71-Jähriger lebt in Brasilien: Posträuber Biggs will sich Behörden stellen
zuletzt aktualisiert: 03.05.2001 - 12:38London (rpo). Ihr Postraub gilt als legendär: Im August 1963 hatten 15 Räuber den Nachtzug von Glasgow nach London überfallen und 2,6 Millionen Pfund abgeräumt. 38 Jahre später will sich einer von ihnen, nämlich Ronnie Biggs (71), den britischen Behörden stellen.
Scotland Yard bestätigte am Donnerstag, dass der wohl bekannteste englische Ganove des 20. Jahrhunderts in einer E-Mail aus Brasilien seine Rückkehr in die Heimat angekündigt hat. In Rio de Janeiro versicherte der schwer kranke Biggs in einem Interview mit der "Sun": "Ich will einfach nur zurück nach England. Ich bin zu lange weg gewesen."
Nach drei Schlaganfällen ist der "Great Train Robber" halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Er hofft, in England in ein Gefängniskrankenhaus zu kommen. In Brasilien kann er sich einen Platz in der Rehaklinik nicht leisten: Anwälte, Fluchthelfer, Gesichtschirurgen und nicht zuletzt seine Frauen haben den Räuber nach und nach ausgenommen.
"Ich möchte mich stellen", schreibt Biggs in seiner Mail. "Ich bin bereit, mich sofort festnehmen zu lassen, wenn ich auf dem Flughafen Heathrow ankomme." Er plane seine Rückkehr für die "nächsten paar Tage". In dem Gespräch mit den "Sun"-Reportern, bei dem sein Sohn Michael (26) "dolmetschte" und Biggs ab und zu eine Antwort auf Papier kritzelte, bekannte er: "Ich bin ein kranker Mann. Mein letzter Wunsch ist es, als Engländer in einen Pub zu gehen und ein Bier zu trinken."
Sein englischer Brieffreund Mike Gray (44) bestätigte, dass es Biggs ernst sei: "Der Grund ist, dass sich sein Gesundheitszustand ständig verschlechtert. Er will nicht in Brasilien sterben." Die innenpolitische Sprecherin der britischen Konservativen, Ann Widdecombe, forderte die Regierung von Tony Blair auf, keine Gnade walten zu lassen. "Er muss seine Strafe absitzen." Alles andere wäre "keine gute Reklame für die britische Justiz".
Der gelernte Zimmermann Biggs war der "Kopf" der 15 Gangster, die im August 1963 den Nachtzug von Glasgow nach London ausraubten und mit 2,6 Millionen Pfund entkamen - damals etwa 28 Millionen Mark. Den Lokomotivführer Jack Mills (57) schlugen sie mit Eisenstangen, wovon sich dieser nie mehr richtig erholte; er starb 1970. Die Räuber wurden schon einen Monat nach dem Überfall von Kommissar Jack Slipper gefasst. Biggs bekam 30 Jahre Zuchthaus. Doch nach 15 Monaten gelang ihm der klassische Ausbruch: Mit einer Strickleiter seilte er sich an der Gefängnismauer ab. In Paris ließ er von einem Chirurgen sein Gesicht verändern und floh dann über Australien nach Rio.
1974 konnte Kommissar Slipper ihn dort ausfindig machen und verhaftete ihn in einem Hotelzimmer mit den Worten: "Lange nicht gesehen, Ronnie. Ich glaube, du weißt, wer ich bin." Doch dann stellte sich heraus, dass Biggs? 19-jährige brasilianische Freundin, die Stripperin Raimunda de Castro, schwanger war, und dies machte eine Auslieferung nach brasilianischem Recht unmöglich. Unverrichteter Dinge musste Slipper zurückfliegen. Als Rentner kam er noch einmal zu Besuch und trank mit Biggs auf der Veranda ein Schnäpschen.
Song mit den "Toten Hosen"
Von der Beute war da schon lange nichts mehr übrig. "Es ist mir ergangen wie dem alten Mann bei Hemingway. Ich hatte einen dicken Fisch gefangen, aber die Haie haben alles aufgefressen", sagte Biggs einmal. Um sich über Wasser zu halten, machte Biggs Werbung für Alarmanlagen, sang mit brüchiger Stimme für die deutsche Punk-Gruppe "Die Toten Hosen" und verkaufte T-Shirts mit der Aufschrift "Ich war bei Ronnie Biggs - ehrlich". Wie ein Pirat im Ruhestand posierte er mit einem Papagei auf der Schulter vor deutschen Touristen, die zuweilen gleich busweise in Rios Künstlerviertel Santa Teresa unter dem Zuckerhut kamen. Sie kannten die Posträuber-Story vor allem aus dem Fernsehfilm "Die Gentlemen bitten zur Kasse" mit Horst Tappert.
"Seit 30 Jahren habe ich nur noch ehrliche Arbeit verrichtet", erzählte Biggs jedem Besucher. In der Straßenbahn von Rio war er sogar einmal selbst überfallen worden, und seitdem ging er nicht mehr ohne seinen Rottweiler "Blitzkrieg" aus dem Haus. Reue allerdings empfindet Biggs bis heute nicht: "Ich habe viele spannende Dinge erlebt und bin berühmt geworden. Berühmt zu sein, anstatt ein Leben in England als unbekannter Arbeiter zu führen - das ist doch viel besser."
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