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König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia
"Frau Merkels Satz sitzt in uns allen"

Schwedisches Königspaar zu Gast in Aachen
Schwedisches Königspaar zu Gast in Aachen FOTO: dpa, hk vfd
Schwedens Königspaar wird ab Mittwoch auf Staatsbesuch in Deutschland sein. Unser Skandinavien-Korrespondent hat im Schloss Stockholm mit dem Paar über Glühbirnen, Autofahrten in den Urlaub und die Flüchtlingskrise gesprochen. Von Andre Anwar, Stockholm

Freuen Sie sich schon auf den Staatsbesuch?

König Carl XVI. Gustaf Ja, wir freuen uns sehr. Der letzte offizielle Staatsbesuch war 1979. Der Besuch wird mit vier Tagen viel länger als andere. Wir kennen Deutschland ja gut von unseren zahlreichen privaten Besuchen, die Königin und ich haben ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Land. Meine Mutter war Deutsche.

Königin Silvia Es wird ein sehr spannender Aufenthalt, erstmal in Berlin, dann Hamburg, Wittenberg und Leipzig. Ich werde die Zeit auch nutzen, um unsere deutschen Kinderhilfsprojekte zu besuchen. Da geht es derzeit viel um einsame Flüchtlingskinder.

Angesichts der Flüchtlingskrise hat König Harald von Norwegen kürzlich eine bewegende Rede zur Toleranz gehalten. Was halten Sie vom Engagement Ihres Amtskollegen?

Carl Gustaf Es ist sehr gut, dass er sich geäußert hat. Größtmögliche Offenheit ist wichtig. Die Anzahl der Flüchtlinge in Schweden ist enorm. Aber ich sage, wir haben alle ein Herz in uns, und wir müssen Menschen, die in Not sind, aufnehmen und ihnen selbstverständlich helfen. Natürlich bringt das auch große Probleme mit sich. Deren Lösung, die nächsten Schritte, die Integration - all das wird Zeit brauchen und ist eine andere Geschichte, aber wir können bei Menschen in Not nicht einfach wegsehen.

Königin Silvia, Sie sind einst selbst als Fremde nach Schweden gekommen, ist es heute einfacher oder schwieriger für Migranten?

Silvia (lacht) Nun ja, für mich war es ein bisschen einfacher. Ich hatte eine Einladung. Aber für meinen deutschen Vater war es schwieriger, als er 1919 nach Brasilien einwanderte. Er konnte die Sprache nicht, es war eine andere Kultur. Der Unterschied heute ist, dass es viel mehr Migranten in kurzer Zeit sind. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Schweden war aber immer großzügig. Seit 200 Jahren herrscht hier Frieden. Auch nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat Schweden vielen Flüchtlingen geholfen. Es ist eine schwedische Tradition zu helfen.

Was tun Sie als König und Königin für die Flüchtlinge?

Carl Gustaf Ich kann da nicht helfen. Ich reise, besuche Flüchtlingsunterkünfte und hoffe, so die Aufmerksamkeit für deren Situation zu erhöhen.

Silvia Im vergangenen Jahr flüchteten alleine 40.000 unbegleitete Kinder nach Schweden. Viele sind erheblich traumatisiert vom Krieg. Da geht es nicht nur um finanzielle, sondern um menschliche Hilfe. Mit meiner Organisation Childhood versuchen wir zu helfen, wo wir können, auch Deutschland.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte den Satz "Wir schaffen das". Das ist derzeit höchst umstritten in Deutschland. Wie sehen Sie ihr Engagement, denken Sie, dass sie den Nobelpreis bekommen sollte?

Carl Gustaf (lacht) Die Friedensnobelpreisvergabe ist Aufgabe des Nobelinstitutes. Da darf ich mich nicht einmischen. Ich sehe das aber ähnlich wie Frau Merkel. Wir müssen denen helfen, die hier sind. Vor allem müssen wir aber auch in den Krisenregionen helfen, so dass die Menschen nicht ihre Länder verlassen müssen. Das ist natürlich die beste Herangehensweise.

Silvia Es ist wirklich fantastisch, wie Deutschland die Flüchtlinge empfangen hat. Es ist ja unsere christliche Botschaft, dem Nächsten zu helfen. Das "Wir schaffen das" von Frau Merkel sitzt in uns allen. Allerdings sollte die Verantwortung auch von anderen Ländern mitgetragen werden.

Königin Silvia, Sie werden zum Staatsbesuch unter anderem in Berlin sein. Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt aus Ihrer Kindheit?

Silvia Seltsamerweise hat sich da vor allem eine Erinnerung festgesetzt. Ich war 13 Jahre alt, als ich mit meinen Eltern aus Brasilien nach Deutschland zurückkam, das erste Weihnachten. Danach, als ich wieder nach Heidelberg ins Internat fahren sollte, wurde unser Taxi von Volkspolizisten an der DDR-Grenze gestoppt. Es gab Probleme, weil mein Pass in Brasilien ausgestellt worden war. Das war für mich als Kind entsetzlich, und ich denke derzeit an die vielen einsamen Flüchtlingskinder, die Ähnliches erleben. Plötzlich gerät man in eine Situation, in der man keine Kontrolle mehr hat und nicht versteht, was passiert. Letztlich ließ mich der Volkspolizist nach vielem Hin und Her mit dem Vermerk "Kind" im Pass doch zum Weihnachtsfest. Aber auch heute noch sitzt die damals erlebte Angst sehr tief in mir.

Und wenn Sie heute an Berlin denken, an das lebensfrohe Berlin?

Silvia (lacht) Nun ja, ich habe keinen Koffer mehr in Berlin, aber die Berliner Luft ist etwas ganz Besonderes. Die Menschen dort sind sehr schnelldenkend, neugierig, die Kunstszene ist aufgeblüht und ja ein Grund für die riesige Popularität, die Berlin im Ausland bekommen hat.

Sie fahren oft privat durch Deutschland. Werden Sie erkannt?

Silvia Ja, wir beide fahren immer selbst Auto, wenn wir in den Urlaub nach Südfrankreich fahren. Da nehmen wir unterschiedliche Routen durch Deutschland. Dabei waren schon Rostock, Dresden und Berlin. Manchmal sprechen uns Leute in Restaurants an, aber die sind immer sehr nett, und wir sind für solche Gespräche offen.

Carl Gustaf Wiedererkannt werden wir schon, aber nicht so oft, wie man denken könnte. Wir fahren im Übrigen nicht ganz allein durch Deutschland, ein Sicherheitsteam in einem Auto hinter uns fährt mit.

Eure Majestät sind bekannt als grüner König.

Carl Gustaf Ja, wir tun viel für die Umwelt. Im Schloss heizen wir inzwischen mit Holzhackschnitzeln. Wir tauschen Glühbirnen durch Sparglühbirnen aus. Zu Beginn gab es nicht die richtigen Farben für die alten Lampen. Aber jetzt gibt es sie. Energiesparlampen sind teuer, aber lohnen sich langfristig. Und manchmal ist es im Übrigen auch schön, alt zu werden. Denn zu meinem 70. Geburtstag habe ich den Bau eines Solarsystems für das Schlossdach versprochen bekommen.

Kaum ein Königshof ist so volksnah wie der schwedische. Ihre Kinder sind auf normale Schulen gegangen. Kronprinzessin Victoria und Prinz Carl Philip haben Bürgerliche aus dem Volk geheiratet. Was muss die Monarchie heute im Vergleich zu früher anders machen?

Carl Gustaf Nun, mein Motto ist: Man muss mit der Zeit gehen. Das bedeutet, dass ich kein konservativer Keil in den Institutionen sein will. Gleichzeitig bin ich kein Revolutionär! (lacht). Ich versuche, zu erfühlen, was die Menschen von ihrer Monarchie erwarten, und das Königshaus an die moderne Gesellschaft anzupassen. Es hat sich ja extrem viel verändert in meinen 40 Jahren auf dem Thron. Alleine die Digitalisierung, alles geht viel schneller, manchmal zu schnell.

Denken Sie manchmal daran, nach mehr als 43 Jahren auf dem Thron in den Ruhestand zu gehen und Kronprinzessin Victoria die Amtsgeschäfte zu überlassen?

Carl Gustaf Nein, daran denke ich nicht. Wir haben keine solche Tradition in Schweden.

Andre Anwar führte das Gespräch.

Quelle: RP
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