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Stille Nacht? Stressige Nacht!

Zu Weihnachten versammelt sich oft die ganze Familie - und das ist schön. Doch alle Termine und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach, wie zwei Frauen erzählen.

Jessica Kuschnik (33), Redakteurin im Ressort Report:

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten – frei nach diesem Motto wird in meiner Familie schon nach der Bescherung das Territorium für das nächste Fest markiert. Nennen wir das Kind beim Namen: Es werden Besitzansprüche geltend gemacht. Der Besitz, das sind wir, die Kinder. Die Fakten sind bekannt: Es gibt drei Weihnachtsfeiertage, also drei Termine, die zu vergeben wären. Klar könnte man jetzt sagen: Schmeißt doch einfach ein großes Fest mit allen. Ist aber nicht so einfach, wenn die geschiedenen Eltern das Wohnzimmer mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Gladiatorenarena verwandeln würden, die Schwiegereltern ungern woanders als in ihrem Traumhaus feiern möchten – wobei ungern auf keinen Fall bedeutet – und die Schwester direkt nach der Bescherung wie ein geölter Blitz zur Familie ihres Freundes muss.

Also werden im Januar die Terminkalender gezückt – und dann wird gefeilscht. Dabei zieht immer die "Ich kann nicht mehr so"-Karte. Der Schwiegervater sagt: "Ich würde ja Weihnachten zu euch kommen, aber ihr müsst zu mir, denn ich kann ja nicht mehr so weite Strecken fahren." Meine Mutter sagt: "Ich würde ja den zweiten Weihnachtstag nehmen, aber die Tage davor sind so anstrengend, da bin ich am 26. Dezember kaputt. Ich kann halt nicht mehr so." Meine Schwester sagt: "Mein Freund und ich haben jetzt so anstrengende Jobs, da sehen wir uns kaum, und daher muss ich Heiligabend da hin – ich kann halt jetzt nicht mehr so." Etwa elf Monate später hat man sich geeinigt. Zufrieden ist jeder. Denn wer unzufrieden ist, der weiß, dass ihm das die "Diesmal darf ich entscheiden"-Karte fürs nächste Jahr einbringt.

Sind die Termine endlich geklärt, steht die Essensfrage an. Meine Mutter will dieses Jahr an Heiligabend ins Restaurant. Denn klar, sie wollte uns alle bei sich haben, ihr ist dann aber wieder eingefallen, dass das Dreck macht und sie stundenlang vor dem Herd stehen muss. Also hat sie beschlossen, dass sie ja kochen würde, aber "nicht mehr so kann". Das Essen am ersten Weihnachtsfeiertag wird dann aber selbst gekocht – vom Thermomix. Den schenken sich die Schwiegereltern selbst und wollen mir an diesem Tag die Wunderwelt dieser Höllenmaschine näherbringen – dabei will ich doch nur einen ruhigen Tag bei ihnen verbringen. Der zweite Weihnachtstag wird zum Spießrutenlauf für mich, weil die Frau meines Vaters auch nach fünf Jahren glaubt, mein Vegetarismus sei eine Phase und der Braten würde mir schon schmecken.

Der Geschenkemarathon ist für meine Familie übrigens stressfrei, aber nicht für mich. Denn ich besorge die Geschenke – für alle von allen. Und alle erwarten, dass ich in Vorkasse trete. Natürlich muss ich ihnen auch eine Liste für mich schicken, mit Preis und detaillierter Beschreibung, wo sie was bekommen. Vielleicht sollte ich anbieten, alles gleich mit zu besorgen – wo ich eh unterwegs bin. Die Feiertage sind dann aber meist doch sehr schön – ich hab euch ja auch alle lieb. Bis nach der Bescherung, wenn der Erste fragt: "Und, wo feiert ihr nächstes Jahr Heiligabend?"

Claudia Broschat (43), Name geändert, lebt im Bergischen Land:

Vor fünf Jahren haben mein Mann und ich ein Haus gekauft, und es war der Beginn für unsere Heiligabend-Tradition. Nur wir zwei und unsere zwei Kinder, die mittlerweile fünf und acht Jahre alt sind. Wir wollten eigene Rituale schaffen, mit den Kindern den Gottesdienst in unserem Ort besuchen, zu Fuß in die Kirche gehen. Und die Heiligabende zuvor waren auch echt anstrengend, weil wir uns auf mehrere Feiern aufteilen mussten.

Denn davor sind wir nie zu Hause gewesen, erst ging es zu meinen Eltern zum Kaffee, zwischendurch in den Gottesdienst und dann zu den Schwiegereltern zum Abendessen. Die Familie wohnt zwar im Umkreis von 20 Kilometern im Bergischen Land, das ist gut machbar, aber auch nicht nur mal kurz auf die andere Straßenseite. Auch deshalb waren die Heiligabende der totale Stress: Immer wieder mussten wir die Kinder warm einpacken und mit ihnen raus ins kalte Auto. Wirkliche Ruhe kommt nicht auf, denn irgendwie schielt man ständig mit einem Auge auf die Uhr. Alle Aufbau-Geschenke wie zum Beispiel von Lego und Playmobil mussten erst einmal warten, damit uns die Kleinteile auf dem Heimweg bloß nicht verloren gingen. Die Kinder hatten dafür nur teilweise Verständnis, und weil wir den ganzen Tag nur unterwegs waren, Tür auf, Tür zu, haben mein Mann und ich uns erst spätabends unsere Geschenke gegeben, wenn die Kinder schon im Bett lagen.

Erstaunlicherweise haben unsere Verwandten unsere Entscheidung, diesen Tag allein bei uns in "unserem Nest" zu feiern, ohne Murren akzeptiert. Ich glaube, wir hatten es auch einfacher, weil wir zwei Kinder haben. Wenn du eigene Familie hast, sind immer die Argumente auf deiner Seite: Wir können nicht so lange bleiben, das Kind schläft nur im eigenen Bett ein. Wir müssen schon fahren, das Kind ist schon übermüdet. Irgendwas zieht immer.
Ich verstehe schon, dass es für meine Eltern und Schwiegereltern nicht einfach ist. Meine Eltern feiern alleine, meine Schwiegereltern auch. So wie wir unsere Traditionen als Familie aufbauen und beleben, so müssen sie sich von ihren auch verabschieden. Meine Schwiegermutter hat seit 40 Jahren für sich, ihren Mann und die Kinder an Heiligabend Forelle gemacht, nun sitzt mit ihnen keiner mehr am Tisch. Das ist schon traurig, aber auch der Lauf der Zeit.

Und es ist ja nicht so, als würden wir uns Weihnachten nicht sehen. Am ersten Feiertag brechen wir nach dem Frühstück zu den Schwiegereltern auf, Mittagessen mit drei Gängen und Kaffeetrinken, am späten Nachmittag ziehen wir weiter zu meinen Eltern, wieder drei Gänge. Am zweiten Feiertag kommt meine Schwägerin mit Familie zum Kaffee zu uns. Ich habe für jeden Tag eine Klappbox mit Geschenken, die ich für alle Kinder im Auftrag der Verwandten gekauft habe.

Und am dritten Feiertag hat mein Schwiegervater Geburtstag, am zweiten Januar mein Vater, am fünften meine Schwiegermutter – da sitzen wir schon wieder beim Kaffee, obwohl ein Sekt für meine Laune sicher besser wäre.

 

 

Quelle: RP
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