Raubüberfälle und Vergewaltigungen: Seattle in Angst: Verbrechensserie erschreckt die Bürger
zuletzt aktualisiert: 15.09.2000 - 07:24Seattle (dpa). Wenn Adam Holdorf durch seine Heimatstadt Seattle geht, dann geht neuerdings die Angst mit. Die Innenstadt der Software-Metropole im US-Bundesstaat Washington galt bisher als sicheres Pflaster. Aber eine unheimliche Verbrechensserie, von brutalen Raubüberfällen auf offener Straße bis hin zur Vergewaltigung eines Mannes, bereitet jetzt Bürgern und Polizei große Sorgen.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Viertel mal solche Angst haben könnte", sagt Holdorf. Er lebt in Belltown, gleich neben den Wolkenkratzern des Stadtzentrums. In dieser Innenstadt-Region gab es in den vergangenen drei Wochen mindestens neun Attacken. Einige der Opfer wurden noch vor Einbruch der Dunkelheit auf der Straße verprügelt und beraubt.
Eine Bande junger Männer schlug im Lauf eines einzigen Abends am 31. August bei gleich sechs Gelegenheiten zu. Die Opfer waren bis auf eine Ausnahme Männer weißer Hautfarbe, und nach ihren Angaben waren die Angreifer überwiegend Schwarze. Rassenhass als Motiv schließt die Polizei allerdings bisher aus.
Besucher ins Gebüsch gezerrt
Der schlimmste Vorfall in der Verbrechensserie war die Vergewaltigung eines 23 Jahre alten Mannes, der gerade eine Innenstadt-Kneipe verlassen hatte. Der Besucher aus Portland (Oregon) war am vergangenen Samstag von drei Tätern in ein Gebüsch gleich neben der großen Leihbibliothek Seattles gezerrt worden. Am gleichen Abend hatten Unbekannte einen Obdachlosen geschlagen und versucht, ihn zu berauben.
Seattle mit seinen gut 530 000 Einwohnern war nie als Stadt des Verbrechens bekannt. In der ungewöhnlich reichen Heimatstadt der Großfirmen Microsoft, Boeing und Amazon.com sahen die Amerikaner bisher immer einen Ort, in dem kriminalitätsfördernde soziale Spannungen kaum existieren. Aber in Seattle herrscht zurzeit ein scharfer Verdrängungswettbewerb zwischen neureichen jungen Software- Spezialisten und alteingesessenen Bewohnern. Stadtviertel im Zentrum wie etwa Belltown, das vor wenigen Jahren noch preiswerten Wohnraum für Künstler und sozial Schwache bot, sind jetzt voller teurer Luxuswohnungen.
Einen direkten Zusammenhang zwischen den Überfällen und der Veränderung seines Viertels sieht der Leiter der Belltown Business Association, Mel Jackson. "Bei so viel Reichtum rund um sie herum denken die Kids eben, dass sie leicht jemanden finden, der viel Geld bei sich trägt", sagt Jackson.
Seattles Polizei hat eine andere Theorie. Sie vermutet, dass in ihrem Amtsbereich örtliche Nachahmer einer brutalen Schlägerbande unterwegs sind, die seit Monaten in der Nachbarstadt Tacoma die Bewohner mit Prügel-Überfällen terrorisiert hat.
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