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Roncalli: Zirkus mit Zukunft

Seit 40 Jahren verzaubert der Circus Roncalli seine Zuschauer. Bei der Jubiläumstournee besinnt sich Direktor Bernhard Paul auf Poesie, Kreativität und Emotionen. Von Leslie Brook

Recklinghausen Sein Einfallsreichtum lässt sich am besten am Beispiel von Goldborten beschreiben. Die Zierde findet sich an beinahe jeder Uniform der Zirkusleute. Und doch hat die Nachfrage offenbar nicht mehr ausgereicht, damit sich das Handwerk halten konnte. Als er keinen Hersteller mehr fand, kam Bernhard Paul eine Idee, wie er diese Lücke füllen kann - denn ähnlich wie mit der Borte erging es ihm mit den kleinen goldenen Knöpfen und mit vielen anderen Dingen, die es früher überall gab und heute nirgendwo mehr gibt. Paul kaufte im Sommer eine österreichische Kostümschneiderei auf, die auch die "Sissi"-Filme ausgestattet hat.

Für die rund 5000 handbestickten Einzelstücke hat er im Winter ein neues Quartier bauen lassen. Nun ist für ausreichend Borten-Nachschub gesorgt. Und mehr noch: Der Direktor des Circus' Roncalli will in der Jubiläumsshow eine wahre Kostümorgie feiern.

Seit 40 Jahren besteht der Circus Roncalli - und dass es ihn immer noch gibt, ist der Kreativität und dem Geschäftssinn seines Gründers Bernhard Paul geschuldet. Als der Österreicher und frühere Art Director einer Zeitschrift 1976 mit André Heller den Circus Roncalli ins Leben rief, gab es gut zehn große Mitbewerber, darunter Althoff und Hagenbeck. "Es hat ein großes Zirkussterben gegeben. Von ihnen ist keiner mehr übrig", sagt Paul. Er habe keine Trends mitgemacht, sich vom Slogan "höher, weiter, schneller" nicht beeindrucken lassen. "Ich bin meinem Credo gefolgt: Es geht um die Emotionen und die Poesie." Die "typischen Roncalli-Geschichten" sollen auch im Mittelpunkt der Jubiläumstournee "Reise zum Regenbogen" stehen.

Auf Talentsuche seien sie natürlich trotzdem ständig, dazu bereist seine Frau Eliana die ganze Welt. In Moskau und auf Kuba hätte sie tolle Artisten entdeckt, die nun bei ihnen auftreten werden.

Bernhard Paul sitzt im Besprechungssaal des Rathauses Recklinghausen, er trägt wie üblich eine halbtransparente Sonnenbrille und schwarze Lederjacke. Kaum 200 Meter entfernt liegt der Konrad-Adenauer-Platz, wo die Jubiläumstournee am 16. März starten soll. Zwar feierte der Zirkus 1976 seine Premiere in Bonn, doch in der Ruhrgebietsstadt gastierte er in 35 Jahren bereits elf Mal. Die Tournee führt zudem nach Düsseldorf (26. Mai bis 19. Juni) und Köln (14. April bis 22. Mai).

Als Fünfjähriger sah Bernhard Paul zum ersten Mal einen Clown, wie er immer gerne erzählt. Damals habe er gewusst, dass sein Leben dem Zirkus gehöre. Als Clown Zippo wurde er berühmt. "Clowns sind die schwierigsten Menschen auf dem Planeten", sagt der heute 68-Jährige. "Aber wer gut ist, darf auch schwierig sein", fügt er hinzu. Schwierig werde es, wenn nicht so gute Clowns schwierig seien. Auf die Frage, ob es bei der Jubiläumstournee ein Wiedersehen mit Zippo geben werde, entgegnet er "wahrscheinlich". Noch werde aber am Programm gefeilt: "Wir müssen sehen, was wo reinpasst."

Roncalli ist Pauls Lebenswerk. Um es zu erhalten, sei es nötig, Lösungen für alle Probleme zu finden. "Alles wird schwieriger", sagt der Direktor der Kompanie, zu der 150 Mitarbeiter gehören. Das Glühlampenverbot, Umweltzonen - dem Zirkusmanager bereiten viele Verordnungen Kopfzerbrechen. Und nun auch noch der Mindestlohn. Es gehe nicht darum, dass er diesen nicht bezahlen wolle. "Das machen wir schon lange", sondern um den bürokratischen Aufwand. Im Zirkus gebe es Situationen, etwa wenn das Zelt im Sturm abzuheben droht, in denen könne man nicht sagen, Feierabend für heute, ich bin mit meinen Stunden durch. "Das geht bei einem Versicherungsbetrieb, aber bei uns funktioniert das nicht. Im Zirkus schaut man nicht auf die Uhr", erklärt Paul. "Einen Zirkus in der heutigen Zeit zu halten, ist das größte Kunststück."

Für den Direktor scheiden viele Städte inzwischen für Gastspiele aus. In Hannover zum Beispiel entstehe auf ihrem angestammten Platz ein Flüchtlingsheim, eine Alternative gibt es laut Paul nicht. "Also werden wir Hannover nicht mehr ansteuern." Und im Sommer brauche man gar nicht mehr spielen. Public Viewing sei Konkurrenz für den Zirkus. "Die jungen Leute kennen ja nur noch eckige Sachen. Die Generation der Handystreichler ist schwer zu unterhalten mit unserer Poesie", befindet Paul, dessen drei Kinder im Zirkus mitwirken.

Doch Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage: "Wir werden keinen Kniefall vor dem Zeitgeist machen, denn Unterhaltung hat immer noch etwas mit Haltung zu tun. Wir müssen uns aber bewegen, um überleben zu können." Und wenn das einem gelingen kann, dann einem Zauberkünstler wie Paul.

Quelle: RP
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