Regensburg bereitet sich auf Flutwelle vor: Pegel in Passau sinkt - Hochwasser flutet Dresden
zuletzt aktualisiert: 13.08.2002 - 21:33Dresden/Passau/Prag/Wien (rpo). Nach dem Erreichen der Rekordmarke von 10,81 Meter in Passau sinkt der Pegel dort wieder leicht. Dafür bereitet sich jetzt Regensburg auf die Flutwelle vor. Auch aus dem Osten Deutschlands nehmen die Meldungen kein Ende: In Dresden wurden Teile der Innenstadt überflutet. Unterdessen ist die Zahl der Toten Europa-weit auf 90 gestiegen.
In dem von der schlimmsten Flut seit Jahrzehnten heimgesuchten Osten Bayerns hat sich die Hochwasserlage bis zum Dienstagabend unterschiedlich entwickelt. In der niederbayerischen Stadt Passau, wo die Flut der Donau am frühen Nachmittag einen Rekord-Scheitel von 10,81 Metern erreicht hatte, begann sich die Lage nur langsam zu bessern. Die Bevölkerung reagiere sehr diszipliniert auf die Katastrophe, sagte ein Sprecher des Krisenstabes. Es herrsche ein "geordnetes Chaos", Zwischenfälle gab es nicht. In der südlichen Oberpfalz rechneten die Behörden für die Nacht dagegen mit einer Verschärfung der Situation.
Im großflächig überschwemmten Passau, wo der Inn und die Ilz in die Donau münden, erwarteten Polizei und Krisenstab keine neuen Höchststände mehr. Die Pegelwerte gingen bereits zurück. Auch an den südlichen Donau-Zuflüssen entspannte sich die Lage weiter. Im gesamten Lauf des Inns fielen die Wasserstände. Im Bayerischen Wald ging das Wasser an den Oberläufen des Regen und an der Ilz deutlich zurück.
In Regensburg stellten sich die Einsatzkräfte für Mittwoch auf ein Zusammenlaufen der Hochwasserwellen aus Regen und Donau ein. Daher werde sich die Situation in Regensburg und weiter flussabwärts deutlich verschärfen, hieß es. Für den Landkreis Regensburg wurde bereits am frühen Dienstagabend Katastrophenalarm gegeben.
Historisches Ausmaß
Die Sommer-Sintflut von historischen Ausmaßen hat im Süden und Osten Deutschlands gewaltige Schäden verursacht: Ungeheure Wassermassen überschwemmten in Sachsen und Bayern, aber auch in Tschechien und Österreich am Dienstag ganze Landstriche und Städte. Trotz eines verzweifelten Kampfes gegen die Wassermassen fordert das Jahrhundertunwetter in Europa immer mehr Todesopfer. Bislang kamen rund 90 Menschen in den Fluten ums Leben, die meisten an der russischen Schwarzmeerküste. Auch in Sachsen wurde am Dienstag mit bis zu neun Toten gerechnet. Man befürchte das Schlimmste, erklärte das Landesinnenministerium.
Zehntausende Menschen flüchteten in Südosteuropa, den Alpen und Deutschland aus ihren Häusern. Die Sachschäden waren kaum noch zu überblicken. Die Bundesregierung kündigte ein Hilfsprogramm in Höhe von 100 Millionen Euro für die Opfer der Katastrophe in Deutschland an. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) brachte am Dienstag ein entsprechendes Kreditprogramm auf den Weg. Knapp 1500 Soldaten der Bundeswehr unterstützten in Sachsen, Thüringen und Bayern die völlig erschöpften Retter. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) machte sich in Passau ein Bild von der dramatischen Situation.
Ausnahmezustand in Sachsen: Bei der Hochwasserkatastrophe sind mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Sieben Menschen, darunter ein Feuerwehrmann, wurden am Dienstag noch vermisst. "Es ist zu befürchten, dass auch sie tot sind", sagte Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) in Dresden. Die Fluten richteten verheerenden Schaden an. Weite Teile des Freistaates waren überschwemmt, die meisten Flüsse sind über die Ufer getreten, die Dresdner Innenstadt versank in den Fluten. Die Situation sollte sich bis zum Mittwoch weiter verschärfen. Milbradt sprach von der bisher schwersten Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes.
Ganze Städt evakuiert
In 14 Landkreisen und kreisfreien Städten wurde Katastrophenalarm ausgelöst, ganze Städte mussten evakuiert werden. Tausende Einwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Orte wie Altenberg oder Glashütte waren nur noch aus der Luft erreichbar. Feuerwehren, Polizei, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz retteten mit Hubschraubern und Booten von Wasser eingeschlossene Menschen aus ihren Häusern. Zudem wurden Krankenhäuser, Kliniken und Altenheime evakuiert. "Davon könnten insgesamt 30.000 Menschen betroffen sein", sagte der Leiter des Krisenstabes im Innenministerium, Karel Bey.
In vielen Regionen wurden die Energie-, Wasser und Wärmeversorgung unterbrochen. Stellenweise brach das Telefonnetz zusammen. Besonders schwierig ist die Lage in der Sächsischen Schweiz, wo mit der Evakuierung der Stadt Pirna begonnen wurde. In der Landeshauptstadt Dresden wurden weite Teile Innenstadt überflutet, betroffen war auch der Zwinger.
Das Hochwasser führte zu erheblichen Verkehrsbehinderungen. Zahlreiche Bundesstraßen waren nicht mehr befahrbar, im Zugverkehr kam es wegen unterspülter Gleise zu Zugausfällen und Verspätungen. In den nächsten Tagen rechnen die Experten mit einer weiteren Zuspitzung der Situation besonders an der Elbe. Sie sagen für Mittwochmorgen einen Wasserstand von 9 bis 9,50 Meter in Schöna und 7,50 bis 7,75 Meter für Dresden voraus, bei steigender Tendenz. Die Elbe hat in Dresden im Normalfall einen Wasserstand von etwa 2 Meter. Am Abend wollte Milbradt gemeinsam mit Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) in die Krisenregion um Pirna fliegen.
Besonders dramatisch war die Lage im sächsischen Landkreis Freiberg, wo zahlreiche Orte von der Außenwelt abgeschnitten waren. Am Abend hieß es hier jedoch erstmals Aufatmen. In dem vom Hochwasser fast flächendeckend schwer betroffenen Kreis begannen die Wassermassen abzufließen. Im Landkreis Annaberg wurde am Abend der Katastrophenalarm wegen fallender Pegelstände aufgehoben.
Die tschechische Hauptstadt Prag erwartete am Dienstag die schlimmste Überflutung seit mehr als 100 Jahren. Der Scheitelpunkt des Moldauhochwassers sollte gegen 19.00 Uhr eintreffen, berichtete Oberbürgermeister Igor Nemec. Es sei möglich, dass der Fluss dann 30 Mal mehr Wasser führe als an normalen Tagen. Tausende Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Zuletzt hatte Prag im Jahr 1890 ein solches "Jahrhunderthochwasser" erlebt. Bisher sind bei den Überschwemmungen in Tschechien neun Menschen ertrunken.
Österreich: Ganze Landstriche in Seen verwandelt
In Österreich überflutete das Jahrhunderthochwasser zahlreiche Städte und verwandelte ganze Landstriche in Seen. Die Donaustädte Ybbs und Melk waren in großen Teilen ebenso überschwemmt wie die Orte Steyr, Perg und Schwertberg in Oberösterreich. Tausende Menschen waren vom Hochwasser in ihren Häusern eingeschlossen, viele Hundert mussten von der Feuerwehr evakuiert werden, sieben Menschen kamen bislang ums Leben. In dem Gemüseanbaugebiet im Eferdinger Becken, westlich von Linz, bildete sich ein 50 Quadratkilometer großer See. 80 Kilometer Gleise versanken in den Fluten. Der niederösterreichische Regierung beschloss eine Soforthilfe von 100 Millionen Euro.
In Bayern herrschte am Dienstag noch in acht Bereichen Katastrophenalarm. Die Pegelstände an Ilz und Regen im Bayerischen Wald stiegen wieder. Die oberpfälzische Stadt Cham war durch Wassermassen des Flusses Regen teilweise von der Außenwelt abgeschnitten. Der fast drei Meter hoch Wasser führende Fluss hatte Straßen und Plätze überschwemmt. Landesweit hörten in Bayern am Dienstag die Regenfälle auf. Dadurch entspannte sich in einigen Regionen die Lage.
Bei der Unwetter-Katastrophe an der südrussischen Schwarzmeerküste sind nach Befürchtungen des Zivilschutzes deutlich mehr als die bislang 58 gefundenen Opfer ums Leben gekommen. Es sei durchaus möglich, dass den Sturzbächen aus dem Gebirge mehr als 100 Urlauber und Anwohner zum Opfer gefallen seien, berichtete die Nachrichtenagentur Itar-Tass. Offiziell nannten die Behörden keine Vermisstenzahlen. In Rumänien kamen bei Unwettern drei Menschen ums Leben.
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