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Plötzlich Schütze

Muss man als Schütze trinkfest sein? Und was tun gegen blutig gelaufene Füße? Unsere beiden Reporter haben sich zum ersten Mal im Leben für sechs Tage in eine Schützenuniform geworfen. Von Jan Dobrick und Simon Janssen

Jan Es ist zum in den Häcksler springen, ich passe bei der Einkleidung im Uniformhaus "Rütten" in Nievenheim-Ückerath kaum in die Buxe. Meine Stirnfalten werden plötzlich so tief, man könnte Blumenzwiebeln drin pflanzen. Warum tue ich mir das eigentlich an? Ich hätte was Handfestes lernen sollen, Maler und Lackierer zum Beispiel. Stattdessen verbringe ich sechs Tage unter Neusser Schützen. Während ich die grasgrüne Uniform der Schützenlust (Zug: "Endlech dobei!") trage, darf Kollege Simon Janßen als Grenadier in das kleine Schwarze schlüpfen.

Simon Mein Outfit könnte darauf schließen lassen, dass ich mich auf direktem Weg in die Oper befinde - oder als Butler bei Dinner for One besoffen über einen Tigerteppich stolpere. Zum Glück tragen meine Zug-Kollegen von "Santa Lucia", die meine nicht vorhandenen Marschier-Skills sechs Tage lang ertragen müssen, alle dasselbe. Naja. Besser uniformiert als uninformiert. Abends erfahre ich beim sogenannten Löhnungsappell, dass man zahlen muss, wenn man während des Schützenfestes etwas falsch macht. Ich höre eine teuflische Stimme, die mir sagt: "Das kann teuer werden."

Jan Der Kinderumzug des Familienzentrums St. Quirin auf dem Münsterplatz ist so süß, dass man schon vom Anblick Karies bekommt. Von hinten ruft eine Mama: "Nicht in der Nase popeln!" Tue ich doch gar nicht.

Simon Nach dem Frühstück lerne ich zwei Männer vom Amt für Umwelt und Grünflächen kennen, die die Tribünen mit Fichtengrün dekorieren. Nette Greenkeeper. Ein Apotheker schenkt mir Vitaminbomben, damit ich die Festtage überlebe. Sollte ich mir Sorgen machen? Abends auf der Kööörmes steht Menschenauflauf auf der Speisekarte.

Jan Beim Fackelzug marschiere ich zum ersten Mal. Wehre mich dagegen, in die steifen Lederschuhe zu pinkeln, laufe sie lieber ein. Mein Schützenlust-Zug nennt mich "Sascha". Ich bin gut integriert, es konnte sich nur niemand meinen Namen merken. Die drücken mir echt eine brennende Fackel in die Hand. Als Fünfjähriger hatte ich zuletzt die Verantwortung für eine Flamme. Dann brannte der Perserteppich meiner Oma, und ich habe die Verantwortung an meinen kleinen Bruder abgegeben. Heute geht alles glatt, nur die Füße bluten. Ich hätte in die Schuhe pinkeln sollen.

Simon Ich warte auf meinen ersten Marsch und fühle mich wie ein junger Fußballer vor seiner Champions-League-Premiere. Angestoßen wird hier aber die ganze Zeit. Wenig später komme ich zur Erkenntnis, dass noch ein langer Weg vor mir liegt, um fehlerfrei zu marschieren. Da habe ich in meinem ersten Basketball-Spiel ja weniger Schrittfehler gemacht. Egal, so langsam werde ich schmerzfrei.

Jan Ich fasse zusammen, was ich mir nach dem Fackelzug anhören musste: "Neue Schuhe sind Gift für die Füße"; "Früher waren die Journalisten von einem anderen Kaliber"; "Dat is' doch der Kerl aus der Zeitung, die Lusche". Dann! Geht! Es! Los! Paradeaufmarsch. Man könnte meinen, ich sei Schütze, nicht Waage. Der Marsch erinnert an die Langeweile eines Behördengangs. Man steht sich die Beine in den Bauch, bis die eigene Nummer dran ist. Wir spazieren am König vorbei. Das war's schon. Trotzdem muss ich wieder die Blasenpflaster rausholen. Meine Betonfüße pochen vor Schmerzen. Dennoch: Schützenfest, das ist wie pinkeln nach fünf Litern Bier. Einfach schön. Beim zweiten Festumzug bekomme ich einen Rüffel: "Du marschierst für dich, nicht für die Zuschauer", sagt Schützenkamerad Uli, als ich Mätzchen mache. Verstanden.

Simon Peinlich, peinlich, Jan. Das mit den neuen Schuhen ist ein Amateur-Fehler. Zum Glück habe ich Treter, die ich seit Abiball-Zeiten besitze. Fazit zum Wackelzug: Es war mein persönlicher "Walk of Shame". Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Der heutige Tag beginnt mit der nächsten Schelte: Beim Antreten macht der Spieß mich darauf aufmerksam, dass mein Hemd nicht weiß genug sei. Das heißt: Geldstrafe. Beim Paradeaufmarsch erwische ich Jan in feinster NSA-Manier auf frischem Marsch. Als wir nach dem Parademarsch an der Rennbahn ankommen, wird mir bewusst, was Wasser für ein köstliches Getränk ist. Eine weitere Abkühlung wird erst nachts unter der Dusche folgen.

Jan Wie ist die Verfassung? Fußball-Kommentator Marcel Reif würde sagen: großes Verletzungspech, geringe Laufbereitschaft, Unsicherheitsfaktor. Und ich würde ihm zustimmen. Zum ersten Mal. Heute habe ich tief in der Kiste mit den kleinen Äuglein gekramt. Schützenkönig Markus ist erkältet, meine Schützenkameraden tragen Sonnenbrillen mit fingerdicken Gläsern. Wir marschieren wieder. Die Knochen klappern im Rhythmus.

Simon Habe mysteriöserweise immer noch keine Schmerzen in den Beinen. Bin fast schon ein bisschen enttäuscht. An diesem sonnigen Morgen laden mich meine Zugkollegen auf ein Traditionsfrühstück ein - auf ein "Sahnebällchen". Das ist Cointreau mit irgendetwas kaffeeartigem und Sprühsahne. Also nahrhaft und gesund. Wenig später torkeln wir zum sogenannten Bierverdunstungsmarsch.

Jan Ich glaube fast, die Zeit der Albernheiten ist vorbei. Fühlt sich an, als hätte mir jemand auf dem Jägerball einen alkoholgetränkten Zimmermannsnagel in die Stirn geprügelt. Liebe Schützen, nehmt mich nicht nur an die Hand, nehmt mich auf den Arm. Tragt mich über die Ziellinie. Ich trete mit meinem Zug an, die Knie schlottern. Es geht noch mal auf die Straße: Wer Immobilien-Tipps braucht, ich habe jede Hauswand gesehen. Zapfenstreich im Zelt: Viele wilde, blutunterlaufene Schützenaugen verfolgen das Spektakel. Aber es folgt noch der abschließende Wackelzug, bevor ich ins Bett gastmarschieren kann. "Schützenfest is' nix für Gummibärchen", wurde ich im Vorfeld gewarnt. Gut, dass ich nicht aus Zucker bin. Ich könnte mich dran gewöhnen, Uniform zu tragen. Fest steht: 2016 verwandele ich mich wieder vom Bürger zum Schützen. Die Kameraden sind mit strammen Schritten in mein Herz marschiert. Sie dürfen bleiben!

Quelle: RP
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