Wert der Lira sinkt bei ständig steigenden Preisen: Türkei: Die Inflation schafft Millionäre
zuletzt aktualisiert: 27.04.2000 - 09:42Istanbul (dpa). In der Türkei rinnt den Menschen das Geld buchstäblich durch die Finger. Die Inflation lässt den Wert der türkischen Lira stetig sinken und die Preise steigen.
Monat für Monat besteht ein großer Teil der Wirtschaftsseiten vor allem aus Angaben über höhere Preise für Fahrten mit Taxis, Sammeltaxis und Bussen sowie für Flüge. Lag die Grundgebühr für eine Taxifahrt in Istanbul bis vor kurzem noch bei 300 000 Lira (rund eine Mark), zeigt nun das Taxameter beim Einsteigen schon 400 000 Lira an.
Teurer werden auch Strom, Wasser und das staatlich subventionierte Brot. Die Ausgaben für Miete, Möbel, Kleidung und Lebensmittel klettern ebenfalls beständig nach oben. Die Preise für Obst und Gemüse haben sich in Istanbul innerhalb weniger Wochen fast verdoppelt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viele Hausfrauen beim Einkauf unablässig murmeln: "cok pahali" (sehr teuer). Hinzu kommt: Die meisten Türken müssen oft Monate warten, ehe ihr Gehalt an die jährliche Teuerung von mehr als 60 Prozent angepasst wird.
Einige Angestellte haben Glück, sie bekommen ihr Gehalt in Devisen ausgezahlt. Viele Preise werden auf Grund der Inflation erst gar nicht in der Landeswährung angegeben. Fluggesellschaften, Elektrogeschäfte und Hotels zum Beispiel geben den Preis ihrer Waren und Dienstleistungen meist in Dollar an und rechnen dann den jeweiligen Tageskurs aus. So kann es sein, dass man zu Wochenbeginn für ein 50-Dollar-Zimmer 29,9 Millionen und zum Ende der Woche 30,2 Millionen Lira bezahlt.
"Wie soll man da noch leben?"
Nach einer Untersuchung der Istanbuler Handelskammer muss in der Millionen-Metropole rund ein Viertel der Familien mit 101 Millionen (359 Mark) bis 200 Millionen Lira auskommen. 8,5 Prozent haben ein Monatseinkommen von nur 51 bis 100 Millionen. "Wie soll man da noch leben", beklagt sich ein Istanbuler Taxifahrer. Er erhalte von dem Taxiunternehmer pro gefahrenen Kilometer - mit Fahrgast, versteht sich - 100 000 Lira (rund 35 Pfennige). "Damit kann ich meine Familie mehr schlecht als recht versorgen."
Vor allem in den teuren Städten im Westen des Landes reicht das magere Gehalt oft nicht zum Leben. Und so haben viele Türken neben ihrer Arbeit noch einen oder zwei Nebenjobs. Viele Ärzte arbeiten nach ihrer Schicht im Krankenhaus noch für Pharmafirmen. Andere sind nebenbei als Arzt in einem Hotel tätig und verdienen dabei oft besser als in der staatlichen Klinik. Lehrer geben Nachhilfeunterricht und Busfahrer fahren nach Ende der Schicht noch Taxi. Um zumindest den Wertverfall des ausgezahlten Geldes aufzuhalten, tragen viele Türken ihren Lohn zu Beginn jedes Monats in eine der zah lreichen Wechselstuben und lassen sich dort ihre Lira in Dollar oder DM umtauschen.
Ankara hat sich straffes Wirtschaftsprogramm verordnet
All dies soll sich nun ändern: Zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds hat sich Ankara ein straffes Wirtschaftsprogramm vorgenommen. Bis Ende dieses Jahres soll die Inflation auf 25 Prozent sinken - ob dies gelingt, bleibt abzuwarten.
Aber zumindest ein deutliches Zeichen der Inflation soll verschwinden. Die Zentralbank will Anfang 2001 sechs Nullen streichen. Aus einer Million Lira soll dann eine Lira, aus zehn Millionen Lira - dem derzeit höchsten Schein - sollen zehn Lira werden. Wenigstens einen Vorteil bringt das: Die Menschen brauchen sich nicht mehr ständig bessere Taschenrechner zu kaufen, die mit den vielen Nullen fertig werden. Und die Touristen werden bei den Millionen und Milliarden nicht mehr so schnell durcheinander kommen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







