Das Wasser steigt weiter: Sachsen: Weitere 30.000 Menschen werden evakuiert
zuletzt aktualisiert: 15.08.2002 - 21:59Dresden (rpo). In Sachsen müssen rund 30.000 Einwohner aus Pirna und Heidenau wegen des Hochwassers ihre Städte verlassen. In Dresden nähert sich die Elbe der Rekordmarke von neun Metern. Alle Elbdeiche in der Stadt sind bereits überschwemmt. Weil ein Mulde-Damm gebrochen ist, müssen alle 16.000 Einwohner der Stadt Bitterfeld evakuiert werden.
Die gewaltigen Wassermassen der Elbe schoben sich am Donnerstag weiter durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In Dresden näherte sich der Pegel unaufhaltsam der Rekordmarke von 9 Meter. In den Fluten starben in Ostdeutschland bis Donnerstag zehn Menschen.
Dramatisch blieb die Lage in Sachsen. Rund 30 000 Einwohner aus den Städten Pirna und Heidenau müssen wegen des Hochwassers ihre Städte verlassen. Mit der Evakuierung sollte noch am Donnerstagabend begonnen werden, hieß es. Angehörige der Bundeswehr und der US-Armee sollten die Menschen in Zeltstädten unterbringen.
Zurzeit seien rund 700 Einsatzkräfte von Bundesgrenzschutz, Bundeswehr und Feuerwehr dabei, drei Zeltstädte zu errichten. Die Standorte sind der Parkplatz an der Bastei nahe Lohmen, der Stadtteil Pirna-Sonnenstein und Groß-Seblitz. Bis um 01:00 Uhr am Freitag werde in Pirna mit einem Pegelstand von elf Metern gerechnet, sagte die Sprecherin.
Ein neue Hochwasserwelle erreichte die Landeshauptstadt Dresden. Der Wasserstand der Elbe lag am Abend bei 8,25 Meter. Normal sind 2 Meter. Der Krisenstab im Innenministerium schloss einen Pegel von 9 Meter am Freitag nicht mehr aus. So hoch hatte die Elbe nur bei der "Sächsischen Sintflut" im Jahr 1845 gestanden. Damals waren 8,77 Meter gemessen worden.
Weitere Dresdner Stadtteile und Regionen bis Riesa mussten sich auf eine Evakuierung einstellen. "In einzelnen Gebieten ist mit Stromausfall, Engpässen bei Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung zu rechnen, weil Straßen und Brücken nicht mehr passierbar sind", teilte das Innenministerium mit. Wegen der Katastrophe hatten Rettungskräfte in der Nacht zum Donnerstag 170 Patienten aus Intensivstationen Dresdner Krankenhäusern mit Hubschraubern und Rettungsfahrzeugen in andere Kliniken in Deutschland transportiert.
Auf das Schlimmste machte sich auch Sachsen-Anhalt gefasst. In Magdeburg und Wittenberg wurde Katastrophenalarm gegeben. Bis Samstag sollen in Magdeburg bis zu 20 000 Bewohner vor den Fluten in Sicherheit gebracht werden. Teile der Stadt könnten bis zu drei Meter unter Wasser stehen. Für die Lutherstadt Wittenberg orderte der Krisenstab vorerst 400 000 Sandsäcke. Die Elbe habe derzeit einen Hochwasserstand von 6,18 Meter in Wittenberg. Normal seien zwei Meter.
Bitterfeld wird evakuiert
Im Krisengebiet Bitterfeld-Dessau spitzte sich die Situation zu. Nach einem Dammbruch im Tagebau-Restloch Goitzsche bereitete sich der Krisenstab auf eine Evakuierung der gesamten Stadt vor. "Es ist noch nicht beschlossen, aber wir sind darauf eingestellt", sagte eine Sprecherin. Bei Dessau stieg die Elbe. Aus dem weltberühmten Bauhaus in dem bedrohten Stadtteil Ziebigk wurden Kulturgüter ausgelagert. Das Bauhaus gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Auch die Elb-Anrainer in Brandenburg wappneten sich gegen die zerstörerischen Wassermassen. Die 5000-Einwohner-Stadt Mühlberg im Süden wurde evakuiert. Innerhalb weniger Stunden war der Wasserstand von 8,14 auf 8,40 Meter gestiegen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sieht die eigentliche Herausforderung durch das Hochwasser der Prignitz, wo die Flutwelle in der nächsten Woche erwartet wird. Voraussichtlich müsse die ganze Stadt Wittenberge mit mehr als 20 000 Einwohnern evakuiert werden. Experten erwarten einen Prignitz-Pegel von 7,75 Meter. Bei der Rekordflut von 1938 lag er bei 7,44 Meter.
Die Gefahr einer Verschmutzung der Elbe durch giftige Chemikalien aus Tschechien ist vorerst gebannt. Bundesumweltminister Jürgen Trittin sagte, aus dem überfluteten Chemiewerk Spolana seien bisher kein Quecksilber und Dioxin in den Fluss gespült worden.
Im nordböhmischen Grenzbezirk gingen die Behörden davon aus, dass sich die Lage weiter zuspitzt. In der Stadt Usti nad Labem (Aussig) könnte der Pegel der Elbe auf 12,50 Meter steigen. Etwa 5000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. In der Region Südböhmen entspannte sich die Lage. Im Raum Ceske Budejovice (Budweis) sank die Moldau um zwei Meter. Auch in Prag sanken die Fluten. Weite Teile der Innenstadt blieben weiter gesperrt.
In Tschechien gab es bislang 11 Todesopfer. Am Donnerstag starb in Decin an der Grenze zu Deutschland ein Schaulustiger bei Sprengungen von Elb-Schiffen. Diese hatten sich losgerissen und trieben steuerlos auf Dresden zu.
In Österreich gab es für einige der verwüsteten Regionen Entwarnung. Entgegen früherer Befürchtungen stellen die aus Österreich abfließenden Donaufluten nach Angaben slowakischer Behörden wahrscheinlich keine Gefahr für die Hauptstadt Bratislava dar. Bis zum Abend waren dort nur einzelne Straßen überschwemmt. Die EU-Kommission kündigte in Brüssel an, Fördergelder zu Gunsten der betroffenen Gebiete umzuschichten.
Österreichs Bundesregierung stellt für die Hochwasseropfer rund eine Milliarde Euro bereit. Das teilte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in Wien mit. Neben der Direkthilfe von 650 Millionen Euro soll es umfangreiche Steuererleichterungen geben. Die Bank Austria Creditanstalt geht in einer ersten vagen Schätzung von Schäden in Höhe von zwei Milliarden Euro aus.
In den Hochwassergebieten Bayerns konnten die Menschen aufatmen. Auch an der Donau in Niederbayern zeichnete sich in der Nacht Entspannung ab. In Straubing südöstlich von Regensburg hielten die Dämme den Wassermassen zunächst stand. Trotz sinkender Pegelstände an der Donau und ihren Zuflüssen wurde der Katastrophenalarm in drei Städten und fünf Landkreisen entlang des Flusses zunächst noch aufrechterhalten. Angesichts der wesentlich dramatischeren Lage in Sachsen starteten 2000 Helfer aus Bayern in Richtung Dresden.
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