Wiesenthal-Zentrum bezeichnet Pläne als skandalös: Streit um Shopping-Center bei Auschwitz
zuletzt aktualisiert: 20.04.2002 - 19:36Warschau (rpo). Ob normale Geschäfte in der 100 Meter breiten Schutzzone um das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz vertretbar sind, darüber streiten sich ein polnischer Unternehmer und das jüdische Simon-Wiesenthal-Zentrum.
Der zuständige Provinz-Gouverneur erlaubte einem polnischen Unternehmer, mehrere Geschäfte innerhalb der 100 Meter breiten Schutzzone um die Gedenkstätte zu eröffnen. Das jüdische Simon-Wiesenthal-Zentrum verurteilte die Entscheidung und drohte mit einer Beschwerde bei der EU-Kommission in Brüssel. Ein polnischer Regierungssprecher bezeichnete die Erlaubnis als rechtlich korrekt.
Der Unternehmer Janusz Marszalek will in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte ein kleines Einkaufszentrum mit einem Zeitungs- und Buchladen, einem Blumengeschäft, einer Pizzeria sowie anderen "Service-Einrichtungen" aufbauen. Bereits kommende Woche wolle er einen Parkplatz eröffnen, sagte Marszalek der dpa am Samstag.
Das Wiesenthal-Zentrum bezeichnete die Erlaubnis als "absolut skandalös". In Auschwitz dürften keine Geschäfte gemacht werden, sagte ein Sprecher der dpa. "Polen ist ein EU-Kandidat, und wir werden der EU-Kommission klarmachen, dass eine solche Behandlung der Geschichte nicht akzeptabel ist." In Auschwitz sind von den Nazis während des Zweiten Weltkrieges mehr als 1,1 Millionen Menschen vor allem jüdischer Abstammung ermordet worden.
Der Regierungssprecher sagte, die Erlaubnis des Gouverneurs könne beim Innenministerium beanstandet werden. Die Entscheidung sei jedoch rechtskonform. "Niemand will ein Kasino, einen Sex-Shop oder ein Unterhaltungslokal eröffnen", sagte er. Innerhalb der Schutzzone sind Handel und andere wirtschaftliche Aktivitäten sowie Baumaßnahmen grundsätzlich verboten.
Der Streit mit dem Unternehmer läuft schon seit Jahren. Die Behörden hatten ihm zunächst die Eröffnung eines Supermarktes erlaubt, die Genehmigung jedoch später zurückgenommen. Ein Gericht sprach ihm daraufhin eine Entschädigung in Höhe von mehr als 300 000 Euro zu.
Es ist nicht der einzige Streitfall dieser Art in der südpolnischen Stadt Oswiecim (Auschwitz). Nach erbitterten Protesten unter anderem des Wiesenthal-Zentrums wurde vor einem Jahr eine Discothek geschlossen, die rund zwei Kilometer von der Gedenkstätte entfernt war. Sie war in einem Gebäude untergebracht, in dem Häftlinge Zwangsarbeit geleistet hatten.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







