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Siegburg
Spaziergänger lieben Friedhöfe

13 Fakten: Wissenswertes zu Allerheiligen
13 Fakten: Wissenswertes zu Allerheiligen FOTO: dpa, Patrick Seeger
Siegburg. Viele Städte arbeiten an einem neuen Image der Friedhöfe. Sie sollen für die Lebenden attraktiver werden. Friedhofcafés eröffnen wieder, und es gibt Führungen zu besonderen Gräbern. Von Leslie Brook

In einer Gesellschaft, die den Tod möglichst zu verdrängen sucht, fällt Siegburg mit seinem Friedhofscafé auf. Dort sagen die Leute: "Ich gehe ins Café T.O.D." - für Fremde mutet das merkwürdig an. Doch die Initiatoren haben sich bewusst für den provokativen Namen entschieden, als sie vor rund zwei Jahren das Café am Nordfriedhof eröffneten. "Wir möchten das Tabu vom Tod nehmen und ihn im Leben wieder alltäglich machen", erklärt die Leiterin des Standesamtes und der Friedhofsverwaltung, Andrea Müller, die gleichzeitig erste Vorsitzende des Trägervereins ist. Einige taten sich anfangs schwer mit dem Namen, akzeptierten dann aber seine Bedeutung "Tabu Offen Diskutieren" und verteidigen ihn heute selbst. Das Café sei ein Erfolg, heißt es bei der Stadt Siegburg.

Friedhofscafés sind im Kommen. In Berlin hat das "Schmauset in Frieden" eröffnet, am Münchner Ostfriedhof entsteht bis Ende 2017 in einem umgebauten Krematorium Gastronomie. Diese Lokale wollen aber nicht die Art von Gaststätten sein, die Familien nach der Beisetzung mit gedecktem Apfelkuchen versorgen, sondern ein ständiger Ort der Begegnung, der Einkehr und der Gespräche. Nicht nur für Hinterbliebene, die an Allerheiligen oder am Totensonntag die Gräber pflegen, sondern auch für Ausflügler nach einem Spaziergang oder einer Besichtigung des Friedhofs.

32.000 Friedhöfe gibt es laut der Verbraucherinitiative Bestattungskultur "Aeternitas" in Deutschland - und in vielen Städten bemühen sich die Verwaltungen darum, die Oasen der Ruhe offener zu gestalten. Inzwischen ist es vielerorts kein Tabu mehr, dort zum Beispiel Theater- oder Kinovorstellungen zu organisieren. Einige Angebote richten sich speziell an Kinder, wie etwa Fledermausführungen. Vor allem aber sollen Friedhöfe Anlaufstelle für Erholungssuchende sein, der Friedhof möchte auch Lebenden etwas geben: "Wir beobachten, dass heute wieder viele Menschen gerne auf Friedhöfe gehen, die Atmosphäre dort ist besonders, und es gibt viel zu entdecken", sagt Inge Gotzmann, Geschäftsführerin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland. Durch starre Regeln hätten Friedhöfe in der Vergangenheit an Attraktivität verloren, nun werde am Image gearbeitet. Friedhöfe sollen zu attraktiven Orten werden. Denn durch die zunehmende Säkularisierung unterhalten nicht mehr so viele Menschen Gräber, Friedhöfe werden mehr und mehr zu grünen Oasen. "Auf Friedhöfen kann man die Natur erleben und Stille genießen, sie sind aber auch kulturhistorisch interessant." Eine Initiative von Friedhofsverbänden will erreichen, dass die Friedhofskultur in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird. Friedhöfe seien identitätsstiftend, heißt es in dem Antrag.

Wer in Paris Urlaub macht, besucht meist auch den "Père Lachaise", wer in Berlin zu Besuch ist, plant einen Abstecher zum Jüdischen Friedhof in Weissensee ein. Dort befindet sich der flächengrößte erhaltene jüdische Friedhof Europas mit fast 116.000 Grabstellen.

Friedhöfe als Sehenswürdigkeiten zu betrachten - das sollte nicht nur für die Ferien gelten, sondern auch im Alltag. "Kein Friedhof ist wie der andere", sagt Alexander Helbach von "Aeternitas". Jeder habe seinen Reiz. So zeichnet sich beispielsweise der Hauptfriedhof Bocholt durch seine geometrische Gartenkunst aus, auf dem Alten Friedhof in Bonn - übrigens die zweitgrößte Grünanlage der Bonner Innenstadt - gibt es viele berühmte Grabstätten, darunter die von Robert und Clara Schumann sowie von Beethovens Mutter. Verschiedene Führungen laden zur Erkundung der Musikergräber, aber auch zu britischen Grabstätten oder zu den Gräbern von Professoren ein. "Anhand der rund 2800 Denkmäler lässt sich die Bonner Geschichte aus vielen Blickwinkeln beschreiben", erklärt die Geschäftsführerin des Vereins, Erika Zander. Auch der Kölner Melatenfriedhof ist einen Besuch wert: Dort finden sich die Gräber der Familie Millowitsch, auch die Schriftstellerin Irmgard Keun und der Komiker Dirk Bach sind dort bestattet. Ebenfalls sehenswert ist der Jüdische Friedhof in der Nähe von Xanten.

In Zukunft dürften sich weitere Veranstaltungen und Friedhofscafés etablieren - nicht nur in Städten, auch auf dem Land, meint Helbach. Im Siegburger Friedhofscafé werden inzwischen auch Ausstellungen präsentiert. "Das Café ist für alle gedacht", sagt Walter Kühn, der sich dort ehrenamtlich engagiert. "Wer reden will, der kommt. Wer selbstgebackenen Kuchen möchte, der kommt, und wer einfach einkehren möchte, der ist auch willkommen."

Quelle: RP
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