dann endgültig mit ihren Verteidigern. Dem Gericht schrieb sie, sie würde gern "etwas" aussagen, sofern das Gericht ihr einen neuen Anwalt stelle. Ausgeguckt hatte sie sich den 31-jährigen Mathias Grasel, der sie mehrfach in der Untersuchungshaft besucht hatte. Das Gericht willigte ein - wohl in der Erwartung, Zschäpe werde ihr Schweigen brechen. 

(felt/das/dpa)
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