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NSU-Prozess
Wohlleben bestreitet Beschaffung der Mordwaffe

NSU-Prozess: Ralf Wohlleben bestreitet Beschaffung der Mordwaffe
Ralf Wohlleben äußert sich im NSU-Prozess erstmals zu den Vorwürfen. FOTO: dpa, geb lof sja
München. Nach Beate Zschäpe macht nun auch der Mitangeklagte Ralf Wohlleben im NSU-Prozess eine Aussage. Den Vorwurf, für den NSU Waffen beschafft zu haben, weist er von sich. Davon, dass der NSU für zehn Morde verantwortlich sein soll, will er "wie alle anderen" aus der Presse erfahren haben.

Im NSU-Prozess hat nach Beate Zschäpe nun auch der mutmaßliche Terrorhelfer Ralf Wohlleben sein Schweigen gebrochen. Vor dem Münchner Oberlandesgericht verlas er eine Aussage. Im Gegensatz zu Zschäpe sprach er selbst. Wohlleben sagte zu Beginn, er habe den Weg einer schriftlich vorformulierten Erklärung gewählt, weil er wegen der langen U-Haft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Er sitzt wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft.

Die Bundesanwaltschaft wirft Wohlleben Beihilfe zum Mord vor. Er soll Waffen für den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) beschafft haben. Dies stritt Wohlleben ab. Er sei nicht vermittelnd tätig geworden oder habe in irgendeiner Form Aufträge zum Beschaffen der Pistole vom Typ Ceska erteilt, sagte Wohlleben. Auch habe er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um solch eine Waffe zu kaufen. Mit der Pistole wurden neun Migranten erschossen.

Beate Zschäpe – der Tag ihrer Aussage vor Gericht FOTO: dpa, tha htf

Böhnhardt bat Wohlleben um Waffe

Das mutmaßliche NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt habe ihm gegenüber allerdings den Wunsch geäußert, dass er sich für ihn nach einer scharfen Pistole umsehen solle, sagte Wohlleben. Zur Begründung habe ihm der damals bereits untergetauchte Böhnhardt gesagt, bevor er ins Gefängnis gehe, bringe er sich lieber um. Wohlleben habe Böhnhardt aber gesagt, er kenne sich nicht mit Waffen aus. "Ich wollte keine Waffe besorgen", sagte er vor Gericht. Er habe auch nicht Schuld am Suizid von Böhnhardt sein wollen.

Wohlleben sagte aus, er haben von der Gewaltbereitschaft seiner damaligen Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nichts gewusst. Das Verhalten der beiden habe keinen Anlass gegeben, zu vermuten, dass sie mal schwere Straftaten begehen würden, sagte Wohlleben. Er räumte aber ein, nach dem Untertauchen des NSU-Trios - Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe - Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es sei zu mehreren Telefonaten gekommen. In einer Wohnung in Chemnitz habe er sie dann zum ersten Mal wiedergetroffen. Später sei es zu weiteren Treffen gekommen.

Chronologie: Was nach dem NSU-Desaster geschah FOTO: dpa, fpt fdt

Wohlleben: "Habe von Morden nichts gewusst"

Von der Existenz der Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" und dessen zehn Morden will Wohlleben bis zum Auffliegen der Terrorgruppe im November 2011 nichts gewusst haben. "Wie alle anderen" habe er erst dann davon erfahren, sagte er. Es sei für ihn unvorstellbar, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu diesen Taten in der Lage gewesen seien. Er könne es kaum glauben. Den Angehörigen der Opfer sprach Wohlleben sein Mitgefühl aus. "Ich bedaure jede Gewalttat", sagte er. 

Des Weiteren erhob Wohlleben Vorwürfe gegen die Behörden. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die drei untergetauchten mutmaßlichen Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) nicht aufgespürt habe, sagte er. Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Untertauchen der drei 1998 sagte Wohlleben, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Außerdem berichtete der 40-Jährige ausführlich von seinem persönlichen und politischen Werdegang. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe er versucht, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. "Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen", erklärte er. In den Folgejahren habe er zunehmend rechte Veranstaltungen, Konzerte, Stammtische und Demonstrationen besucht.

Bilder aus der ZDF-Doku "NSU privat" FOTO: ZDF

Dann trat Wohlleben nach eigener Aussage in die NPD ein - wobei ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe. Brandt war ein Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Wohlleben: "Zschäpe ist witzig und sehr sympathisch"

Außerdem sprach Wohlleben ausführlich darüber, wie sich die rechte Szene in den 90er Jahren in Jena formierte. Damals habe er Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennengelernt, sagte der 40-Jährige. Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen - insbesondere des "Thüringer Heimatschutzes" - sprach Wohlleben Tino Brandt zu, der damals V-Mann des Verfassungsschutzes war.

Wohlleben sagte, er habe schon Mitte der 90er Jahre nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr leben. Das habe er nicht für Jena gewollt, argumentierte Wohlleben.

Die Hauptangeklagte Zschäpe hatte am Mittwoch vergangener Woche ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und eine lange Aussage verlesen lassen. Darin bestritt sie jede Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU und schob die Schuld allein ihren toten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu.

(lsa/dpa/AFP)
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