Richter haben "schlaflose Nächte": Siamesische Zwillinge: Entscheidung über Leben und Tod
zuletzt aktualisiert: 07.09.2000 - 09:54London (dpa). Wenn Richter sich aufs Gebet berufen oder zugeben, dass ihnen der zu behandelnde Fall "schlaflose Nächte" bereitet, dann muss es schon um etwas ganz Besonderes gehen. So geschehen ist es jetzt in London, wo drei hocherfahrene Berufungsrichter im uralten Konflikt zwischen Ethik, Moral und Religion entscheiden müssen. Von ihrem Spruch hängt es ab, ob ein siamesisches Zwillingspaar gegen den Willen seiner Eltern um den Preis getrennt wird, dass eins der beiden Mädchen stirbt.
Wenn nichts geschieht, würden die beiden am Unterleib zusammengewachsenen Babys - Jodie und Mary - nach Ansicht der Ärzte mit "90-prozentiger Sicherheit" sterben. Mary ist zum Überleben auf Herz und Lunge ihrer kleinen Schwester angewiesen.
Das Ringen um das Schicksal von Jodie und Mary (nicht ihre wahren Namen), wirft nach Ansicht der britischen Richter bisher einmalige "Fragen von Leben und Tod" auf. Denn anders als bei jüngsten vergleichbaren Diskussionen um Trennungsoperationen in Spanien und Italien haben die katholischen Eltern der am 8. August geborenen Zwillinge sich eindeutig gegen medizinischen Rat gestellt. Sie lehnen eine Operation "als gegen den Willen Gottes" gerichtet ab. "Wir können es nicht akzeptieren, dass eines unserer Kinder sterben soll, damit das andere überleben kann", begründeten sie ihren Gang zum Berufungsgericht. Der High Court in London hatte vor zehn Tagen in erster Instanz entschieden, durch eine Operation wenigstens das Leben eines der beiden Mädchen zu retten.
Mary "nicht überlebensfähig"
Die Emotionen, die diesen in den Medien breit ausgewälzten Fall begleiten, machen auch vor den Türen der altehrwürdigen Londoner Law Courts, dem Gerichtskomplex an der Fleet Street, nicht Halt. Auf die Eingabe des Anwalts der Gesundheitsbehörde von Manchester, das Interesse der "nicht überlebensfähigen Mary" müsse gegen die Lebenschancen Jodies abgewogen werden, konterte der Vorsitzende Richter: "Wenn das, was Sie vorschlagen, den Mord an Mary bedeuten würde, dann kann ich eine Abwägung der Interessen nicht erkennen." Anwältin Judith Parker, die Jodie vertritt, reagierte scharf: "Es kann kein Interesse daran bestehen, ein leider sinnloses Leben zu retten."
Ihm habe der Fall bereits schlaflose Nächte bereitet, gestand der Vorsitzende Richter, Justice Ward, ein. Die Position der Eltern, "Dein Wille geschehe - wie im Himmel also auch auf Erden", sei zu respektieren. "In dem Moment, wo das Skalpell auf den gemeinsamen kleinen Körper angesetzt wird, wird die unglückliche Mary berührt. Es ist der Moment der Körperverletzung. Eine Stunde später wird die Aorta, die Hauptschlagader, abgeklemmt. Man kann nicht so tun, als werde ihre Integrität nicht angegriffen. Und mit welchem Recht?"
Nach Ansicht von Richard Nicholson, Herausgeber der Zeitschrift "Bulletin der Medizinischen Ethik", entschied der High Court "simplistisch", als er die Trennungsoperation befürwortete, um wenigstens eines der Mädchen zu retten. "Es gibt Situationen, in denen es vielleicht besser wäre, den Eltern und nicht einer Institution diese schwere Wahl zu überlassen." Das Urteil des Berufungsgerichts wird in der nächsten Woche erwartet.
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