Jeder dritte Bewohner unzureichend versorgt: Pflegenotstand trotz Verbesserungen
zuletzt aktualisiert: 31.08.2007 - 13:05Hamburg (RPO). Jeder dritte Heimbewohner wird unzureichend versorgt. Manche Heime sind so schlecht, dass Patienten Gesundheitsgefahren ausgesetzt sind. Für Experten nichts Neues. Die ambulante und stationäre Versorgung alter und kranker Menschen habe sich seit 2003 sogar spürbar verbessert.
So heißt es bei den Spitzenverbänden der Pflegekassen. Vorstandsvorsitzende Werner Gerdelmann vom Verband der Angestellten-Krankenkassen warnt zudem davor, die Mängel in Pflegeeinrichtungen zu skandalisieren.
Der jüngste Prüfbericht des Medizinischen Dienstes zeige, dass es in den vergangenen Jahren bei allen wichtigen Versorgungskriterien Verbesserungen gegeben habe, wenn auch auf niedrigem Niveau. "Die Pflege hat nach wie vor ein Qualitätsproblem", räumte Gerdelmann ein. Dabei gebe es allerdings große Unterschiede zwischen den Einrichtungen. Neben guten Pflegeheimen gebe es auch sehr schlechte, in denen die Patienten Gesundheitsgefahren ausgesetzt seien. Dies bedeute aber nicht, dass es einen "Pflegeskandal" gebe.
Anders äußerte sich ein Kollege von Gerdelmann. "Wir haben in einer Reihe von Pflegeheimen nach wie vor Riesenprobleme", zitiert die Bild-Zeitung den Geschäftsführer des Medizinischen Diensts der Krankenkassen, Peter Pick. "Es herrschen katastrophale Zustände: Dort ist Pflege gesundheitsgefährdend."
Zu wenig zu essen und zu trinken
In der Bild-Zeitung war am Freitag vorab aus dem neuen Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen berichtet worden. Demnach bekommt jeder dritte Pflegebedürftige nicht genug zu Essen und zu Trinken, viele liegen sich wund oder werden nicht oft genug gewaschen. Als Hauptgrund wird die Zeitnot der Pflegekräfte genannt. Der Bericht wird am Freitag in Berlin veröffentlicht.
Erschreckende Zustände entdeckten die Kontrolleure dem Bericht zufolge sowohl bei ambulanten Pflegediensten als auch in Pflegeheimen. Demnach bekommen in Heimen 34,4 Prozent der Hilfebedürftigen nicht genug zu Essen und zu Trinken, bei der ambulanten Pflege 29,6 Prozent. Wesentlicher Grund sei die Zeitnot der Pfleger. In Heimen werde jeder dritte Patient (35,5 Prozent) nicht häufig genug umgebettet und liege sich wund, bei der ambulanten Versorgung zu Hause seien es sogar 42,4 Prozent.
Sogar das Windelwechseln fällt demnach oft dem Zeitdruck zum Opfer. Keine angemessene Inkontinenzversorgung stellten die Kassenprüfer bei 15,5 Prozent der Heimbewohner und bei 21,5 Prozent der ambulant Versorgten fest, schreibt die Zeitung. Besonders Demenzkranke würden nicht ausreichend betreut (30,3 Prozent in Heimen, 26,1 Prozent ambulant). Der Bericht fasse rund 8.000 Qualitätsberichte der Jahre 2004 bis 2006 zusammen. 40.000 Pflegebedürftige seien dafür untersucht worden, hieß es.
Pflegeverband kritisiert Rahmenbedingungen
Der Deutsche Pflegeverband kritisierte, dass sich die Rahmenbedingungen massiv verschlechtert hätten. Trotz erheblicher Kostensteigerungen seien die Pflegesätze seit 1995 gedeckelt, und dabei gebe es immer mehr Pflegebedürftige, sagte Präsident Rolf Höfert im rbb-Inforadio. Pfleger seien an den Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die für 2008 geplante Erhöhung der Pflegebeiträge sei nicht ausreichend. Höfert mahnte eine rasche Reform der Pflegeversicherung an.
Der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes äußerte die Hoffnung, dass die Pflegereform auch die Qualität der Pflege verbessern werde. "Da die Qualitätsberichte des Medizinischen Dienstes künftig veröffentlicht werden, entsteht Druck", sagte Pick der "Bild"-Zeitung. "Schlechte Heime bekommen durch die neue Transparenz ein Problem."
Der Bund der Pflegeversicherten kritisierte, der Medizinische Dienst sei für die Missstände mitverantwortlich, weil dieser nicht unabhängig arbeite und sich quasi selbst prüfe. Nötig sei eine bundeseinheitliche Aufsichtsbehörde nach dem Vorbild der Lebensmittelüberwachung, sagte der Vorsitzende Gerd Heming im Südwestrundfunk. Die Zustände im Pflegewesen seien heute schlechter als noch vor Jahren. Bei der Kontrolle des Pflegewesens dürften weder föderale Strukturen noch die Vorgaben kommunaler Stellen maßgebend sein.
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