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Rückblick
So war damals unser Abitur

Rückblick: So war damals unser Abitur
Martin Kessler. FOTO: privat
Düsseldorf. Die Abiturienten befinden sich derzeit in ihrer heißen Prüfungsphase. Vier Redakteure unserer Zeitung erinnern sich an ihre Reifeprüfung in den Jahren 1973, 1978 und 2006.

Selbst beim Abi waren wir nicht immer ernst

Nach der politischen Revolte der 60er Jahre war in unserer Klasse im humanistischen Gymnasium eher die Spaß-Guerilla angesagt. Weil wir im offiziellen Raumplan der Schule eigenmächtig unser Klassenzimmer getauscht hatten, kamen wir in der Klasse 13 sogar eine Stunde kollektiv in Arrest – sehr zu unserer Gaudi. Gleichwohl lernten alle eifrig für das Abitur, das noch nicht reformiert war. Ich hatte in vier Fächern eine schriftliche Prüfung – Latein, Griechisch, Deutsch und Mathematik. An die Deutsch-Klausur kann ich mich noch wie heute erinnern. Zur Auswahl stand ein Spruch von Kant "Lieber ein Narr in der Mode als außer der Mode" und ein schaurig-schönes Gedicht von Baudelaire ("Der fröhliche Leichnam"), das ich heute noch auswendig kann. Ich entschied mich für Kant, dem ich etwas vorwitzig widersprach. In Mathe hatte ich Glück. Eine ähnliche Analysis-Aufgabe hatten wir in der Lerngruppe gelöst. Apropos Spaß: Während der sechsstündigen Deutsch-Arbeit verließ ich einmal den Raum für ein gewisses Örtchen. Als ich zurückkam, hatte jemand die Klausurbögen versteckt. Sie tauchten aber rasch wieder auf.

Martin Kessler (55), Politik-Chef, Abitur 1978, Bismarck-Gymnasium Karlsruhe, Schnitt: 2,1

Jasmin Buck. FOTO: privat

Die Erste in der Familie mit Abitur

2006: Das war die erste große Liebe, die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land – und natürlich das Abitur. Oder wie es in meinem Fall heißt: Hausfrauen-Examen. Ich wählte Englisch (irgendwas mit Shakespeare) und Pädagogik (irgendwas mit Erziehung im Nationalsozialismus) im Leistungskurs, Italienisch (che follia!) als Drittfach und Biologie in der mündlichen Prüfung. Ich war froh, dem Zentral-Abitur zu entkommen – und G 8.

In den Abitur-Aufgaben ging es um Dystopie, Sigmund Freud, eine italienische Fabel und Populationsveränderungen. Am Ende stand die Eins vorm Komma – die war notwendig, um später "irgendwas mit Medien" zu studieren. In mein Gedächtnis eingebrannt hat sich der Moment der Zeugnis-Übergabe: Wie ich im schwarzen Abendkleid, in das man nur passt, wenn man 19 ist und mindestens viermal in der Woche Sport treibt, meine Urkunde erhalte und anschließend in die tränenerfüllten Augen meines Großvaters blicke. Die Erste in der Familie mit Abitur! Dann sind wir zum Abi-Ball gefahren – und mir wurde klar: Ich habe nicht nur die Prüfung gefeiert, sondern auch die neun Jahre bis dahin. Ein gutes Gefühl.

Jasmin Buck (28) machte ihr Abitur (Abschlussnote 1,8) 2006 am Marie-Curie-Gymnasium in Recklinghausen.

Helmut Michelis. FOTO: privat

Durchs Abitur ganz ohne Lernen

Mein Abitur ist mehr als vier Jahrzehnte her. Und damals, wie ich dann später bei meinen Kindern erfahren musste, war fast alles "ziemlich anders" als heute. Es fing damit an, dass das letzte Schuljahr in der Oberprima die faulste Zeit meines Lebens gewesen ist. Der Grund: Den NC gab es als echte Hürde nur für Medizin und Zahnmedizin; meine Eltern hatten indes für mich beschlossen, dass ich, der Familientradition entsprechend, Jura studieren müsse. Dafür waren die Abschlussnoten egal, man musste das Abi lediglich "irgendwie" bestehen. Und das garantierten ja meine bis dahin erreichten Vornoten. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Matheaufgabe kapierte ich überhaupt nicht, und ich gab, so erinnere ich mich, einen Haufen weißer Blätter ab. Klar: eine glatte Sechs. Selbst das war wurscht – mit der Vornote zusammen reichte es immer noch für eine Vier. Meine Eltern mussten fast Gewalt anwenden, damit ich zur Zeugnisausgabe in der Aula wenigstens eine Krawatte und ein weißes Hemd anzog. Gefeiert haben wir dann schmucklos in Jeans in einem kleinen Gasthof und fanden das ziemlich cool.

Helmut Michelis (60), Redakteur für Sicherheitspolitik, Abitur 1973, Stiftisches Humanistisches Gymnasium in Mönchengladbach, Schnitt 2,4

Annette Bosetti. FOTO: privat

Mein Abi war mein Schein für die Freiheit

Die letzten Wochen Schule waren schrecklich. Ich hatte keine Lust mehr auf Lehrer, auf Klassen, die es damals noch gab, auf Zeugnisse und Fremdbestimmung. Wenn ich durch die Gänge meines Schulgebäudes zog, zählte ich die Tage und Stunden. Ich hatte nur einen Gedanken: endlich in die Freiheit, endlich dem Diktat meiner diktatorischen Lehrer entrinnen. Andererseits wusste ich genau, wie wichtig die Abiturnoten fürs Studium waren. Und so war ich trotz meiner rebellischen Grundhaltung darauf aus, meine Abi-Noten in den mir wichtigen Fächern Mathematik und Französisch auf eine streberhafte Eins zu bringen. Dafür musste ich ins Mündliche. Es hat geklappt, aber es war der bis heute schwierigste Auftritt meines Lebens. Ich kann mich an nichts anderes mehr erinnern, nicht an Themen, Fragen, Ergebnisse – nur an diese fiebrige Nervosität. Auch das war eine Schule für das Leben. Während ich später manchmal noch von den Abi-Klausuren träumte, war ich in Prüfungen des Studiums gelöst. Ich hatte gelernt, was geht, wenn man gut gepaukt hat. Der Schule zeigte ich fortan die kalte Schulter, auch der Abi-Feier blieb ich fern. Aus Protest.

Annette Bosetti (59), Feuilleton-Chefin, Abitur 1973, Mädchengymnasium St. Leonhard in Aachen, Schnitt: 2,2

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