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Schleiden
Frühere Nazi-Burg öffnet als Bildungsort

Schleiden: Frühere NS-Burg öffnet als Bildungsort
Kurator Stefan Wunsch war es wichtig, die Menschen nicht als Monster zu zeigen, sondern das Monströse an ihnen zu sezieren. FOTO: dpa
Schleiden. Nach jahrelangem Umbau soll der riesige Gebäudekomplex in der Eifel als Ausstellungs- und Bildungszentrum überzeugen. Besucher erwarten ab Sonntag aufwändige Dokumentationen zur NS-Zeit und zum Nationalpark. Von Jörg Isringhaus

Lange hat es gedauert, fast fünf Jahre – aber es hat sich gelohnt. Nachdem die Neueröffnung der ehemaligen Nazi-Eliteschule "Ordensburg Vogelsang" in der Eifel als Ausstellungs- und Bildungszentrum mehrfach verschoben werden musste, erwartet die Besucher ab Sonntag ein lohnenswerter Ausflug in deutsche Geschichte und Natur.

Mit zwei Schauen wartet der monumentale Gebäudekomplex auf, beide sehr unterschiedlich, aber gleichermaßen durchdacht, aufschlussreich und modern präsentiert. Doch das ist nicht alles: Durch das neue Besucherzentrum wird die Anlage architektonisch aufgewertet, weil sich Gegenwart und Vergangenheit nun auch räumlich durchdringen – und im besten Fall den Erkenntnisgewinn fördern.

Kaderschmiede für den Führungsnachwuchs der NSDAP

Gebaut wurde die Ordensburg 1934 als Kaderschmiede für den Führungsnachwuchs der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Neben der ideologischen Schulung spielte der Körperkult eine wichtige Rolle, etliche Sportanlagen sind bis heute erhalten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Lehrbetrieb eingestellt, bis dahin hatten etwa 2200 Menschen die Eliteschule besucht. Nach dem Krieg richtete die britische Armee dort einen Truppenübungsplatz ein, den die belgische Armee ab 1950 als "Camp Vogelsang" führte. Mit der Rückgabe des Geländes an die Bundesrepublik im Jahr 2005 begann eine neue Ära für die ehemalige NS-Burg. Seit 2006 ist das Ensemble frei zugänglich (wenn auch durch die Bauarbeiten eingeschränkt), seit 2009 arbeitet die gemeinnützige Betreibergesellschaft "Vogelsang IP" (Internationaler Platz) am Wandel zu einem "offenen, demokratischen Bildungsort". Das ist nun geschafft.

Doch warum hat es so lange gedauert? "Das größte Problem war die Bausubstanz", sagt Sprecherin Petra Kleen. Dächer erwiesen sich als marode, Decken mussten neu ausgestaltet werden, dann gingen beteiligte Baufirmen in die Insolvenz. Doch nun ist alles schön.

Architektonisch herausfordernd war es, die Auflagen des Denkmalschutzes zu beachten und die Beziehungen der Gebäude zueinander zu erhalten. Gelöst wurde das mit einem "Inlay"-Konzept: Elemente wie etwa Erker durchdringen die NS-Häuser, auch der Kubus des neuen Besucherzentrums ragt quasi aus einem Platz heraus. Kleen: "Das neue Gebäude zitiert ein zerstörtes."

Menschen nicht als Monster zeigen, sondern das Monströse sezieren

Zwei Ausstellungen lassen sich durch das Zentrum erreichen. Die NS-Dokumentation "Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen" begibt sich am Ort auf Spurensuche. Vor allem geht es um die Menschen, die dort ausgebildet wurden. Um ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, um die Versprechungen, die ihnen gemacht wurden, aber auch um ihr Selbstbild, ihren Anteil am Verbrechen.

Kurator Stefan Wunsch war es wichtig, die Menschen nicht als Monster zu zeigen, sondern das Monströse an ihnen zu sezieren. So wird der Besucher auch von einem großformatigen Foto begrüßt, von dem fünf junge Uniformierte freundlich herablächeln. Fast schockierend wirkt diese Normalität.

Auf 750 Quadratmetern arbeitet sich die Ausstellung an den unterschiedlichsten Aspekten der Ordensburgen ab, untersucht Anspruch und Wirklichkeit des elitären Schulsystems, Körperkult und Männlichkeit, analysiert aber auch, wie die Nazis ihre Ideologie geschickt religiös verbrämten, um inneren Zusammenhalt zu schaffen.

Und die Schau fragt danach, was aus den Schülern geworden ist. Viele gingen in die Zivilverwaltung in Polen und Russland, arbeiteten etwa als Gebietskommissare und waren damit für die Ermordung zigtausender Menschen verantwortlich. "Vogelsang war damit auch ein Täterort", sagt Wunsch.

Eine gebaute Hierarchie

Unaufgeregt wird das Material dargeboten und, wie im gesamten Besucherzentrum, technisch auf dem neuesten Stand, mit etlichen eingebundenen Film- und Tondokumenten. Dennoch sollten Kinder erst ab zwölf die Ausstellung besuchen, möglichst begleitet von Erwachsenen. Selbst denen könnte das Gesehene nahegehen – um sich zu sammeln, gibt es einen "Raum der Stille".

Aufbauen mag auch wieder die zweite Schau, konzipiert vom Nationalpark Eifel, der Vogelsang umgibt. "Wildnis(t)räume" heißt sie, und versucht auf 2000 Quadratmetern Wald, Wasser und Wildnis den Besuchern nahezubringen. "Wir wollten nicht die Natur imitieren, sondern auf sie Lust machen", sagt Fachgebietsleiterin Kerstin Oerter. Das gelingt, zumeist fast spielerisch.

Die Ausstellung verzichtet auf lange Texte, und setzt auf Sinneserfahrungen – man hört die Geräusche des Waldes, darf ausgestopfte Biber streicheln und fühlen wie eine Spinne. Herzstück ist ein abgedunkelter Raum, in dem Projektionen in hängenden Kugeln Natur fast meditativ erfahrbar machen. Großen Wert wird bei beiden Schauen wie im gesamten Gebäudekomplex auf Barrierefreiheit gelegt. So führen Wegweiser Sehbehinderte zu allen Exponaten, die auch mit Blindenschrift vertextet sind.

Aber auch wer auf die Ausstellungen verzichtet, kommt in Vogelsang auf seine Kosten. So lässt sich etwa die perfide NS-Architektur erleben: unten am Hügel die Sportstätten, darüber die Kameradschaftshäuser, darüber der Apellplatz, darüber "Führerbalkon" und Adlerhof für die Elite – eine gebaute Hierarchie.

Mit 100 Hektar Fläche ist die frühere NS-Burg zudem durchaus mit dem Reichsparteigelände in Nürnberg oder dem Seebad Prora auf Rügen vergleichbar. Entspannung bietet Vogelsang aber auch: Der Blick von der neuen Café-Terrasse über den Urftsee ist einfach großartig.

Quelle: RP
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