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So wird 2018
Erfolgsgeheimnis

So wird 2018: Erfolgsgeheimnis
FOTO: Shutterstock/ Africa Studio
Düsseldorf. Menschen streben nach Erfolg, seit es sie gibt. Nicht allen gelingt er. Was ist eigenes Verdienst, was Zufall, wenn man erfolgreich ist? Fest steht: Erfolg ist mehr als das Erreichen eines Ziels oder das positive Ergebnis einer Bemühung. Von Martin Bewerunge

Erfolg ist eines der am meisten verwendeten Substantive – nicht nur im Deutschen. Im sogenannten Dudenkorpus, einer digitalen Sammlung mit mehr als drei Milliarden Wortformen aus Texten der letzten fünfzehn Jahre, hat Erfolg – nomen est omen – es unter die Top Tausend geschafft. Erfolg ist in aller Munde, erfolgreich sein ein regelrechtes Zauberwort, denn darin steckt explizit die Verheißung, die so viele Erfolgssuchenden antreibt: irgendwann reich zu sein. Erfolg bedeutet Status, Status bedeutet Macht, Erfolg macht sogar sexy. Sorry, was will man mehr? Deshalb: Wollen wir anderen etwas Gutes wünschen, zumal am Beginn eines neuen Jahres, ist Erfolg garantiert dabei.
Eine Gesellschaft, die ihre erfolgreichsten Mitglieder nicht hervorhebt, ist schwer vorstellbar. Ohne Glamour und Glanz würde sie vermutlich nicht funktionieren. Es gibt gute Gründe dafür, Prestige zu verteilen, und sie sind so alt wie die Menschheit selbst: Schon vor 70.000 Jahren, als der Homo sapiens begann, den Planeten zu erobern, tauchten die ersten Stars auf. Das waren jene, die die Horde mit der meisten Nahrung versorgten. Oder die meisten Feinde töteten. War der Clan durch Krankheit, Katastrophen oder Krieg dezimiert, stieg das Ansehen der Mütter.

Daran erinnern prähistorische Jagdszenen auf Höhlenwänden oder weibliche Fruchtbarkeit darstellende Skulpturen. Schon die Frühsteinzeit brachte ihre Forbes-Listen hervor. Sinn solcher Rankings war von Anbeginn der, noch dem Letzten in der Sippe klarzumachen, dass er seine Zeit nutzbringend ausfüllen möge. Denn vom Erfolg des Einzelnen hängt der Erfolg der Gruppe ab.

Heute ist Wirtschaftswachstum das stärkste Band, das eine Gesellschaft zusammenhält. Entsprechend materialistisch kommen die modernen Sendboten des Erfolgs daher: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Auf der echten Forbes-Liste stehen keine mutigen Jäger oder geschickte Handwerker, sondern die reichsten Menschen der Welt. Ob der Besitz gigantischer Vermögen noch in einem Zusammenhang mit außergewöhnlichen Fähigkeiten steht, lässt sich nicht mehr in jedem Fall eindeutig beantworten.

Bestenlisten erfüllen heute vor allem einen Zweck: "Die Aussicht auf einen höheren Lebensstandard – wie entfernt sie auch sein mag – limitiert den Druck auf die Verteilung von Vermögen", erklärt der frühere Banker und Vermögensberater Satyajit Das. Zum selben Schluss gelangt der frühere Gouverneur der US-Zentralbank, Henry Wallich: "Solange die Wirtschaft wächst, lebt die Hoffnung, und die Hoffnung macht große Einkommensunterschiede erträglich."

Für Rolf Dobelli, Autor des Buchs "Die Kunst des guten Lebens", wird damit klar, warum es in modernen Gesellschaften zwar Listen der Reichsten, aber keine Listen der Zufriedensten gibt. Materieller Erfolg aber hat für Dobelli kaum Aussagekraft, da er ihn für ein Produkt des Zufalls hält. "Die erfolgreichen Unternehmer arbeiten hart und trafen intelligente Entscheidungen. Doch die sind wiederum die Ergebnisse ihrer Gene, ihrer Herkunft und ihres Biotops. Betrachten Sie die Forbes-Listen deshalb als Zufallslisten. Und hören Sie auf, diese Leute anzuhimmeln."

Am strahlenden Ende mancher Erfolgsgeschichte bleibt im Dunkeln, wer Regie führte: War es eigenes Zutun oder verhalf schierer Zufall dem Helden zum Ruhm? Lässt sich das überhaupt trennen? "Erfolg, das ist eine unberechenbare Mischung aus Talent, Glück und Arbeit, und oft auch ein Missverständnis." Der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer, der uns diesen Satz hinterlassen hat, wusste, wovon er sprach – er war begnadet, aber Erfolg blieb ihm lange versagt.

Andere erleben das krasse Gegenteil: "Es gibt viele Möglichkeiten, Karriere zu machen, aber die sicherste ist noch immer, in der richtigen Familie geboren zu werden." Es existieren nicht viele Sätze von Donald Trump, denen man uneingeschränkt zustimmen möchte. Doch mit diesem trifft der US-Präsident ausnahmsweise nicht nur den Nagel auf den Kopf, sondern liefert auch noch höchstpersönlich den Beweis für seine Gültigkeit. Was wäre aus dem Mann geworden, hätte seine Wiege in einer Hütte in Nowosibirsk gestanden anstatt in einer Villa in New York?

Das Leben – eine Lotterie, der Erfolg – sechs Richtige? Welche Gene Menschen mitbekommen, in welchem Land sie das Licht der Welt erblicken, welche Erziehung sie genießen, welche Ausbildung ihnen ermöglicht wird – auf diese Erfolgsbausteine haben sie selbst null Einfluss. Forschungen belegen, dass es reicht, gut auszusehen, um bis zu zehn Prozent mehr zu verdienen als Kollegen, die dasselbe leisten, aber weniger durch ihr Äußeres auffallen. Bleiben die Fragen: Wie lässt sich Erfolg messen? Wie verdient ist er? Was kann man sich darauf einbilden?

Die Antworten: Erfolg lässt sich nicht vergleichen. Ob er verdient ist, muss jeder für sich entscheiden. Und: Zu viel einbilden sollte man sich grundsätzlich nicht. Schon deshalb nicht, weil das schrecklich viele andere tun. Die Inszenierung von Erfolg mit all ihren bizarren Zügen haben die beschrieben, die den Zirkus selbst erlebten: "Erfolg ist nur halb so schön, wenn es niemanden gibt, der einen beneidet", resümierte der Autor Norman Mailer. "Erfolg ist ein großartiges Deodorant. Es entfernt alle Gerüche der Vergangenheit", amüsierte sich die Schauspielerin Elizabeth Taylor.

Das Geheimnis des Erfolgs ist, wie man mit ihm umgeht – wenn er eintritt oder ausbleibt. Die Beurteilung sollte man nicht anderen überlassen. Dann könnte der Erfolg so schnell weggenommen werden, wie er beklatscht wurde. Die Gewissheit, etwas richtig gut gemacht zu haben, muss nur vor einem bestehen: vor einem selbst. Eigener Erfolg findet nicht irgendwo draußen statt. Sondern innen. Im Übrigen sind viele persönliche Erfolge gar nicht sichtbar. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit etwa selbst bestimmen zu können, das definieren immer mehr Menschen als beruflichen Erfolg.

Erfolgreich sein bedeutet mehr als das Erreichen eines Ziels oder das positive Ergebnis einer Bemühung. Es ist eine Haltung, die Unabhängigkeit erfordert. Wer Erfolg hat, muss sich nicht vor anderen beweisen. In den Triumph wirklich Erfolgreicher mischt sich meist auch das Eingeständnis, womöglich auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Dankbarkeit statt Hybris. Solche Leute besitzen etwas Seltenes: Sie scheinen angekommen, mit sich im Reinen zu sein und empfinden im besten Fall etwas, wovon Erfolg nur einen Teil darstellt: Glück.

Innerer Erfolg – für nachfolgende Generationen wird er zu einer noch viel größeren Herausforderung. Schon in zwei, drei Jahrzehnten werden künstliche Intelligenz und Roboter die meisten Bereiche übernehmen, auf denen zuvor Wesen aus Fleisch und Blut um Erfolge rangen. Was dann? Die Forbes-Liste dürfte neu definiert werden.

Wenn Maschinen die Wirtschaft dominieren und den meisten Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen verschaffen, wie viele Experten das für die nicht mehr allzu ferne Zukunft der Arbeit vorhersagen, dann wird der Erfolgreichste der sein, der den größtmöglichen Sinn für sein Dasein findet. Es könnte jemand sein, der morgens Gedichte im Park aufsagt.

 
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