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Serie: Pontius Pilatus – der Richter Jesu

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 07.05.2008

Düsseldorf (RP). Er steht nur für ein paar Stunden im Brennpunkt der Geschichte. Über Pilatus schlagen die Ereignisse zusammen, ihm gerät der Prozess gegen Jesus außer Kontrolle. Der Dialog aber, den die beiden führen, ist ein Stück Weltliteratur. Und dass Pilatus im Glaubensbekenntnis steht, hat seinen guten Sinn: Er ist der historische Anker für die Passion Christi.

Karfreitagsprozession in Bensheim: Pontius Pilatus hält die Dornenkrone hoch.  Foto: ddp
Karfreitagsprozession in Bensheim: Pontius Pilatus hält die Dornenkrone hoch. Foto: ddp

Es ist die Frage aller Fragen, nur drei Wörter lang. Sie fragt nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie bleibt unbeantwortet – angesichts ihrer Tragweite nicht verwunderlich. „Was ist Wahrheit?“, fragt der Römer den Galiläer, der vor ihm steht. Pontius Pilatus hat über Jesus von Nazareth zu richten, der sich selbst als Messias und als Sohn Gottes bezeichnet.

Für ein paar Stunden steht der Provinzbeamte im gleißenden Licht der Weltgeschichte. Es blendet ihn. Über diesem Pilatus schlagen die Ereignisse zusammen, ihm gerät alles außer Kontrolle. Am Ende steht das folgenschwerste Todesurteil aller Zeiten, sein Urteil. So wird er theologisch zum Verwandten des Judas Iskarioth, der mit seinem Verrat das Geschehen des Karfreitags in Gang setzte. Dort wie hier heißt die schwindelerregende Frage: Heilswerkzeug oder Gottesmörder – was ist Wahrheit?

Ihn gab es wirklich

Immerhin lässt sich über Pilatus mehr sagen als über manchen Protagonisten der Bibel: Ihn gab es wirklich, das gilt als sicher, seit Archäologen 1961 auf eine Inschrift mit seinem Namen stießen. Wohl zwischen 26 und 36 nach Christi Geburt war er Präfekt der römischen Provinz Judäa. Da endet die Gewissheit aber schon.

Seine Laufbahn legt nahe, dass er aus dem Ritterstand kam. Aber nicht einmal seinen Vornamen kennen wir, nur Familien- und Beinamen. Wahrscheinlich stammt Pilatus aus Mittelitalien. Über seine Jahre in Judäa berichten auch Geschichtsschreiber wie Flavius Josephus. Demnach geriet Pilatus mehrmals mit den Hohenpriestern in religiösen Konflikt. Und doch bilanziert Tacitus lakonisch: „In Judäa herrschte unter Kaiser Tiberius Ruhe.“

Freilich nicht an jenem Morgen, als Jesus vor Pilatus steht. Es könnte, sagen Historiker, der 7. April 30 gewesen sein. Jerusalem brodelt. Es ist der Tag vor dem Paschafest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Die Stadt ist voller Wallfahrer. Just da droht der Konflikt zwischen Besatzungsmacht und Bevölkerung zu eskalieren.

Dramatischer Dialog mit Jesus

Johannes hat die Begegnung des Pilatus mit Jesus zur Weltliteratur gestaltet. Der Evangelist webt um den historischen Kern einen dramatischen Dialog – der im Einzelnen historisch nicht nachweisbar ist, der aber als Ganzes die Kollision zwischen Gott und der Welt unübertrefflich zuspitzt. Mit drei Sätzen macht Pilatus Geschichte: eben jenem „Was ist Wahrheit?“, dann, kurz vor der Verurteilung, der Aufforderung „Ecce Homo – Seht, da ist der Mensch“ und schließlich, als die Kreuze auf Golgatha schon aufgerichtet sind, mit dem trotzigen „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“.

Pilatus kommt in der Causa Jesus überhaupt nur deshalb ins Spiel, weil Entscheidungen über Leben und Tod bei den Römern lagen. Die Führer des Hohen Rats waren deshalb auf seine Mitwirkung angewiesen. Für den Präfekten muss dieser Tag in Jerusalem ein Alptraum gewesen sein: fern von seiner eigentlichen Residenz, dem prächtigen Caesarea am Mittelmeer, bedrängt von erzürnten Priestern und einer aufgewiegelten Menge.

Pilatus will die Sache schnell loswerden: „Nehmt ihr ihn doch und richtet ihn nach eurem Gesetz.“ Er weiß, dass das nicht funktioniert, denn es geht um ein Todesurteil. Lukas flicht noch die Episode mit Herodes Antipas ein: Demnach schickt der Römer Jesus zu dem Duodezfürsten, der schon Johannes den Täufer hatte enthaupten lassen. Der aber gibt die Verantwortung dankend zurück, nachdem er vergeblich versucht hat, Jesus wie einem Zirkustier ein Kunststückchen zu entlocken. So hat der Statthalter den Prozess wieder am Hals.

Alte Welt trifft auf neue Welt

Und der Druck steigt. Die Anklage lautet nicht mehr bloß auf Gotteslästerung, sondern auf Hochverrat. Den Titel eines Königs habe sich Jesus angemaßt. Das ist ein Alarmsignal, denn die öffentliche Ordnung ist Pilatus’ ureigenste Aufgabe im notorisch aufmüpfigen Judäa. So versucht er ein Verhör. Das ist das, was er kann als Beamter.

Das Vorhaben scheitert, es scheitert allerdings in grandioser, unvergesslicher Form. Im Dialog zwischen Pilatus und Jesus treffen die alte und die neue Welt aufeinander – Augustinus würde sagen: der Menschen- und der Gottesstaat. Pilatus’ skeptischer Rationalismus perlt an Jesus ab. „Ich bin ein König“, bestätigt ihm der geschundene Menschensohn: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ Das provoziert die Replik des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

Vielleicht ist es mit einem Schulterzucken hingesagt, vielleicht bohrende Nachfrage. Eine Antwort ist jedenfalls nicht überliefert. Pilatus verfällt danach in hektisches Hin und Her. „Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen“, gibt er zu. Der Versuch, Jesus im Zuge der Pascha-Amnestie freizulassen, scheitert. Pilatus lässt Jesus geißeln und führt ihn mit den königlichen Insignien der Menge vor mit den Worten: „Seht, da ist der Mensch!“

Das ist kein Urteil, sondern eine Kapitulation

Ist das Mitleid? Oder die Bitte, den Fall endlich zu den Akten legen zu dürfen? Was auch immer – die Sache gleitet Pilatus aus der Hand. Das „Kreuzige“ überschreit schon alle Appelle zum Maßhalten. Ein zweites Verhör bringt keine neuen Erkenntnisse, nur den Satz Jesu: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre.“ Ein weiterer Schlag ins Gesicht. Der Richter, nicht mehr Herr dieses chaotischen Schnellverfahrens, gibt auf. Das ist kein Urteil, sondern eine Kapitulation.

Matthäus fügt dem Bericht das Drängen der Frau des Pilatus hinzu, Jesus freizulassen – eine weitere dramatische Steigerung. Es folgt, ebenfalls nur bei Matthäus, das Ritual der Händewaschung mit dem fast flehenden Satz: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen.“ Und dann ein Satz, unhistorisch zwar, aber von verheerender Wirkung über Jahrtausende hinweg, die furchtbare Selbstverfluchung des „ganzen Volks“: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Doch Pilatus ist die Sache immer noch nicht los. Denn der Kreuzestitel „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ ist ein Affront gegen die Hohenpriester, die denn auch prompt eine Änderung verlangen. Pilatus weist das brüsk zurück mit dem dritten seiner wie in Stein gemeißelten Sätze: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Zu ergänzen wäre: Und jetzt lasst mich endlich in Ruhe. So geschieht es. Jesus stirbt unter dem Titel eines Königs der Juden.

Seine Spur verliert sich in Rom

Pilatus verschwindet danach ebenso schnell aus dem Zentrum des Weltgeschehens, wie er hineingezerrt wurde. Ein paar Jahre später wird er wegen überharten Regiments abgesetzt und nach Rom zitiert. Damit verliert sich endgültig seine Spur. Die Legende will wissen, dass er in Vienne in Frankreich gestorben sei, der Volksglaube erzählt von der Versenkung seines Leichnams im Genfer See oder davon, dass Jesu Richter im gleichnamigen Schweizer Bergstock als Geist umgehe. Die koptische Kirche verehrt ihn als Heiligen – nicht weil er Zweifel an Jesu Schuld hatte, sondern weil er den Gottessohn ans Kreuz gebracht hat.

Diese Tendenz einer Pilatus-Verehrung ist in den europäischen Kirchen seit dem Mittelalter ausgestorben. Pilatus ist nur Randfigur des Heilsgeschehens. Trotzdem kennt ihn jedes Kind – weil von den drei im Glaubensbekenntnis erwähnten Personen neben Jesus und Maria eine eben Pilatus ist. Dass der Präfekt im Credo steht, ist kein schlechter Witz der Religionsgeschichte. Es hat seinen guten Sinn. Denn dieser Pontius Pilatus, von dem wir nicht einmal den ganzen Namen kennen, ist der historische Anker für das, was sich in Jerusalem ereignet hat. Der heidnische Römer Pilatus erdet das Christentum in der Geschichte.

Ob Pilatus versagt hat oder ob er nur tat, was getan werden musste – das darf, das muss offenbleiben. Das christliche Credo macht diesen Römer zum Zeugen der Sache Jesu. Und es schließt damit einen großen Kreis, denn es gibt Antwort darauf, wonach Pilatus nur fragte: was Wahrheit ist.

Quelle: RP

 
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