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Flüchtlingsheim in Thüringen
Bürgermeister bestreitet "fremdenfeindlichen Mob" bei Suizid

Schmölln. Ein Flüchtling hat sich vom Fenstersims seiner Unterkunft in Schmölln in den Tod gestürzt. Anwohner sollen den 17-Jährigen dazu aufgefordert haben. Der Bürgermeister und die Polizei bestreiten die Vorwürfe inzwischen.

"Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie "Spring doch", hatte Bürgermeister Sven Schrade am Samstag dem MDR gesagt. "So etwas kann man nur verurteilen." Auch der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, David Hirsch, sagte, dass eine Mitarbeiterin entsprechende Rufe gehört habe. Unsere Redaktion berichtete entsprechend.

Inzwischen relativierte Schrade seine Aussage: Nach seiner Einschätzung seien Darstellungen falsch, wonach sich ein "fremdenfeindlichen Schmöllner Mob" versammelt habe. Laut Polizei hatte sich der Flüchtling am Freitag aus dem Fenster seiner Unterkunft gestürzt. Die Beamten gehen von Suizid aus. Die Sachlage ist jedoch noch unklar: Die Polizei machte bis zum frühen Sonntagmorgen keine Angaben zum Ergebnis der Befragung einer Frau. Diese soll kurz vor dem Sprung des Jugendlichen Rufe gehört haben, die den Somalier zum Suizid aufgefordert haben sollen. Am Nachmittag widersprach die Polizei jedoch mehreren Medienberichten. Beamte vor Ort hätten solche Rufe nicht gehört, sagte der Schichtleiter im Landeseinsatzzentrum in Erfurt, Stefan Erbse.

Schaulustige vor der Unterkunft

Polizei und Feuerwehr hatten am Morgen zunächst bestätigt, dass sich Schaulustige vor der Unterkunft aufgehalten hätten. Nach Angaben der Polizei filmte ein Passant die Szenen mit einem Handy. Er sei noch vor Ort gebeten worden, das Video zu löschen, was er vor den Augen der Beamten auch getan habe.

Den Angaben zufolge war der Jugendliche zuvor wegen psychischer Probleme in Behandlung. Kurz vor der Tat habe er in der Unterkunft randaliert, weshalb die Polizei gerufen wurde. Die Beamten konnten ihn aber nicht mehr vom Sprung aus dem fünften Stock abhalten.

Bürgermeister Schrade sagte, zunächst müssten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgewartet werden. Sie werde bei solchen Fällen automatisch eingeschaltet. Von einem Fremdverschulden werde nicht ausgegangen.

Sollten sich die angeblichen Rufe wie "Spring doch" letztlich doch bewahrheiten, sei das nicht tolerierbar, schrieb der Bürgermeister auf seiner Facebook-Seite. "Es ist verachtenswert, ja unmenschlich. Ob Geflüchtete oder hier Lebende: Wir alle sind Menschen." Zudem schrieb er: "Leider erreichten mich heute auch Bildaufnahmen, die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren."

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(vek/dpa/epd)