Hochborh soll wieder Blödesheim werden: Stefan Raab sorgt für Trubel in Winzerdorf
zuletzt aktualisiert: 13.03.2001 - 09:58Hochborn (rpo). Es ist nicht das erste Mal, dass TV-Blödler Stefan Raab das Banale zum Kult ausruft und Tausende ihm folgen: Jetzt hat es das rheinhessische Dorf Hochborn bei Alzey getroffen.
Dort herrscht seit Mitte Februar eine Art Ausnahmezustand. Seit der Comedy-Moderator Stefan Raab in seiner Show «TV-Total» auf ProSieben und auf seinen Internetseiten vor Millionen Menschen über den bis 1971 «Blödesheim» genannten Ort Witze macht und vehement die Umbenennung in den alten Namen fordert, sehen sich die Bewohner mit bizarren Reaktionen konfrontiert.
Ortschilder werden beschmiert oder gestohlen, bei Einwohnern gehen anonyme Anrufe ein, Kommunalpolitiker sind genervt, und einige Geschäftstüchtige versuchen Kapital aus dem Namen «Blödesheim» zu schlagen. Auch einige Prominente unterstützen den inszenierten Klamauk.
«Am ärgerlichsten sind die Spottanrufe bei einigen unserer 450 Einwohner», sagt der Hochborner Bürgermeister Kurt Knell (parteilos). Die meist jugendlichen Anrufer grunzten am anderen Ende der Leitung oder machten obszöne Witze über «Blödesheim». Auch bei Knell hätten sich schon mehrfach selbst ernannte Spaßvögel gemeldet.
Vom Telefonterror ist vor allem die Familie Ochs betroffen, die im Gegensatz zu manchen anderen Hochbornern nicht über das Dorftratsch- Thema Nummer eins lachen kann. Auf Grund des Nachnamens seien bis zu 20 Anrufe am Tag eingegangen, sagt die Frau des Hauses. Daraufhin habe sich die Familie einen Anrufbeantworter zugelegt. Der Sohn besitze sogar eine neue Telefonnummer. Skurriler Höhepunkt war ein durchaus ernst gemeinter Brief eines «Fans» mit der Bitte um ein Autogramm des Ehemannes.
Die plötzliche Bekanntheit hat auch dem Markennamen «Blödesheim» zu einem etwas zweifelhaften Ruhm verholfen. So kreierte ein hessischer Fleischer eine «Blödesheimer Ochsenwurst», die nach dessen eigener Aussage «wahnsinnig gut» schmecken soll. Ein Teil der Hochborner Weinwirtschaft hat ebenfalls den Namen «Blödesheim» wiederentdeckt. Nachdem vor allem auf Drängen der Winzer der Ort 1971 vom Gemeinderat in Hochborn umbenannt wurde - seit 782 existiert das Dorf und hieß seit 1613 Blödesheim - preisen nunmehr zwei Weingüter mit Hinweis auf «Blödesheim» ihre Produkte im Internet an.
Daraufhin hat sich beim Weingut Hahn der Sonntagsabsatz kräftig gesteigert - bei acht verkauften Flaschen an vier «Blödesheim- Touristen» war das allerdings ein eher bescheidener Erfolg. Sein Kollege, Dieter Michel, verzeichnete bisher keine Umsatzsteigerung. Generell nehme er den derzeitigen Rummel aber auch nicht so ernst, denn in einigen Wochen sei der ganze Spaß vermutlich vorbei. Etwas seltsam aber sei es, dass einige Jugendliche mit dem T-Shirt «Proud to be blöd» (Stolz, blöd zu sein) durch den Ort liefen.
Auf diese humorvolle Einstellung der Hochborner verweist auch das Kölner Unternehmen Brainpool, das zusammen mit Raab die Sendung produziert. Bereits zwei Mal seien jeweils etwa 70 Hochborner der Einladung zur Show nach Köln gefolgt, und auch die Besuche von Stefan Raab im Dorf seien allgemein als lustig empfunden worden, sagt eine Brainpool-Sprecherin. Das zeige, dass die Menschen den Spaß verstanden hätten. Dagegen ist der Hochborner Bürgermeister angesichts des Trubels um den ungewöhnlichen Namen eher genervt. Eine Rückbenennung in Blödesheim wünschten weder die Mitglieder des Gemeinderats noch ein Großteil der Hochborner.
Für eine Umbenennung hat Stefan Raab inzwischen einige prominente Gäste seiner Show gewonnen. Der Komiker Rüdiger Hoffmann und der ARD- Moderator Sven Kuntze sprachen sich für eine Umbenennung aus. Karl Moik, der «Musikantenstadel»-Moderator, wollte gar eine Volksmusiksendung aus einem zurückbenannten Blödesheim arrangieren.
Ein solcher organisierter Trubel um das verschlafene Weindorf ist für Bürgermeister Knell zu viel. Er hofft auf die mediale Kurzlebigkeit. Irgendwann sei «Blödesheim» uninteressant, und Stefan Raab werde sein Augenmerk auf ein anderes Thema, womöglich sogar auf ein anderes Dorf richten. Schließlich gibt es auch Orten wie Dümmer bei Schwerin oder Deppenhausen (Baden-Württemberg).
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