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Hagen
"Schämt euch, ihr Gaffer"

Hagen. In Hagen haben Schaulustige massiv einen Rettungseinsatz behindert. Die Polizei wandte sich daraufhin via Facebook mit einem emotionalen Appell an die Gaffer. Die Probleme mit Sensationshungrigen haben zugenommen. Von Franziska Hein

Es ist gegen 15.20 Uhr, als ein zehn Jahre altes Mädchen vor dem Hagener Hauptbahnhof bei rot über die Ampel läuft. Ein 43-jähriger Golffahrer kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und erfasst das Kind mit seinem Wagen. Als die Polizei eintrifft, haben sich bereits viele Schaulustige an der Unfallstelle versammelt. "Plötzlich waren Hunderte von Gaffern da", sagt Polizeikommissar Tino Schäfer. Die Polizei fordert Verstärkung an. Die Rettungshelfer halten weiße Decken über das Kind, um es ungestört behandeln zu können. Ein Schaulustiger versucht trotzdem, noch unter dem Tuch zu filmen. Als ein Rettungshubschrauber eintrifft, um das Kind in ein Krankenhaus zu fliegen, versucht ein weiterer Gaffer, durch die Absperrung zu kommen. Der Mann will möglichst freie Sicht auf den Helikopter haben und fordert die Polizisten auf, zur Seite zu gehen, um besser filmen zu können. "Die Kollegen waren fassungslos und entsetzt ob der Dreistigkeit der Gaffer", sagt Schäfer.

Deshalb setzt Schäfer noch am Abend einen emotionalen Post auf Facebook ab. "Schämt euch, ihr Gaffer vom Hauptbahnhof", heißt es darin. "Euch ging es nur darum, das verletzte Kind und die Landung des Hubschraubers zu filmen", schreibt Schäfer auf Facebook. Und weiter: "Jeder von uns könnte der Nächste sein, und bei der Menschenrettung zählt jede Sekunde." Eine eindringliche Botschaft, die ankommt. Mittlerweile wurde der Post mehr als 28.000 Mal geteilt. "Wir haben bei dieser emotionalen Geschichte entschieden, die Gaffer noch einmal direkt anzusprechen", sagte der Kommissar.

Denn viele sind sich nicht im Klaren darüber, dass Gaffen strafbar ist. Der Gesetzgeber kennt mehrere Möglichkeiten, Schaulustige zu disziplinieren - etwa wegen unterlassener Hilfeleistung, wegen Bildaufnahmen von hilflosen Personen oder wegen Gefährdung des Straßenverkehrs. Doch solches Fehlverhalten ist oft nicht nachweisbar. In der Realität kommen die Sensationslustigen deshalb in der Regel straffrei davon.

Denn am Unfallort - darin sind sich die Polizisten einig, die schon einmal bei einem Unfall mit Gaffern dabei waren - sind die Prioritäten erst einmal andere, wie der Fall in Hagen zeigt: Dort hatten die Polizisten zunächst alle Hände voll zu tun, die Unfallstelle abzusichern und Personalien aufnehmen. Smartphones, mit denen gefilmt wurd konnten sie aber offenbar nicht sicherstellen. Nicht nur in der Wahrnehmung des Hagener Kommissars hat das Problem mit Gaffern zugenommen. Auch die Polizeigewerkschaft GdP in NRW beobachtet das Phänomen seit Längerem. Mit den fortschreitenden technischen Möglichkeiten würden Gaffer immer hemmungsloser, sagt ein GdP-Sprecher.

Die größten Probleme mit Gaffern haben die Verkehrspolizisten, die auf den Autobahnen in NRW für Ordnung sorgen. Oft passieren Auffahrunfälle auf der Beschleunigungsspur der Gegenfahrbahn, weil Gaffer dort besonders langsam an der Unfallstelle vorbeifahren. Auf der A1 bei Leverkusen kam es erst kürzlich zu einem solchen Unfall mit einem Schwerverletzten.

Um dem Phänomen zu begegnen, hat das NRW-Verkehrsministerium im vergangenen Jahr Sichtschutzwände bestellt. Nach Angaben von Straßen NRW kamen sie in einer Testphase zwischen April und November im vergangenen Jahr nur rund 28 Mal zum Einsatz. Sie müssen am Unfallort erst von der Einsatzleitung angefordert werden.

Die Sichtschutzwände sind zwar eine gute Idee, sagt die GdP. Aber sie eigneten sich nicht für jeden Unfall. "Das wird nur gemacht, wenn die Bergung mehrere Stunden dauert", sagt der GdP-Sprecher. In allen anderen Fällen bleibe nur, an die Moral der Autofahrer zu appellieren. "Als erstes zum Verbandskasten und nicht zum Handy greifen, es sei denn, man ruft Hilfe."

Quelle: RP
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