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So wird 2018
Mit Ende 70 lesen lernen

So wird 2018: Mit Ende 70 lesen lernen
FOTO: dpa, ua fpt bwe
Düsseldorf. Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Erika Maier möchte nicht mehr dazugehören. Von Klas Libuda

Bevor sie anfing, nahm sie sich ein Herz. Sie sprach mit ihrem Mann und erzählte ihm alles. Von der Angst und der Hilflosigkeit, vom Gefühl, auf andere angewiesen zu sein, und davon, was sie vorhatte. Erika Maier wollte lesen und schreiben lernen.

Das ist Monate her, und nun sitzt sie in der Volkshochschule Düsseldorf (VHS), zweiter Stock, in einem Raum mit ein paar Stühlen, ein paar Tischen. VHS-Kurs: "Alphabetisierung". Es gibt ein Whiteboard – eine dieser Tafeln, die mit Filzstift beschrieben werden –, und an der Tafel steht ein Satz: "___ schreibt einen Brief." Sie üben die Pronomen: ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie. Maier, Ende 70, überlegt laut und entscheidet sich: "Sie schreibt einen Brief." Nächster Satz: "___ gehe zur Schule."

Eigentlich heißt Maier anders. "Das Schlimme ist, dass man sich so sehr schämt", sagt sie. Sie wollte nicht, dass jeder weiß, dass sie nicht richtig lesen und schreiben kann. Den Namen haben wir darum geändert. Aber Maier ist nicht allein.

7,5 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland gelten laut einer Studie der Universität Hamburg wie Maier als funktionale Analphabeten, sie kommen mit Buchstaben, Wörtern und einfachen Sätzen begrenzt zurecht; zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen, fällt ihnen schwer. 2,3 Millionen Erwachsene gelten als vollständige Analphabeten. Sie können einzelne Worte schreiben, aber keine ganzen Sätze lesen. 300.000 Menschen in Deutschland können nicht einmal ihren Namen korrekt schreiben.

Die Hamburger Studie ist die erste ihrer Art in Deutschland, aber sie ist nicht mehr ganz neu. Die Daten sind sechs Jahre alt, zurzeit werden neue erhoben. "Sie können davon ausgehen, dass sich die Zahlen nicht ändern", sagt Ralf Häder, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung. "Wir haben es mit einem Feld zu tun, das man nicht in drei, vier Jahren beackert."

Von "multiplen Problemlagen" spricht Häder. Es gibt bislang kein ideales Kurskonzept, und dass es das jemals geben wird, bezweifelt er. Zu unterschiedlich sind die Bildungsbiografien, zu verschieden die Lebenswirklichkeiten der Betroffenen. An alle heranzukommen, ist unmöglich. Manche nehmen das Problem subjektiv gar nicht wahr, sagt Häder, bei anderen überwiegt die Scham. Der Alphabetisierungs-Verband hat eine Rufnummer für Betroffene und Vertrauenspersonen geschaltet, das Alfa-Telefon, aber pro Jahr erreichen sie gerade einmal 1500 Anrufe.
Auch Erika Maier schrieb einmal die Alfa-Nummer ab, als sie ein Plakat an einer Bushaltestelle sah. Es zeigte einen Mann, der auf einem Sprungbrett im Schwimmbad stand. Maier wollte den Sprung ins kalte Wasser wagen, aber bis sie tatsächlich anrief, vergingen Jahre. Als sie sich doch überwand, bekam sie vor Aufregung zunächst kein Wort heraus. Schließlich vermittelte man sie an die VHS Düsseldorf – Maier lebt in Düsseldorf –, und erst jetzt sprach sie mit ihrem Mann. Mehr als 30 Jahre sind sie verheiratet. Er kannte ihre Schwierigkeiten, er half ihr bislang bei alltäglicher Korrespondenz. Aber er wusste nicht von der Schwere der Belastung. Maiers Furcht: Was wird, wenn sie einmal allein für sich sorgen muss? Er begleitete sie zum Beratungsgespräch. Wenn sie nun unterwegs sind, üben sie. Maier liest vor, was auf Schildern und Plakaten steht.

Die Probleme beginnen immer in der Kindheit. Mit Kindern, die krank sind, die Seh-, Hör- und Gedächtnisprobleme haben oder Konzentrationsschwierigkeiten; die aus bildungsfernen Haushalten stammen; die von Eltern und Lehrern zu wenig gefördert werden; die seelische Probleme haben, weil ein Elternteil gestorben ist oder nach Scheidungen. "Man kann das nicht pauschalisieren", sagt Gundula Haude-Ebbers, Fachbereichsleiterin Alphabetisierung an der VHS Düsseldorf.
Gemeinsam ist den Betroffenen, dass sie früh vom klassischen Bildungsweg abkommen. Oder es ist wie bei Erika Maier: Sie hatte zunächst gar keinen Zugang. Der Zweite Weltkrieg verhinderte ihre Einschulung. Nach Kriegsende zog es die Familie nach England, dort wurde das Mädchen gemäß dem Alter, nicht dem Bildungsstand eingeschult. In der Mädchenschule, erzählt sie, schätzte man ihre Fähigkeiten in den hauswirtschaftlichen Fächern. Alphabetisierungs-Programme gab es nicht. Mit 14 Jahren ging sie ab und wurde Näherin. Noch heute schwärmt sie von den Popeline-Mänteln, die sie damals fertigte.

60 Prozent der Analphabeten in Deutschland gehen den Wissenschaftlern der Uni Hamburg zufolge einer Arbeit nach, die allermeisten sind Hilfskräfte, beschäftigt in Küchen, Hotels und auf dem Bau. Auch als Maier vor 40 Jahren nach Deutschland zurückkehrte, arbeitete sie weiter. Ihre Schwierigkeiten erklärten sich Außenstehende mit den vielen Jahren, die sie im Ausland verbracht hatte – dabei fehlten ihr jegliche Grundkenntnisse. Maier nahm das hin. Ihren zwei Kindern besorgte sie Märchen auf Schallplatten, oder sie dachte sich zum Einschlafen selber Geschichten aus. Bei der Einschulung der Tochter offenbarte sie sich dem Direktor. Der schenkte ihr ein Buch zum Lernen. Sie wollte dem Kind ja zumindest ein wenig helfen können.

Wenn sie Bahn fährt, erzählt Maier, sieht sie den Menschen beim Lesen zu und denkt sich, was für ein Glück die haben. "Wenn ich sehe, wie manche schreiben, einfach so und so schnell, dann kommt mir das vor wie ein Wunder." Sie hat ein Heft mit Nomen, Vokalen und einigen Übungssätzen, und zu Hause liest sie kurze Texte von Arbeitsblättern. Kleine Erfolge spornen sie an weiterzumachen. Vor Weihnachten endete ihr erstes Semester. Für den Kursus ab Januar hat sie sich bereits angemeldet.
"Mein Ziel ist, mir selber helfen zu können, ich möchte lesen und schreiben wie andere", sagt Erika Maier. "Ich weiß nicht, ob ich das schaffe." Aber sie lernt das jetzt.

 
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